Unerwartete Ursachen: Warum Menschen durch Lesen kurzsichtig werden

Einfache Strategie gegen Kurzsichtigkeit: Weiß auf schwarz lesen

Gesundheitsexperten zufolge sind über 40 Prozent der Deutschen kurzsichtig und brauchen eine Sehhilfe. Es wird davon ausgegangen, dass die Zahl der Menschen mit Kurzsichtigkeit in den kommenden Jahren massiv ansteigen wird. Doch dagegen kann etwas getan werden: Forscher haben nun herausgefunden, dass eine ganz einfache Strategie gegen die Entwicklung einer Myopie helfen könnte.


Zunahme von Kurzsichtigkeit

Vor zwei Jahren berichteten Wissenschaftler aus Singapur und Australien über eine Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass die halbe Weltbevölkerung bis etwa 2050 kurzsichtig sein wird. Auch hierzulande ist die Zahl der Kurzsichtigen sehr hoch: Laut einer Studie der Universität Mainz leidet mehr als die Hälfte der Abiturienten und Hochschulabsolventen unter Kurzsichtigkeit (Myopie). Doch dagegen ließe sich etwas unternehmen: Wissenschaftler aus Tübingen haben nun herausgefunden, dass eine ganz einfache Strategie dazu beitragen kann, Kurzsichtigkeit vorzubeugen.

Immer mehr Menschen sind kurzsichtig und brauchen eine Brille. Forscher haben nun herausgefunden, dass eine ganz einfache Strategie dazu beitragen kann, Kurzsichtigkeit vorzubeugen. (Bild: ivanko80/fotolia.com)

Das Bildungsniveau ist entscheidend

Augenärzte gehen von einer deutlichen Zunahme der Kurzsichtigkeit wegen Smartphones aus. Denn die permanente Naharbeit sei für die Myopie mitverantwortlich.

Außerdem ist aus früheren Studien bekannt, „dass ein hohes Bildungsniveau häufig mit der Entwicklung einer Kurzsichtigkeit einhergeht“, wie Professor Dr. Norbert Pfeiffer, Direktor der Augenklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz in einer älteren Mitteilung erklärte.

Der Experte hatte zusammen mit Kollegen auch untersucht, ob Kurzsichtigkeit eine Folge von Intelligenz sein kann.

Die Forscher kamen damals zu dem Schluss, dass in diesem Zusammenhang das Bildungsniveau eines Menschen und nicht seine Intelligenz in erster Linie entscheidend für die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit ist.

Viele kluge Menschen haben eine Sehhilfe

Warum viele kluge Menschen eine Brille tragen, hängt aber auch damit zusammen, dass sie in der Regel viel lesen. Doch weshalb macht Lesen eigentlich kurzsichtig?

Die Wissenschaftler Andrea C. Aleman, Min Wang und Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen haben nun neue Erkenntnisse dazu gewonnen.

Sie leiten eine überraschend einfache Strategie gegen die Entwicklung einer Myopie ab. Im Fachmagazin „Scientific Reports Nature“ berichten sie über ihre Forschungsergebnisse.

Kurzsichtigkeit ist der Preise für gute Ausbildung

Wie in einer Mitteilung des Universitätsklinikums Tübingen erklärt wird, wächst das Auge bei Myopie zu lang, das Bild wird vor der Netzhaut scharf abgebildet und man sieht in der Ferne unscharf.

Kurzsichtigkeit ist demnach der Preis für gute Ausbildung: pro Jahr Ausbildung wird man im Mittel rund eine Viertel-Dioptrie kurzsichtiger. Weltweit nimmt die Myopie zu, denn gute Ausbildung ist immer wichtiger, schreiben die Experten.

Den Angaben zufolge setzt Kurzsichtigkeit bei Kindern, die vor der Einschulung viel Zeit im Freien bei Tageslicht verbracht haben, zu einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens ein.

Wenn Kinder jedoch im Laufe ihrer Ausbildung viel Lesen, steigt das Risiko eine Myopie zu entwickeln.

Sehinformation wird massiv reduziert

Laut den Experten ist immer noch nicht klar erforscht, was genau in der Schule beim Lesen kurzsichtig macht.

