Psychologie: Wie Wünsche unsere Urteilskraft beeinflussen

Volker Blasek

Unser Belohnungssystem nimmt Einfluss auf das Urteilsvermögen

Wer ein Urteil über sich, andere oder über bestimmte Situationen fällt, der ist zumeist der Meinung, die Sachlage im Klaren zu sehen. Die Grundlage für eine Be- beziehungsweise Verurteilung wird aber nicht nur mithilfe unseres Verstandes, den relevanten Informationen und unseren Erfahrungswerten getroffen. Ein deutsches Forscherteam fand kürzlich in einer Stoffwechselstudie heraus, dass unsere persönlichen Vorlieben und das Belohnungssystem des Gehirns unsere Urteilskraft massiv beeinflussen.


Viele unserer Bewertungen sind eingefärbt von unseren eigenen Wünschen. Wir sind ständig der Gefahr ausgesetzt, ein verzerrtes Urteil zu fällen, ohne dies zu merken. Das erkannten Forschende des Max-Planck-Instituts für Stoffwechselforschung in Köln. Sie konnten dokumentieren, wie das Belohnungssystem im Gehirn insbesondere bei komplexen und unübersichtlichen Sachverhalten die eigene Wunschvorstellung zur Urteilsbildung nutzt. Die Studienergebnisse wurden kürzlich in dem Fachblatt „The Journal of Neurosciene“ publiziert.

Packen wir uns in Watte ein? Offenbar sorgt unser Belohnungssystem im Gehirn dafür, dass wir bei der Bildung von Urteilen bequeme Interpretationen bevorzugen, um bedrohliche Schlussfolgerungen zu vermeiden. (Bild: Ljupco Smokovski/fotolia.com)

Neigen wir zur bequemeren Wahrheit?

„Bei komplexen, unübersichtlichen Sachverhalten laufen wir Gefahr, ein verzerrtes Urteil zu fällen, sobald wir eine Schlussfolgerung gegenüber einer anderen bevorzugen“, erläutert die Stoffwechsel-Wissenschaftlerin Bojana Kuzmanovic in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen. Dabei könne unser Wunschdenken unsere Urteilsbildung beeinflussen.

Wie kamen die Forschenden zu diesem Urteil?

Teilnehmende der Studie sollten für bestimmte negative Ereignisse einschätzen, wie hoch die Gefahr ist, dass anderen Leute etwas Negatives passiert und wie hoch das Risiko ist, selbst einem bestimmten negativem Ereignis zum Opfer zu fallen. Danach wurden den Probandinnen und Probanden die tatsächlichen Statistiken zu den Sachverhalten genannt und sie durften erneut eine Schätzung abliefern, wie wahrscheinlich es ist, dass auch sie davon betroffen sein könnten. Während der Befragung wurde die Gehirnaktivität der Teilnehmenden mittels eines Magnetresonanztomografen (MRT) aufgezeichnet.

Denken wir uns die Dinge schön?

Wie die Forschenden berichten, haben die Teilnehmenden zum Großteil ihre Einschätzungen abgeändert, wenn das tatsächliche Risiko geringer war, als das von ihnen geschätzte. Dagegen wurden tatsächlich höhere Risiken weniger stark für die Urteilsbildung berücksichtigt. „Indem wir unliebsame Informationen ignorieren, vermeiden wir bedrohliche Schlussfolgerungen“, so Kuzmanovic. Als Beispiel nennt die Forscherin eine Bundesstatistik über Herzinfarkte. Viele Teilnehmende schätzen ihr Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, geringer ein, als das Durchschnittsrisiko, da sie der Meinung waren, einen besonders gesunden Lebensstil zu haben.

Das Belohnungssystem trübt die Urteilskraft

Mit den MRT-Messungen konnte das Forscherteam belegen, dass bei der verschönten Beurteilung eines Sachverhalts die Hirnregion beteiligt war, die ansonsten stark auf Belohnungen wie Essen oder Geld reagiert. Das Belohnungszentrum war nicht nur bei der Urteilsbildung integriert, es beeinflusste laut den Forschenden auch andere Hirnareale, die an der Schlussfolgerung beteiligt waren. „Je stärker dieser neuronale Einfluss war, desto stärker waren die Urteile der Studienteilnehmer von ihren Wünschen bestimmt“, resümiert das Studienteam.

Schöndenken hilft – solange negative Konsequenzen ausbleiben

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten also belegen, dass unsere Wünsche und Vorlieben unsere Urteilsbildung beeinflussen, ohne dass wir es bewusst merken. „Von diesem angenehmen Selbstverstärkungseffekt können wir profitieren, solange unsere Urteile keine schwerwiegenden Folgen haben“, betont Studienleiter Marc Tittgemeyer. Bei wichtigen Entscheidungen sollte uns jedoch bewusst sein, dass unsere Neigungen das Bild verzerren können. Hier könnten Strategien zur Erhöhung der Objektivität helfen, so Tittgemeyer.

Führen Stoffwechselstörungen zu Urteilsverzerrungen?

Das Team hält es für möglich, dass Stoffwechselerkrankungen ebenfalls einen Einfluss auf die Urteilsbildung nehmen. „Wenn die homöostatischen Netzwerke durch Erkrankungen verändert werden, könnte sich dies auch auf belohnungsabhängige Hirnareale auswirken und beispielsweise zu impulsiverem Verhalten führen“, schreiben die Forschenden. Diesen Aspekt möchte das Max-Planck-Team in einer weiteren Studie untersuchen. (vb)