Einsamkeit – Soziale Isolation und Alleinsein

Einsamkeit ist psychologisch ein Synonym für soziale Isolation, bezeichnet aber zugleich das Empfinden, an sozialer Isolation zu leiden. Eine Trennschärfe zu positiv verstandenem Alleinsein, um Gedanken frei zu entfalten oder „seine Ruhe“ zu haben, fällt ethymologisch schwer. Manche Experten unterscheiden zwischen positiver „freiwilliger Einsamkeit“ und negativer „unfreiwilliger Einsamkeit“.


Was sagt die Sozialpsychologie?

Die Sozialpsychologie betrachtet Einsamkeit als das subjektive Gefühl, an einem Mangel an erfüllten sozialen Kontakten zu leiden. Das hat nichts damit zu tun, ob die Betroffenen objektiv viele Kontakte haben oder nicht.

Einsamkeitsgefühle bezeichnen insofern, dass sich ein Mensch seiner sozialen Isolation bewusst wird und sie als negativ empfindet. Hiermit gehen in der Folge nicht selten Depressionen und der Versuch, die negativen Gefühle durch Drogen oder Alkohol zu kompensieren, einher. Solche verfehlten Strategien, die Einsamkeit zu bewältigen, verstärken wiederum die soziale Isolation.

Kinder werden heute oft zu Einzelkämpfern erzogen. Soziale Isolation beziehungsweise Einsamkeit ist häufig die Folge. (Bild: altanaka/fotolia.com)

Definitionen von Einsamkeit

Peplau / Periman stellten 1982 eine bis heute gültige Definition des Begriffs auf. Demnach handelt es sich um einen subjektiv erfahrenen Zustand, um einen Bruch zwischen den sozialen Beziehungen, die ein Mensch hat, und denen, die er sich wünscht. Jemand kann also ständig unter Menschen sein und sich zugleich einsam fühlen. Umgekehrt muss ein Mensch, der sich bewusst von anderen Menschen abwendet und allein im Wald lebt, nicht einsam sein, wenn dies genau der Zustand ist, den er sich wünscht.

Reaktionelle Einsamkeit

Die reaktionelle Einsamkeit entwickelt sich bei Umbrüchen im Leben: Wechsel des Wohnorts, Kinder kriegen, Jobverlust, Pension, Auszug der Kinder, Scheidung, Tod eines Partners, Krankheiten, die einen Mensch ans Bett fesseln, Unfälle, aber auch Alter. Reaktionell heißt diese Form der Einsamkeit deshalb, weil die Betroffenen damit auf eine veränderte Lebenssituation reagieren. Vertraute Beziehungen zerbrechen oder verlieren an Intensität.

Diese reaktionelle Einsamkeit ist meist kein Dauerzustand. Sie geht vorüber, wenn die Betroffenen neue soziale Beziehungen aufbauen, die der neuen Lebenssituation entsprechen: einen neuen Partner finden, Zeit mit Paaren verbringen, die ebenfalls Kinder haben, oder zusammen mit anderen Rentnern ihren Hobbys nachgehen.

Bei der reaktionellen Einsamkeit handelt es sich in aller Regel nicht zuerst um ein psychisches Problem der Betroffenen, sondern um äußere Umstände, wobei kontaktstarke Menschen diese Phasen schneller überwinden als Menschen, die sich schwer damit tun, neue Beziehungen zu knüpfen.

Schleichende Einsamkeit

Anders als die reaktionelle Einsamkeit ist die schleichende Einsamkeit nur bedingt eine Folge äußerer Umstände. Die Betroffenen haben hier soziale Kontakte, doch diese erfüllen sie nicht. Sie klagen, dass sie zwar viele Menschen oberflächlich kennen, aber sich daraus keine tiefen Freundschaften entwickeln, oder dass alte Freunde sich entfremden. Das Gefühl, sich sozial zu isolieren, wird immer stärker.

Vereinsamung kann im Alkoholismus enden. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)

Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Zum Beispiel verändern sich die Interessen, Gefühle und Ziele eines Menschen und langsam entwickelt er sich von seinen alten Freunden weg. Oder es läuft umgekehrt: Ein Mensch stagniert in seiner Entwicklung, während sich die Freundinnen und Freunde verändern. Anfangs treffen sie sich noch, halten vielleicht auch noch die alten Rituale hoch, doch diese fühlen sich zunehmend leer an. Schleichend gehen sie jetzt zueinander auf Distanz. Diejenigen, die dieses Auseinandergehen nicht verkraften und keine neuen Bindungen knüpfen, fühlen sich isoliert.

