Plattformen wie Snapchat, TikTok, Instagram und YouTube bieten mit ihren Kurzvideos einen hohen Anreiz zum endlosen Scrollen. Welche bedenklichen Auswirkungen die exzessive Nutzung der Kurzvideo-Plattformen auf das kognitive und emotionale Wohlbefinden haben kann, zeigt eine aktuelle Studie.
In dieser haben Forschende der Universität Bayreuth die neurokognitiven und emotionalen Effekte der Kurzvideo-Plattformen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen untersucht. Die Ergebnisse sind in dem Fachmagazin „European Child & Adolescent Psychiatry“ veröffentlicht.
Auswirkungen der Kurzvideo-Plattformen untersucht
Die Kurzvideo-Plattformen sind gekennzeichnet durch schnell wechselnde Inhalte mit hochgradig personalisierten Empfehlungen, die auf eine Maximierung der Nutzungsdauer abzielen, erklären die Fachleute.
Sie stellten sich daher die Frage, wie die Kurzvideo-Plattformen und ihr spezielles Design das kognitive und emotionale Wohlbefinden von Jugendlichen und Heranwachsenden beeinflussen.
„Unser Ziel war es, auf Grundlage wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse, ein differenziertes Verständnis über die Auswirkungen von Kurzvideo-Plattformen zu entwickeln und damit die Grundlage zu schaffen, um über pauschale Aussagen wie ‚weniger Bildschirmzeit‘ hinauszugehen“, so die Studienautorin Marlene Ebster.
„Wir wollten verstehen, welche Rolle Plattformdesign, Nutzungsroutinen und algorithmische Mechanismen spielen“, ergänzt Ebster. Hierfür werteten die Forschenden die Ergebnisse von 42 Studien mit rund 47.000 Teilnehmenden im Durchschnittsalter von 16,8 Jahren aus.
Der Großteil der Studien bestand aus Querschnittsuntersuchungen, ergänzt durch Längsschnitt- sowie einzelne EEG- und MRT-Studien, berichtet das Forschungsteam.
Deutliche negative Effekte nachweisbar
Die Datenauswertung ergab, dass eine intensive und unstrukturierte Nutzung von Kurzvideo-Plattformen über vier oder mehr Stunden pro Tag mit einer Reihe negativer Effekte in Zusammenhang steht, erläutern die Forschenden.
Der Begriff „unstrukturierte Nutzung“ habe sich auf das Scrollen von Kurzvideos ohne feste Routine bezogen. Davon abzugrenzen sei eine strukturierte Nutzung, wie beispielsweise während des Pendelns. Unstrukturiert werde die Nutzung vor allem dann, wenn sie spontan erfolge und Schlafenszeiten oder Lernphasen nach hinten verschiebe.
Schlechteres Arbeitsgedächtnis, erhöhte Impulsivität
Bei den Teilnehmenden mit intensiver und unstrukturierter Nutzung der Kurzvideo-Plattformen sei eine Zunahme von Unaufmerksamkeit und Impulsivität sowie eine schlechteres Arbeitsgedächtniskapazität und eine eingeschränktere Selbstregulation aufgetreten. Auch die Werte für Angst, Depression und Stress seien bei einer solchen Nutzung gestiegen.
Zudem deuteten die Ergebnisse der ausgewerteten bildgebende Studien auf mögliche neurobiologische Zusammenhänge hin, wie Veränderungen in der grauen Substanz und in der neuronalen Signalsynchronisation, erläutern die Forschenden.
Mögliche Schutzmechanismen identifiziert
Allerdings konnten die Fachleute auch mögliche Schutzmechanismen identifizieren, die die negativen Effekte der intensive und unstrukturierten Nutzung von Kurzvideo-Plattformen reduzierten. Hierzu zählten ein unterstützendes soziales Umfeld, klare digitale Routinen sowie ausgeprägte Medienkompetenz.
„Besonders wichtig ist es, junge Menschen nicht allein zu lassen, sondern sie zu befähigen, bewusst mit digitalen Angeboten umzugehen“, betont Ebster.
Insgesamt verdeutlichen die Studienergebnisse die Notwendigkeit, differenzierter über digitale Mediennutzung zu sprechen und dabei insbesondere die Rolle des Plattformdesigns stärker in den Blick zu nehmen, resümieren die Forschenden.
Zudem sei es notwendig, Rahmenbedingungen für Kurzvideo-Plattformen zu entwickeln, die insbesondere vulnerable Gruppen schützen. (fp)
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Marlene Ebster, Michael Lauerer, Eckhard Nagel, Sebastian Schmidt: Taming the endless scroll? Short-form videos, digital routines and neurocognitive outcomes in youth; in: European Child & Adolescent Psychiatry (veröffentlicht 12.06.2026), springer.com
- Universität Bayreuth: Auswirkungen von Kurzvideos auf Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung und Wohlbefinden (veröffentlicht 16.06.2026), idw-online.de
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.









