Masern: Zehntausende Kleinkinder in Deutschland ungeimpft

Arzt macht einen Eintrag im gelben Impfpass

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Infektionskrankheiten: Enorme Impflücken bei hunderttausenden Kindern und Jugendlichen

Einer aktuellen Analyse der Barmer Krankenkasse zufolge gibt es in Deutschland deutlich größere Impflücken als bislang bekannt war. Laut den Experten sind hunderttausende Kinder und Jugendliche nicht oder unvollständig gegen gefährliche Infektionskrankheiten geimpft. Viele Kleinkinder sind sogar komplett ungeimpft.


Nicht oder unvollständig gegen Masern geimpft

In Deutschland gibt es trotz steigender Impfquoten deutliche Impflücken bei hunderttausenden Kleinkindern und Jugendlichen. Das geht aus dem Barmer-Arzneimittelreport 2019 hervor. Wie die Krankenkasse in einer Mitteilung schreibt, war mehr als jedes fünfte im Jahr 2015 geborene Kind in den ersten beiden Lebensjahren nicht oder unvollständig gegen Masern geimpft. Hochgerechnet auf Basis der Daten von Barmer-Versicherten waren damit im Jahr 2017 bundesweit knapp 166.000 Zweijährige ohne vollständigen Masernschutz.

Arzt macht einen Eintrag im gelben Impfpass
Laut dem Barmer-Arzneimittelreport 2019 sind hunderttausende Kinder und Jugendliche nicht oder unvollständig gegen gefährliche Infektionskrankheiten geimpft. Viele Kleinkinder sind sogar komplett ungeimpft. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)

Ausrottung bestimmter Infektionskrankheiten wird unmöglich gemacht

Zudem zeigte sich, dass jede fünfte Zweijährige, also knapp 81.000 Mädchen, nicht vollständig gegen Röteln geimpft war.

Den Angaben zufolge hatten 3,3 Prozent der 2015 geborenen Kinder in den ersten beiden Jahren überhaupt keine der 13 Impfungen erhalten, die die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt. Das entspricht fast 26.000 ungeimpften Mädchen und Jungen.

„In Deutschland werden immer noch zu wenige Kinder geimpft“, sagte Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.

„Das macht die Ausrottung bestimmter Infektionskrankheiten unmöglich und verhindert den Schutz für all diejenigen, die sich nicht impfen lassen können. Wir brauchen zielgruppenspezifische Impfkampagnen, um die Skepsis und mögliche Ängste vor Impfungen abzubauen“, so der Experte.

Das sieht auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ähnlich. Er meint, die Krankenkassen könnten durch Info-Kampagnen und Kooperationen mit Schulen helfen, die Verbreitung von Masern zu verhindern.

„Kein Kind muss heutzutage mehr an Masern leiden“, wird der Politiker auf der Webseite des Bundesgesundheitsministeriums zitiert. „Impfen muss Alltag für alle werden“, so Spahn.

Impflücken auch bei älteren Kindern

Dem Arzneimittelreport der Barmer zufolge gibt es aber nicht nur Impflücken bei den Kleinsten, sondern auch bei älteren Kindern.

So wurde im Jahr 2017 bei den Kindern im einschulungsfähigen Alter bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten ein Durchimpfungsgrad von 90 Prozent erreicht.

Dabei wäre für eine ausreichende Herdenimmunität, die auch nicht geimpften Menschen Schutz bietet, eine Immunisierungsrate von mindestens 95 Prozent erforderlich.

„Die Impflücken bei Kleinkindern in Deutschland sind größer als bisher bekannt“, so der Autor des Arzneimittelreports, Prof. Dr. Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken.

„Der Arzneimittelreport der BARMER liefert aufgrund der gewählten Methodik der Analysen erstmals ein Bild von den tatsächlichen Impfquoten“, sagte der Mediziner.

So würden bei den oft zitierten Schuleingangsuntersuchungen die Impfquoten nur anhand der vorgelegten Impfpässe ermittelt. Dabei werde aber der Impfstatus von Kindern, die keinen Impfpass vorlegen, nicht berücksichtigt.

Dies führe laut Grandt zu höheren, unrealistischen Impfquoten, denn nicht geimpfte Kinder hätten natürlich auch keinen Impfpass.

Millionen Todesfälle verhindert

Laut dem Arzneimittelreport hatten im Jahr 2017 nur 88,8 Prozent der Sechsjährigen in Deutschland den empfohlenen Masern-Impfschutz. Die Immunisierungsraten reichten von 79,7 Prozent in Sachsen bis zu 86,4 Prozent in Baden-Württemberg und 91,0 Prozent in Schleswig-Holstein.

„Durch Masernimpfungen konnten allein seit der Jahrtausendwende rund 21 Millionen Todesfälle weltweit verhindert werden. Eine Masern- aber auch eine Rötelnerkrankung ist kein unvermeidbares Lebensrisiko, sondern ein Versagen der Gesundheitsvorsorge“, sagte Straub.

Schließlich gehe es hier auch um den Schutz von Gefährdeten, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen könnten oder altersbedingt für sich selbst noch keine Impfentscheidung treffen könnten.

Risiko regionaler Epidemien steigt

Nach dem Report gibt es nicht nur bei Masern, sondern auch bei Mumps Impflücken. So waren nur 88,7 Prozent der Sechsjährigen im Jahr 2017 gegen Mumps geimpft.

Obwohl die STIKO ein Nachimpfen gegen beide Krankheiten bis zum 17. Lebensjahr vorsieht, erfolgten nach der Einschulung mit der Ausnahme von Sachsen, wo dies durch den landesspezifischen Impfkalender erklärt wird, praktisch keine Impfungen mehr.

Laut dem Barmer-Vorstandschef sei dies auch deshalb äußerst bedenklich, da die Kinder und Jugendlichen ihre Impflücken auch im Erwachsenenalter behalten würden und bei Auftreten eines Erkrankungsfalls das Risiko regionaler Epidemien steige.

Impfpflicht für bestimmte Personengruppen

Künftig sollen Schul- und Kindergartenkinder besser vor Masern geschützt werden. Das ist Ziel des Masernschutzgesetzes, das das Bundeskabinett beschlossen hat.

Das Gesetz sieht vor, dass Eltern vor der Aufnahme ihrer Kinder in eine Kita oder Schule ab März 2020 nachweisen müssen, dass diese geimpft sind.

Die Impfpflicht gilt auch für Tagesmütter sowie für das Personal in Kitas, Schulen, in medizinischen Einrichtungen und in Gemeinschaftseinrichtungen wie Flüchtlingsunterkünften.

Bei Verstößen drohen hohe Bußgelder bis zu 2500 Euro. (ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Barmer Krankenkasse: BARMER-Arzneimittelreport 2019, (Abruf: 10.08.2019), Barmer
  • Bundesministerium für Gesundheit: Impfen muss Alltag für alle werden, (Abruf: 10.08.2019), Bundesministerium für Gesundheit