Eine Selbstdiagnose bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist oft falsch

Sebastian Bertram
Selbstdiagnose Unverträglichkeit: „frei von“-Lebensmittel nur bei bestimmten Lebensmittelunverträglichkeiten sinnvoll
Glutenfreie Brote, Pizzen, Speiseeis, lactosefreier Kochschinken oder Zwieback – der Absatz von speziellen „frei von“-Lebensmitteln boomt. Allein für lactosefreie Lebensmittel lag der Umsatz im Jahr 2014 bei 285 Mio. EUR und für glutenfreie Lebensmittel bei 105 Mio. EUR. Tendenz steigend. Immer mehr Menschen greifen zu Lebensmitteln, die frei von Gluten oder Lactose sind – ohne dass eine medizinische Notwendigkeit besteht.


Für Zöliakiepatienten, Weizenallergiker, Menschen mit Weizen- bzw. Glutensensitivität oder Lactoseintoleranz sind diese Lebensmittel ein Segen und erleichtern den Alltag. Leiden sie an einer dieser Unverträglichkeiten, ist das Weglassen des Lebensmittels mit krankheitsauslösenden Inhaltsstoffen die einzig sinnvolle Therapie. Denn die Beschwerden lassen dadurch nach oder bleiben aus. „Für alle anderen Personen haben sie keinen nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen“, urteilt die DGE in ihrem 13. Ernährungsbericht. Offensichtlich verbinden viele Verbraucher mit „frei von“-Lebensmitteln generell positive, gesundheitsfördernde Aspekte, wie eine Gewichtsabnahme oder generell gesundheitliche Vorteile. Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ergab, dass rund 80 % der Käufer von lactosefreien Lebensmitteln keine nachgewiesene Lactoseintoleranz haben.

Glutenfrei nur bei tatsächlicher Glutenunverträglichkeit sinnvoll. Bild: photocrew – fotolia

Glutenfreie Lebensmittel – in welchen Situationen sind sie sinnvoll?
Das Angebot an glutenfreien Produkten hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Und die Einführung der Allergenkennzeichnungspflicht stellt für Betroffene eine deutliche Verbesserung des Gesundheitsschutzes dar. Beide Entwicklungen begrüßt die DGE, denn diese erleichtern die Lebensmittelauswahl. Für Menschen, die an Zöliakie, Weizenallergie und Gluten- bzw. Weizensensitivität leiden, ist es sinnvoll, Gluten bzw. Weizen zu meiden. Zöliakie und Weizenallergie lassen sich heutzutage zweifelsfrei vom Facharzt nachweisen.

Bei der Gluten- bzw. Weizensensitivität liegen zwar ähnliche Symptome wie bei Zöliakie oder Weizenallergie vor. Unklar ist, ob es noch andere Auslöser im Weizen gibt. Die Diagnose der Gluten- bzw. Weizensensitivität stellt der Mediziner hingegen nur durch Ausschluss der Zöliakie und der Weizenallergie sowie der Durchführung einer glutenfreien Eliminationsdiät mit anschließendem kontrolliertem Provokationstest. Viele Verbraucher verzichten allerdings auf Weizenprodukte – ohne ärztlichen Befund, sondern aufgrund einer Selbstdiagnose, nach dem Motto: „Das vertrage ich nicht – das lasse ich lieber weg.“

Ein freiwilliger Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel bedeutet nicht automatisch eine gesundheitsfördernde Ernährung – so wie glutenfreie Lebensmittel teilweise beworben werden. Die Lebensmittel unterscheiden sich nicht nur in Geschmack und Preis. Durch das Weglassen des Glutens und Ausweichen auf andere Inhaltsstoffe bzw. Lebensmittel kommt es zu Veränderungen der Energie- und Nährstoffzufuhr. Diese sind nicht immer zugunsten des Verbrauchers.

Einige glutenfreie Lebensmittel haben einen vergleichsweise höheren Fettgehalt, während der Anteil an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen geringer ist. Werden Weizen und andere glutenhaltige Getreidearten wie Dinkel, Grünkern, Roggen, Hafer und Gerste langfristig vom Speiseplan gestrichen, kann es zu einer geringeren Zufuhr an Ballaststoffen, B-Vitaminen, Magnesium, Zink und Eisen kommen. Beim Verzicht auf Vollkornprodukte bleiben die präventiven Effekte hinsichtlich der Entstehung von Herz-Kreislauf-Krankheiten und bestimmten Krebskrankheiten ungenutzt.

Ursache der Beschwerden kann zum Beispiel eine Unverträglichkeit gegenüber Fructose oder Gluten sein. (Bild: PhotoSG/fotolia.com)

Lactosefrei um jeden Preis?
Für den Begriff „lactosefrei“ gibt es derzeit keine gesetzliche Regelung. Die Lebens¬mittelindustrie bietet eine große Palette an Produkten mit dieser Bezeichnung an. Darunter befinden sich auch Lebensmittel, wie Schwarzbrot, Zwieback oder Kochschinken, deren Lactosegehalt nur gering ist. Dies führt bei vielen Betroffenen zur Verunsicherung. Um sicher zu gehen, greifen sie zu gekennzeichneten, aber häufig teureren Produkten. Dabei hätte das herkömmliche Lebensmittel keinerlei Nachteile.

Lactose (= Milchzucker) ist ein natürlicher, in Milch und daraus hergestellten Lebensmitteln, vorkommender Zucker. Eine Lactoseintoleranz ist eine der häufigsten Lebensmittelintoleranzen und führt zu Darmbeschwerden wie Bauchschmerzen, Völlegefühl, Blähungen oder Übelkeit. Nur sehr wenige Personen mit Lactoseintoleranz müssen komplett auf Lactose verzichten. Häufig vertragen sie kleine Mengen wie sie in einer Scheibe Käse, einem Joghurt oder in Fertigprodukten vorkommen.

Risiko Weglassen
Wer „frei von“-Produkte ohne Lebensmittelunverträglichkeit konsumiert, zahlt häufig mehr – hat aber dafür keinen gesundheitlichen Nutzen, so das Fazit der DGE. Das Weglassen einzelner Lebensmittel oder -gruppen erhöht grundsätzlich das Risiko für Nährstoffdefizite und kann langfristig zu gesundheitlichen Einschränkungen führen. Wer aus gesundheitlichen Gründen auf bestimmte Lebensmittel verzichten muss, bekommt bei einer qualifizierten Ernährungsfachkraft individuelle und alltagstaugliche Hilfe. (pm,sb)