Äußere Umstände können hier hinein spielen. Ein klassisches Beispiel ist ein Mensch, der in einem kleinen Dorf aufwächst und in seiner Jugend fühlt, dass er ein Potenzial hat, welches sein Umfeld nicht versteht, und dass er hier nicht umsetzen kann. Schafft er jetzt nicht den Absprung und zieht nicht in ein Milieu, wo er sich entfalten könnte, vereinsamt er womöglich schleichend.

Die chronische Einsamkeit

Dieser Zustand zieht sich über Jahre und Jahrzehnte hin und geht oft einher mit psychischen Problemen der Betroffenen. Diesen Menschen fehlt die Fähigkeit, von sich aus soziale Kontakte zu knüpfen und soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten. Besonders leiden darunter Menschen mit einer depressiven Erkrankung.

Andersartigkeit

Die Gefahr, zu vereinsamen, ist besonders groß, wenn das soziale Umfeld Menschen als andersartig wahrnimmt. Dies gilt zum Beispiel für Menschen, die an psychischen Störungen wie dem Asperger-Syndrom, Bindungsstörungen, dem Borderline-Syndrom, Bipolarität oder paranoider Schizophrenie leiden.
Menschen ohne besondere Bedürfnisse haben kaum Zugang zu den Gedanken- und Gefühlswelten der Betroffenen und aufgrund ihres ungewöhnlichen Verhaltens geht kaum jemand tiefe Freundschaften zu diesen Menschen ein.

Andersartig sind aber auch Menschen, die nicht an einer psychischen Behinderung leiden, zum Beispiel Hochbegabte. Wenn diese keine Kontakte zu Menschen haben, die ihre Gedanken verstehen, kann das, muss aber nicht, zum Empfinden von sozialer Isolation führen.

Andersartig erscheinen auch Menschen, die Erfahrungen machten, die ihr Umfeld nicht nachfühlen kann. Dies gilt zum Beispiel für Soldaten, die aus dem Krieg in die Zivilgesellschaft zurück kommen.

Anders zu sein, kann gerade auf dem Dorf einsam machen. (Bild: spaskov/fotolia.com)

Gefühlte Isolation

Der Psychologe John T. Cacioppo sahen in Einsamkeitsgefühlen das soziale Äquivalent zu physischem Schmerz, Hunger und Durst. Dieses Gefühl sei so schwer zu ertragen, dass die Betroffenen Aktionen ausführen, um den Zustand zu beenden oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Zu solchen Handlungen zählt zum Beispiel die sogenannte Beziehungssucht, bei der sich die Betroffenen immer wieder in Intimbeziehungen stürzen, sogar, wenn diese destruktiv sind. Sie werden getrieben von der Angst, allein zu sein. Die gilt auch für manche alte Menschen, die ihre Entlassung aus dem Krankenhaus absichtlich verzögern, weil sie die Einsamkeit zu Hause fürchten.

Gefühlte Isolation erhöht wie Angstzustände den Stresslevel, und damit erhöht sich die Gefahr von Erkrankungen, bei denen Stress eine Rolle spielt. So steigen der Blutdruck und das Risiko für Herzbeschwerden. Laut Cacioppo spielt Einsamkeit sowohl in Suizide hinein wie in Psychosen, Kognitionsstörungen und Alzheimer.

Schlafstörungen

Wer unter Einsamkeit leidet, schläft schlecht, das ergab eine Studie von Lianne Kurina aus Chicago. Demnach schlafen Einsame zwar nicht kürzer, wachen nachts aber häufiger auf und regenerieren durch den Schlaf nur unzureichend. Anderseits stellten Wissenschaftler der University of California kürzlich fest, dass Schlafstörungen Betroffene in Einsamkeit und Isolation treiben – ein Effekt, der schon nach einer schlaflosen Nacht zu beobachten war.

Vereinsamung – Ein Dilemma

Leidet ein Mensch erst einmal unter gefühlter Isolation, fällt es ihm meist immer schwerer, soziale Kontakte aufzubauen, durch die er diesem Gefühl entrinnen könnte. Durch seine Isolation wird er zum „Eigenbrödler“. Seine Kommunikation bezieht sich, bedingt durch die soziale Isolation, meist auf sich selbst. So wirkt er für potenzielle neue Freunde bestenfalls befremdlich. Schnell gehen sie auf Abstand, weil der Vereinsamte auf die Bedürfnisse des Gegenübers nicht eingeht. Er kreist um sich selbst und ist in diesem Käfig gefangen, auch wenn er hinaus möchte.

