Der Zusammenhang zwischen Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus und Erkrankungen an Multipler Sklerose (MS) wird immer deutlicher. Bestimmte Zellen des Immunsystems, die gegen das Virus gerichtet sind, können sich offenbar auch gegen ein spezielles Protein im Gehirn richten.
Forschende des Karolinska Institutet haben in einer aktuellen Studie nachgewiesen, dass die Reaktion des Immunsystems auf das Epstein-Barr-Virus das Gehirn schädigen und zu MS beitragen kann. Die Studienergebnisse sind in dem Fachmagazin „Cell“ veröffentlicht.
Viren im Verdacht als MS-Auslöser?
Seit einigen Jahren verdichten sich die Hinweise, dass Viren aus der Familien der Herpesviren wie insbesondere das Epstein-Barr-Virus eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von MS spielen können. Bei der chronisch-entzündliche Erkrankung greift das Immunsystem das zentrale Nervensystem an.
Beispielsweise kamen Forschende der Harvard T.H. Chan School of Public Health bereits 2022 in dem Fachmagazin „Science“ zu dem Schluss, dass das Epstein-Barr-Virus ein Auslöser von Multipler Sklerose sein kann, doch wie genau dieses Virus zu MS beiträgt, blieb unklar.
Kreuzreaktive Immunzellen entdeckt
Die Fachleute des Karolinska Institut konnten jetzt nachweisen, dass bestimmte T-Zellen, die sich gegen das Epstein-BarrVirus richten, auch auf das Protein Anoctamin-2 (ANO2) im Gehirn reagieren können. So verwechseln die Immunzellen körpereigene Proteine mit denen des Virus und greifen diese an.
Außerdem führten die speziellen T-Zellen in Untersuchungen an Mäusen zu einem verstärkten Auftreten von MS-ähnlichen Symptomen und Hirnschäden, berichtet das Team. Und bei Patientinnen und Patienten mit MS seien die kreuzreaktiven T-Zellen deutlich häufiger nachweisbar als bei gesunden Kontrollpersonen.
Verbindung zwischen Virusinfektionen & Neuroinflammation
Insgesamt zeige die Studie, wie die Immunreaktionen auf das Epstein-Barr-Virus das Gehirn direkt schädigen und zu MS beitragen können, so die Erstautorin Dr. Olivia Thomas vom Karolinska Institutet.
Erstmals sei der Nachweis gelungen, dass die gegen das Virus gerichtete T-Zellen das MS-Autoantigen ANO2 angreifen können, und damit werde eine Verbindung zwischen den Infektionen mit Epstein-Barr-Viren und der Neuroinflammation hergestellt.
Hoffnung auf neue Therapien
„Die Entdeckung eröffnet auch neue Behandlungsansätze, die auf diese kreuzreaktiven Immunzellen abzielen“, betont der Studienleiter Professor Tomas Olsson vom Karolinska Institutet. Die neuen Ergebnisse könnten seiner Ansicht nach von großer Bedeutung für zukünftige Präventionsmaßnahmen und Therapien sein. (fp)
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Olivia G. Thomas, Urszula Rykaczewska, Marina Galešić, Rianne T. M. van der Burgt, Nils Hallén, Filippo Ferro, Mattias Bronge, Zoe Marti, Yue Li, Alexandra Hill Riqué, Jianing Lin, Aleksa Krstic, Alicja Gromadzka, András Levente Szonder, Chiara Sorini, María Reina-Campos, Ting Sun, Leslie A. Rubio Rodríguez-Kirby, Özge Dumral, Rasmus Berglund, Majid Pahlevan Kakhki, Milena Z. Adzemovic, Manuel Zeitelhofer, Birce Akpinar, Katarina Tengvall, Ola B. Nilsson, Erik Holmgren, Chiara Starvaggi Cucuzza, Klara Asplund Högelin, Guro Gafvelin, Katharina Fink, Gonçalo Castelo-Branco, Maria Needhamsen, Mohsen Khademi, Fredrik Piehl, Torbjörn Gräslund, Lars Alfredsson, Harald Lund, Per Uhlén, Ingrid Kockum, Roland Martin, Maja Jagodic, Hans Grönlund, André Ortlieb Guerreiro-Cacais, Tomas Olsson: Anoctamin-2-specific T Cells Link Epstein-Barr Virus to Multiple Sclerosis; in: Cell (veröffentlicht 13.01.2026), cell.com
- Karolinska Institut: New mechanism links Epstein-Barr virus to MS (veröffentlicht 14.01.2026), news.ki.se
- Kjetil Bjornevik, Marianna Cortese, Alberto Ascherio, et al.: Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis; in: Science (veröffentlicht 13.01.2022), science.org
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