Traum von ewiger Jugend: Lösen Nacktmullen das Mysterium der Langlebigkeit?

Kann die Langlebigkeit der Nacktmulle menschliches Altern verlangsamen?

Unter den Nagetieren gelten die Nacktmullen als Methusalems, da sie im Vergleich zu ihren näheren Verwandten wie Mäuse, Ratten und Meerschweinchen um ein Vielfaches älter werden können. Aktuelle Forschungen untersuchten nun die genetischen und molekularen Ausstattungen dieser langlebigen Tiere, um so wichtige Erkenntnisse für ein langes und gesundes Leben beim Menschen zu gewinnen.


Ein Wissenschaftsteam des Leibniz-Instituts für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) hat nun gemeinsam mit anderen Forschungseinrichtungen zwei aktuelle Studien zur Altersforschung veröffentlicht. Den Forschern zufolge ist der Alterungsprozess der Nacktmulle ähnlich dem des Menschen. Die Erkenntnisse könnten dazu beitragen, menschliche Alterungsprozesse zu verlangsamen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in dem Fachjournal „BMC Biology“ publiziert.

Wahrlich keine Schönheit, dennoch könnten die Nacktmulle dazu beitragen, menschliches Altern zu verlangsamen. Forscher erkannten Gemeinsamkeiten beim Alterungsprozess zwischen Menschen und den langlebigen Nagern. (Bild: belizar/fotolia.com)

Die Wegwerfkörper-Theorie

Die Forscher berichten von der sogenannten „Wegwerfkörpertheorie“ (englisch: Disposable Soma Theory of Aging). In dieser Evolutionstheorie wird davon ausgegeangen, dass jedem Lebewesen während seines Lebens nur eingeschränkte Energieressourcen zur Verfügung stehen. Diese müssten sowohl für die Erhaltung der körperlichen Funktionen als auch für die Fortpflanzung ausreichen. Wenn eine Spezies ständigen Gefahren beispielsweise durch Fressfeinde ausgesetzt ist, werden nach der Theorie die verfügbaren Ressourcen eher in die Fortpflanzung gesteckt. Bei Arten, bei denen weniger Gefahren drohen, werden mehr Ressourcen für den Erhalt des eignen Organismus eingesetzt. Diese langlebigeren Arten halten ihren Körper gesund und erreichen damit eine längere Fortpflanzungsphase im Laufe eines längeren Lebens.

Über die Nacktmulle

Nacktmulle (Heterocephalus glaber) wohnen vorwiegend in unterirdischen Höhlensystemen in den Halbwüsten Ostafrikas. Sie bilden große Kolonien, die eine soziale Struktur aufweisen. Die Königin der Kolonie ist mit ein bis drei Männchen für den Nachwuchs zuständig. Theoretisch sind alle Tiere der Kolonie zeugungsfähig. Die Anwesenheit der Königin und den „auserwählten“ Zeugern unterdrückt jedoch die sexuelle Reifung der restlichen Tiere.

Nicht schön, aber alt

Die oft als hässlich bezeichneten Nacktmulle haben ein besonders langes Leben. Vergleicht man ihre Lebenserwartung mit verwandten Nagetieren wie Mäusen, Ratten und Meerschweinchen können Nacktmulle wesentlich älter werden. Ihre Lebensdauer beträgt bis zu 30 Jahre. Während ihres Lebens bleiben die etwa mausgroßen Tiere bis ins hohe Alter gesund und fortpflanzungsfähig. Die FLI-Forscher stellten sich daher die Frage, welche molekularen oder genetischen Eigenschaften das lange und gesunde Leben erklären können.

Wird das Altern von Fortpflanzung und Genetik bestimmt?

In einer der beiden Studien hat ein Forscherteam um Dr. Martin Bens vom Leibniz-Institut für Alternsforschung den Zusammenhang zwischen Fortpflanzung und Langlebigkeit von Nacktmullen näher beleuchtet. Die Forscher entnahmen fortpflanzungsinaktive männliche und weibliche Arbeiter aus mehreren Kolonien und ließen diese eine neue Kolonie gründen. Anschließend wurde Individuen aus der Kolonie genetisch untersucht und mit Meerschweinchen verglichen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Nacktmulle besondere alternsbezogene genetische Merkmale aufweisen“, erläutert Dr. Bens in einer Pressemitteilung.

Sexuell aktive Nacktmulle leben länger

„Während bei den fortpflanzungsinaktiven Nacktmullen und Meerschweinchen in den molekularen Signaturen zwischen Weibchen und Männchen keine signifikanten Unterschiede auftraten, wiesen Nacktmulle im Verlauf der sexuellen Reifung nicht nur Veränderungen bei den Geschlechtsmerkmalen, sondern auch in den Genexpressionsprofilen ihrer Gewebe auf“, erläutert Dr. Bens. Somit sei der Prozess der sexuellen Reifung mit einer verlängerten Lebensdauer verbunden. Dies erkläre laut Bens auch, warum die Nacktmull-Königinnen bis zu 30 Jahre leben, obwohl sie bis zu 40 Nachkommen pro Jahr gebähren.

Das Sterberisiko nimmt mit dem Alter nicht zu

Wie die FLI-Forscher berichten, haben weitere Studien gezeigt, dass das Sterberisiko der Tiere mit zunehmendem Alter nicht zunimmt. Dies würde bedeuten, dass Nacktmulle praktisch nicht altern. Dies hat das Forscherteam in einer weiteren Studie überprüft, in der der Alternsprozess von Nacktmullen auf molekularer Ebene untersucht wurde. Zur Identifizierung von Faktoren, die langlebige von kurzlebigen Spezies unterscheiden, verglichen die Forscher die Leber von Nacktmullen mit der von Meerschweinchen.

Auch Nacktmulle altern

„Im Vergleich Nacktmull zu Meerschweinchen fanden wir zwischen den beiden Arten unterschiedliche Wege zur Energiegewinnung“, berichtet Dr. Alessandro Ori, Juniorgruppenleiter am FLI und Hauptautor der Studie. So könnten Nacktmulle beispielsweise Fettsäuren besser nutzen. Doch auch bei den alterungsresistenten Nacktmullen zeigten sich die Spuren der Zeit. In der Leber von älteren Tieren zeigten sich alternsabhängige Veränderungen des Proteinspiegels. „Für uns ein Hinweis, dass auch beim Nacktmull Alternsprozesse ablaufen“, resümiert Ori.

Was bringt dies alles für den Menschen?

„Interessanterweise wird beim Altern der Nacktmulle in der Leber die gleiche Gruppe von Proteinen beeinflusst, die beim Menschen für die Eliminierung toxischer Substanzen verantwortlich ist“, schreiben die Evolutionsexperten. Dies weise auf einen direkten Zusammenhang zwischen den Alternsprozessen von Menschen und Nacktmullen hin. Die Forscher erhoffen sich, dass diese entdeckte Gemeinsamkeit in zukünftigen Studien auch genutzt werden kann, um den Alterungsprozess des Menschen zu verlangsamen. „Nun müssen wir untersuchen, ob die beobachteten molekularen Veränderungen während des Lebens von Nacktmullen deren Gesundheit beeinflusst und ihre Lebenserwartung einschränkt“, resümiert Dr. Ori. (vb)