Einsamkeit macht auf Dauer zum Eigenbrödler. (Bild: LIGHTFIELD STUDIOS/fotolia.com)

So sehr die Betroffenen auch unter ihrer sozialen Isolation leiden, es ist doch der ihnen vertraute Zustand, in dem sie sich bewegen. Sie verhalten sich jetzt auch anderen Menschen gegenüber so, als würden diese gar nicht als eigenständige Wesen existieren. Vereinsamte entwickeln häufig ein Verhalten und vertreten Einstellungen, die Menschen ohne dies Problem in die Distanz treiben. Sie wirken zynisch, destruktiv, bisweilen sogar misanthropisch. Spätestens, wenn die Vereinsamten aus ihrem negativen Empfinden heraus eine Besonderheit konstruieren, gehen Mitmenschen zu ihnen schnell auf Abstand. Es wirkt für die Nicht-Einsamen dann so, als ob der Vereinsamte sie brüskiert, als ob er ausgrenzt – und nicht er derjenige ist, der sich ausgegrenzt fühlt.

Die Betroffenen erleiden psychische Schmerzen und oft richten sie diese nach außen. Sie klagen dann nicht „ich fühle mich isoliert“, sondern „die Menschen sind oberflächlich“. Manche entwickeln aus der Not Hass und Verachtung gegenüber anderen Menschen.

Das schöpferische Leiden

Die Aufklärung in Europa sah Einsamkeit auch positiv, wenn Menschen sich aus dem Alltag zurückzogen, um sich zu besinnen und sich über die Gesellschaft aufklärten, indem sie diese von außen sahen. Die Romantik verherrlichte die Einsamkeit als Introversion, in der sich Menschen einer lieblosen Außenwelt entzogen und die Innenwelt ihrer Träume aufsuchten.

Goethes Werther zum Beispiel konnte in der oberflächlichen Gesellschaft des Bürgertums seiner Zeit keine sozialen Bindungen pflegen und entfaltete seine schöpferischen Kräfte erst, als er sich von dieser Gesellschaft abwandte. Darunter litt er zugleich und beendete sein Leben mit Selbstmord. Bei Nietzsche schließlich ist Einsamkeit ein Kernelement großer Geister.

Einsamkeit macht kreativ und fördert große Geister. (Bild: Alenavlad/fotolia.com)

Soziale Isolation und die Folgen

Einsamkeitsgefühle sind also wissenschaftlich gesehen äußerst schwammig. Anders sieht es mit den komplexen Folgen sozialer Isolation aus. Wer sozial isoliert ist, für den erhöht sich das Risiko für diverse Krankheiten. Familie, Freunde, Verwandte, Kollegen oder Nachbarn sind nicht nur eine emotionale Stütze, sondern auch eine praktische. Andere Menschen erkennen besser als wir selbst, ob es uns an etwas fehlt. Sie sehen unsere blinden Flecken und drängen uns, Sport zu machen oder zum Arzt zu gehen. Damit verbessert ein stabiles soziales Umfeld automatisch die Gesundheit. Hier geht es aber nicht um subjektiv empfundene Einsamkeit, sondern um objektive soziale Isolation.

Was kann ich selbst tun?

Unabhängig, ob ich selbst „schuld“ bin oder nicht, kann ich mein eigenes Verhalten ändern, um die negativen Gefühle loszuwerden. Auch wenn es sich für Vereinsamte merkwürdig anhört: Dies beginnt nicht damit, (zwanghaft) soziale Kontakte zu suchen, sondern damit, es sich selbst besser gehen zu lassen.
Sie können ihre Lieblingsmusik hören, im Wald spazieren gehen, ein Museum besuchen, Hobbys wieder entdecken, Fahrrad fahren, auf Konzerte oder ins Theater gehen, Dinge tun, die sie lieben oder einmal liebten.

