Selbstheilung: Natürliche Gefäß-Bypässe bewahren vor Herzinfarkt

Eine Arterie ist mit Ablagerungen zugesetzt, die den Blutfluss behindern.

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So retten natürliche Bypässe vor einem Herzinfarkt

Die Atherosklerose (oder auch Arteriosklerose) ist eine sehr häufige, vor allem in den Industrieländern vorkommende, krankhafte Veränderung der Arterien. Für das Herz-Kreislauf-System kann sie dramatische Folgen haben und unter anderem zu einem Herzinfarkt führen. Forscher erklären nun, wie natürliche Bypässe vor einem Herzinfarkt retten.


Eine Atherosklerose (umgangssprachlich: Arterienverkalkung) kann lebensbedrohlich sein. Doch der menschliche Körper hilft sich bei einer Gefäßverengung selbst, indem er natürliche Gefäß-Bypässe erzeugt. Wie der Mechanismus der sogenannten Arteriogenese auf molekularer und zellulärer Ebene abläuft, haben nun Wissenschaftlerteams aufgeklärt und ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Blood“ der American Society for Hematology veröffentlicht.

Eine Arterie ist mit Ablagerungen zugesetzt, die den Blutfluss behindern.
Bei Arteriosklerose wird das sauerstoffreiche Blut nicht mehr so gut transportiert. Die Erkrankung kann lebensbedrohlich sein. Aber der Körper hilft sich bei einer Gefäßverengung selbst, indem er natürliche Gefäß-Bypässe erzeugt. (Bild: peterschreiber.media/fotolia.com)

Unterversorgtes Gewebe wird gerettet

Wie die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) in einer Mitteilung schreibt, waren an der Aufklärung Teams von Prof. Dr. Klaus T. Preissner, Institut für Biochemie am Fachbereich Medizin der JLU, und PD Dr. Elisabeth Deindl, Walter-Brendel-Zentrum für Experimentelle Medizin der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, gemeinsam mit weiteren nationalen und internationalen Kooperationspartnern beteiligt.

Bei der Arteriogenese (Entstehung eines natürlichen Bypass nach einem Gefäßverschluss) vergrößert der Körper das bereits bestehende Netz an kleinsten Blutgefäßen, den Arteriolen. Laut den Experten kann durch einen mehrstufigen Prozess des Wachstums von Umgehungskreisläufen – sogenannten Kollateralarterien – der Verschluss einer größeren Arterie kompensiert und das unterversorgte Gewebe gerettet werden.

Dieser Prozess dauert allerdings Tage bis Wochen, so dass in den meisten Fällen ein Verschluss des verengten Gefäßes durch eine Thrombose schneller erfolgt als der natürliche Bypass gebildet werden kann. Es ist daher von großem Interesse, den Prozess der Arteriogenese besser zu verstehen und sie bei Bedarf bei den Patientinnen und Patienten zu beschleunigen.

Viele Patienten wissen nicht, dass sie vor einem Herzinfarkt gerettet wurden

Die Forschenden fanden heraus, dass es bei einem arteriellen Verschluss zu physikalischen Veränderungen und zusätzlichen Scherkräften des Blutstroms in den präformierten arteriellen Bypässen kommt. Den Angaben zufolge führt dies zur Freisetzung von „Alarmmolekülen“ aus den Gefäßwänden, insbesondere von extrazellulären Ribonukleinsäuren (RNA).

Diese Nukleinsäure-Alarmine setzen dann über eine Signalkaskade Wachstumsfaktoren frei, die das Innere der natürlichen Bypässe bis auf das 20-fache vergrößern. Die Kollateralgefäße führen dem durch die Gefäßverengung unterversorgten Gewebe wieder ausreichend Blut und somit Sauerstoff und Nährstoffe zu. „Viele Patientinnen und Patienten, die einen nicht wahrgenommenen Gefäßverschluss hinter sich haben, wissen gar nicht, dass sie durch diese natürlichen Bypässe vor einem akuten Herzinfarkt gerettet wurden“, erklärt Dr. Deindl.

„Fehlt die diesen Prozess auslösende extrazelluläre RNA oder sind bestimmte Teile der Signalkaskade blockiert, unterbleibt die Bildung von Umgehungskreisläufen und das Gewebe ist nicht in der Lage, sich zu regenerieren“, so Prof. Preissner. Um diese physiologisch effiziente Form der Blutgefäß-Regeneration für die Entwicklung neuer Therapieformen bei Gefäßverschlüssen zu nutzen, will das Wissenschaftlerteam nun Möglichkeiten zur Stimulierung von Teilreaktionen der Arteriogenese finden.

Rund vier Millionen Betroffene in Deutschland

Gesundheitsexperten zufolge leiden rund vier Millionen Menschen in Deutschland an Arterienverkalkung, doch nur bei jedem Dritten ist die Erkrankung diagnostiziert. „Große Studien haben gezeigt, dass bestimmte Risikofaktoren an der Entstehung und dem Fortschreiten der Arteriosklerose beteiligt sind“, schreibt die Deutsche Gefäßliga auf ihrer Webseite. „Vor allem Fettstoffwechselstörungen scheinen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Krankheit zu spielen. Aber auch eine ganze Reihe anderer Faktoren begünstigen die Arteriosklerose wie zum Beispiel das Alter, das männliche Geschlecht oder eine erbliche Belastung“, so die Experten. (ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Justus-Liebig-Universität Gießen: Wie natürliche Bypässe vor einem Herzinfarkt retten, (Abruf: 18.09.2019), Justus-Liebig-Universität Gießen
  • Blood: Extracellular RNA released due to shear stress controls natural bypass growth by mediating mechanotransduction, (Abruf: 18.09.2019), Blood
  • Deutsche Gefäßliga: Arteriosklerose, (Abruf: 18.09.2019), Deutsche Gefäßliga

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.