Es wurde lange angenommen, dass zu wenig Akkommodation beim Lesen das scharfe Bild etwas hinter die Netzhaut verlegt, was die Netzhaut veranlasst, das Auge schneller wachsen zu lassen. Allerdings waren diese Daten nie vollständig überzeugend.

Andrea C. Aleman, Min Wang und Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen haben nun einen unerwarteten Grund gefunden, warum Lesen kurzsichtig machen könnte.

Anders als eine Digitalkamera, die jeden Pixel ausliest, misst die Netzhaut hauptsächlich Unterschiede zwischen benachbarten „Pixeln“, den Photorezeptoren, heißt es erklärend in der Mitteilung.

Dies wird erreicht, in dem Zellen die Helligkeit in der Mitte und der Peripherie ihres lichtempfindlichen Bereiches vergleichen, und nur den Unterschied an das Gehirn weiterleiten.

Die Sehinformation wird also massiv reduziert, was notwendig ist, da die Netzhaut zwar über rund 125 Millionen „Pixel“ verfügt, der Sehnerv aber nur über etwa eine Million „Kabel“. Der Sehnerv ist also der Flaschenhals der Informationsübertragung.

ON- und OFF-Zellen

In der Netzhaut gibt es Zellen, die bewerten, ob in ihrem lichtempfindlichen Bereich (rezeptiven Feld) die Mitte heller und die Umgebung dunkler ist (ON-Zellen). Andere wiederum bewerten, ob die Mitte dunkler, und die Umgebung heller ist (OFF-Zellen).

Während unserer normalen Seherfahrung werden beide Typen ähnlich stark gereizt. Aber wie ist das beim Lesen von Text?

Schaeffel hat eine Software entwickelt, die die Reizstärke für ON und OFF-Zellen in unserer visuellen Welt quantifiziert.

Dabei hat sich gezeigt, dass dunkler Text auf hellem Hintergrund hauptsächlich die OFF-Zellen reizt, während heller Text auf dunklem Hintergrund hauptsächlich die ON-Zellen reizt.

Von früheren Experimenten mit Hühnern und Mäusen war bereits bekannt, dass die Stimulation der ON-Zellen das Augenwachstum eher hemmen, Stimulation der OFF-Zellen es aber verstärken kann.

Heller Text auf dunklem Hintergrund hemmt Myopie

Mittels der optischen Kohärenztomographie (OCT) kann im lebenden Auge die Dicke der Gewebsschichten genau vermessen (Mikrometerbereich) werden.

Bei Hühnern, verschiedenen Affenarten und bei Kindern wurde bereits erforscht, dass die Veränderung der Dicke der Aderhaut, das ist die Schicht hinter der Netzhaut, vorhersagt, wie das Auge in nächster Zeit wachsen wird.

Wird die Aderhaut dünner, weist das auf die Entwicklung einer Myopie hin, wird sie dicker, bleibt das Augenwachstum gehemmt, es entwickelt sich keine Myopie.

Die drei Forscher haben Probanden dunklen Text auf hellem Hintergrund lesen lassen sowie hellen Text auf dunklem Hintergrund.

Bereits nach 30 Minuten konnten sie messen, dass die Aderhaut dünner wurde, wenn schwarzer Text gelesen wurde, und dicker, wenn Text mit umgekehrtem Kontrast gelesen wurde.

Dies lässt erwarten, dass schwarzer Text auf hellem Hintergrund die Myopieentwicklung fördert, und heller Text auf dunklem Hintergrund die Myopie hemmt.

Einfach umzusetzende Maßnahme

Den Textkontrast umzukehren, wäre deshalb eine einfach umzusetzende Maßnahme, die Myopieentwicklung aufzuhalten, denn immer mehr Zeit wird beim Arbeiten und Lesen an Computerbildschirmen und Tablets verbracht.

Diese Strategie gegen die Entwicklung von Kurzsichtigkeit muss noch verifiziert werden. Dazu haben die Tübinger Wissenschaftler bereits eine Studie mit Schulkindern geplant.

Ihre aktuelle Untersuchung zeigt aber bereits im Experiment, dass die Aderhautdicke sich in beide Richtungen ändern kann, nur durch Lesen mit verschiedenem Textkontrast. (ad)