Wichtig sind auch die eigenen vier Wände: Richten Sie ihre Wohnung so ein, dass Sie sich dort wohl fühlen. Ob das neue Kissen sind, eine neue Tapete, neue Möbel, Kerzen an einem Winterabend oder Lavendelsträuße in der Küche bleibt ihnen überlassen. Sie können sich auch um Zimmerpflanzen kümmern oder Haustiere anschaffen. Gehen Sie in ein Restaurant und essen Sie allein ihr Lieblingsessen. Malen Sie, lesen Sie, töpfern Sie, legen Sie sich einen Garten an.

Diese Maßnahmen klingen banal und eignen sich tatsächlich nicht, wenn das Einsamkeitsgefühl eine schwere psychische Erkrankung wie eine Depression begleitet. In solchen Fällen können Sie nicht auf praktische Selbsthilfe setzen, sondern müssen sich dringend in psychiatrische Behandlung begeben. Ist dies aber nicht der Fall, dann wirkt es sich positiv aus, das eigene Umfeld erst einmal allein so zu gestalten, dass Sie sich darin wohlfühlen. Zum einen wird das negative Empfinden für sie erträglicher und vielleicht finden Sie sogar, dass das Fehlen sozialer Beziehungen auch einen Vorteil hat – den eigenen Leidenschaften nachgehen zu können. Zum anderen aber bereiten Sie sich so darauf vor, mehr und intensivere soziale Beziehungen aufzubauen. Wer seinen Interessen nachgeht, findet früher oder später Menschen mit ähnlichen Neigungen, und sie haben sofort ein Gesprächsthema, das weder Sie noch ihr Gegenüber langweilt.

Schöne Inneneinrichtung erleichtert das Einladen von Besuch. (Bild: Studio Romantic/fotolia.com)

Trennungseinsamkeit

Menschen, die eine lange Beziehung hinter sich haben, alle Krisen durchlebt, alle Neuanfänge versucht und sich schließlich endgültig getrennt haben, bekommen oft Probleme mit dem ungewohnten Alleinsein umzugehen. Häufig führt dies zum negativen Einsamkeitsgefühl. Diese Gefahr ist umso größer, wenn die Beziehung zuvor das Ein und Alles war, das Leben sich auf den Partner konzentrierte und alte Freunde, Kollegen oder Hobbys das Nachsehen hatten.

Viele Menschen schaffen es dennoch, diese Phase zu überstehen: Sie knüpfen an alte Freundschaften an, gehen auf Parties, in Cafes und Kneipen, lernen neue Menschen kennen. Manche genießen das Alleinsein nach der Trennung sogar, um sich selbst wieder zu finden und ein neues Ich aufzubauen. Wer sozial beliebt ist, von potenziellen Geschlechtspartnerinnen bzw. -partnern begehrt, in seinem Beruf viele auch private Kontakte pflegt, bewältigt die erste Phase der Trauer schneller. Solche Menschen lernen meist neue Beziehungskandidaten kennen, haben die ein oder andere lockere Affäre oder One-Night-Stands, manchmal freuen Sie sich sogar, sich sexuell auszutoben und das alte Spiel von Versuch und Irrtum noch einmal zu spielen.

Bei anderen schlägt das Single-Dasein jedoch in Trübsal um. Sie suchen verzweifelt nach dem oder der Richtigen und fühlen sich immer einsamer, weil sie niemanden finden, auf den oder die ihre Erwartungen zutreffen. Oder Sie stürzen sich umgekehrt aus Panik in wechselnde Bettbekanntschaften und fühlen sich immer einsamer, weil sie von Anfang an wussten, dass „das nichts ist“. Flirts sind für sie kein Kribbeln, sondern Zwang. Allein etwas zu unternehmen, erscheint ihnen bestenfalls als Flucht. Je häufiger sie allein unterwegs sind, umso mehr fürchten sie, zu Sonderlingen zu werden.

Die Gefühle geraten jetzt in eine Negativ-Spirale. Die Betroffenen glauben, sie seien nicht liebenswert, die Suche nach einem Partner erscheint ihnen vergeblich, sie verziehen sich in ihre Wohnung, werden immer schüchterner und lernen so immer weniger Menschen kennen.

Nach einer Trennung fühlt man sich oft mutterseelenallein. (Bild: lassedesignen/fotolia.com)

Verwandte und Freunde

Nach einer Trennung gibt es erst einmal niemand, der den verlorenen Partner ersetzen kann. Doch dafür sind Freunde da, und, wenn alle Stricke reißen und Sie einen guten Kontakt zu ihrer Familie haben, Eltern und/oder Kinder. Die nehmen Sie in den Arm, unternehmen etwas mit ihnen gemeinsam, lenken Sie ab.

Ist das Gefühl der Einsamkeit noch nicht in eine Depression gekippt, bei der Sie sich nicht aus dem Haus trauen? Dann gehen Sie raus. Joggen, Wandern, Schwimmen, Kino, Kneipe, Cafe verbessern nicht nur die Stimmung, überall treffen Sie auch Menschen. Und Menschen lernen Sie am besten kennen, wenn Sie etwas tun, das ihnen Freude bereitet.

Ist Selbstwertgefühl das Problem?

Verstehen wir Einsamkeitsgefühle als subjektives Empfinden sozialer Isolation, dann können diese auch daraus resultieren, dass wir uns selbst und unsere Interessen nicht wertschätzen. Wenn ich mich selbst mag, meine eigenen Fähigkeiten entwickle, meinen eigenen Leidenschaften nachgehe, empfinde ich objektives Alleinsein nicht als quälend – im Gegenteil.

Es wäre zwar schön, wenn jemand meine Interessen teilte, doch mir ist lieber, allein meine Interessen zu verfolge, als die Zeit mit jemandem zu teilen, der dazu keinen Bezug hat. Manche Menschen rennen panisch vor dem Alleinsein davon, weil sie dann mit sich selbst konfrontiert wären. Wer aber mit sich nichts anfangen kann, für den bedeutet Alleinsein Selbstzweifel, Gedankenkreisen, Unsicherheit und Verwirrung.

Suchen Sie Hilfe auf

Wenn Sie längerfristig unter Einsamkeitsgefühlen leiden, dann suchen Sie Hilfe auf. Als ersten Schritt schreiben Sie eine Selbsthilfegruppe an. Wenig hilft mehr gegen die Vereinsamung als der Kontakt zu anderen Betroffenen, die das gleiche Problem haben. Sie können auch eine Beratungsstelle aufsuchen oder bei einem chronischen Zustand, eine Psychotherapie.

Bei großem Leidensdruck ist professionelle Hilfe ratsam. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

Eine gesellschaftliche Aufgabe

Vereinsamte leiden oft zusätzlich daran, dass individuelle Verantwortung Leitmaxime des Spätkapitalismus ist. Sie gelten dann in einer Gesellschaft, die vermeintlich viele Möglichkeiten bietet, als selbst schuld an ihrem Zustand. Hier gilt es, das Bewusstsein zu schärfen, Menschen einzubinden, die sich offensichtlich ausgegrenzt fühlen.

Machen Social Medien einsam?

Der Psychiater und Internetfeind Manfred Spitzer macht nach seinem reißerisch geschriebenen Buch „Digitale Demenz“ die sozialen Medien wesentlich verantwortlich für die heute grassierende Einsamkeit.
Das ist indessen sehr undifferenziert. Zum einen kann das Anhäufen von virtuellen FB-Freunden tatsächlich dazu führen, immer weniger Freundschaften in der realen Welt zu pflegen. Zum anderen lassen sich über das Internet aber auch soziale Kontakte vertiefen, sei es über den Chat mit der besten Freundin, das Skypen mit den Enkelkindern oder die Kurznachricht mit den Kumpels. Onlineforen sind oft der erste Schritt heraus aus der sozialen Isolation: Wer sich immer weiter isoliert hat, dem oder der fällt es einfacher, erst einmal mit dem Filter des Internets einen Austausch zu beginnen und sich erst später leiblich mit den Chatpartnern zu treffen als gleich zu einem Gruppentreffen zu gehen.

Erfolgsdruck

Junge Menschen stehen heute unter einem enormen Erfolgsdruck. Im Alter von 20 Jahren soll ihre Ausbildung, ihr Studium, ihre Karriere starten. Im Studium treffen sie erst einmal auf unzählige Gleichaltrige; Seminare, WG´s, Parties, Liebschaften und neue Freunde. Dann beginnen angeblich die ersten Stufen im erfolgreichen Job und Anfang 30 folgen Familie, Kinder, Eigenheim – so die neoliberale Propaganda. Die Realität sieht aber meist anders aus.

Die jungen „Selbstoptimierer“ selektieren ihre sozialen Kontakte daraufhin, ob sie ihnen beruflich nützen, echte Freundschaften kommen so kaum zustande, intensive Gespräche über private Themen gelten als Zeitverschwendung. Zudem sind die „Selbstoptimierer“ immer irgendwie beschäftigt, Gemeinschaften wachsen nicht, die Nachbarn wechseln, die Verwandten leben weit entfernt. Ohne diese Verbindung zu Menschen, die uns nahestehen, ist das Gefühl von Vereinsamung eine logische Folge.

Gerade junge Menschen isolieren sich oft durch Erfolgsdruck. (Bild: weixx/fotolia.com)

Was sagt die Politik?

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach fordert einen Verantwortlichen im Gesundheitsministerium für das Thema Einsamkeit, der CDU-Politiker Marcus Weinberg eine „Lobby für einsame Menschen“.
Der Präsident der Diakonie, Ulrich Lilie sagt: „Wir brauchen ein Bündnis aus Politik und gesellschaftlichen Gruppen wie Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Sportvereinen und kulturellen Einrichtungen.“

Was sagt die Wissenschaft?

Die Amerikanische Psychologengesellschaft kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen mit vielen Sozialkontakten um 50 % weniger dem Risiko ausgesetzt sind, früh zu sterben. Laut einer australischen Metastudie haben soziale Isolation, Einsamkeit und Single-Leben deutliche Auswirkungen auf einen früheren Tod – vergleichbar mit Übergewicht und Rauchen.

Die unterschiedlichen Risiken hängen außerdem zusammen. Anne Böger von Deutschen Zentrum für Altersfragen schreibt: „Einsame Personen rauchen häufiger, sind eher in Gefahr, übergewichtig zu sein und berichten weniger körperliche Aktivität.“

Nur ein individuelles Gefühl?

Einsamkeit als subjektives Gefühl zu betrachten, klammert die gesellschaftlichen Hintergründe sozialer Isolation aus. Wer unfreiwillig vereinsamt als Folge von gekürzten Sozialleistungen, prekären Arbeitsbedingungen, Vertreibung vom Wohnort, weil er oder sie die Miete nicht zahlen kann, dem oder der ist kaum geholfen mit Tipps zur individuellen Krisenbewältigung. Hier geht es um politische Aufgaben wie sozialen Wohnungsbau, Mieterschutz, soziale Integration und verbesserte Sozialleistungen.

Sie trifft keine Schuld

Wer sich unfreiwillig in der Einsamkeitsfalle sieht, ist nicht schuldig. Es handelt sich vielmehr um einen biochemischen Prozess im Gehirn. Wenn wir mit anderen Menschen kooperieren, wenn uns jemand in den Arm nimmt, wir erfolgreich im Team Aufgaben lösen, schüttet das Gehirn als „Bonbons“ Glückshormone aus.

Fühlt sich ein Mensch jedoch ausgegrenzt und ungeliebt, aktiviert das Gehirn die gleichen Zentren wie bei körperlichem Schmerz. Das Leiden unter Einsamkeitsgefühlen ist demnach ein biologisch sinnvoller Mechanismus, um zu überleben. Isolationshaft und Verbannung waren historisch logischerweise für ein soziales Wesen wie den Mensch äußerst wirksame Strafen.

In Gefahr zu vereinsamen

Manche Menschen sind eher in Gefahr, unfreiwilige Einsamkeit zu erleiden als andere. Die Betroffenen neigen zu einer pessimistischen Einstellung zu ihrer Umwelt, sind schüchtern und beziehen sich vor allem auf sich selbst, können anderen schlecht zuhören und vor allem fehlt es ihnen an Empathie. Sie reden wenig über ihre Gefühle und teilen generell kaum mit, was in ihnen vorgeht.

Menschen, die gerne in organisierten Gruppen dabei sind, ob im Fußball, bei der Feuerwehr oder einer lokalen Politgruppe, laufen wenig Gefahr, zu vereinsamen. Sie knüpfen auch privat eher Kontakte, erwarten von diesen nicht zu viel und sind nicht enttäuscht, wenn nicht alles perfekt läuft. (Dr. Utz Anhalt)

Studien und Referenzen

Julianne Holt-Lunstad et al.: Social Relationships and Mortality Risk auf www.plosmedicine.org. Aufgerufen am 24.05.2018 (http://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.1000316).
Louise C. Hawkley and John T. Cacioppo: Loneliness Matters: A Theoretical and Empirical Review of Consequences and Mechanisms auf www.ncbi.nlm.nih.gov. Aufgerufen am 09.08.2018