Vernachlässigte Kinder haben später kleinere Gehirne

Vernachlässigung im Kindesalter hat dramatische Auswirkungen. Eine neue Studie zeigt, wie wichtig Fürsorge, soziale Kontakte und kognitive Anreize für Kinder sind. (Bild: soupstock/stock.adobe.com)

Studie zeigt: Vernachlässigung im Kindesalter beeinflusst spätere Gehirngröße

Es ist lange bekannt, dass Kinder, die vernachlässigt werden, im späteren Leben vermehrt psychische und auch körperliche Probleme haben. Eine neue Studie hat nun gezeigt, dass sich Vernachlässigung im Kindesalter auch auf die Gehirngröße auswirkt.

Wenig soziale Kontakte, kaum kognitive Anreize, schlechte Hygiene und Ernährung – das hat oft Folgen bis ins Erwachsenenalter. Das zeigt eine Studie eines internationalen Forschungsteams unter Federführung des King’s College London. An der Arbeit, die in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“, kurz PNAS, veröffentlicht wurde, war auch Prof. Dr. Robert Kumsta von der Ruhr-Universität Bochum (RUB) beteiligt.

Geringeres Gehirnvolumen

Kinder sollten grundsätzlich viel Liebe und persönliche Zuwendung erfahren, doch ist dies leider nicht immer der Fall. Werden Kinder vernachlässigt, hat dies nachhaltige Folgen auf ihre persönliche Entwicklung, ihre Psyche und ihre körperliche Gesundheit. Und auch auf die Größe ihres Gehirns.

Wie es in einer Mitteilung der RUB heißt, haben Erwachsene, die als Kinder aus rumänischen Heimen adoptiert wurden, kleinere Gehirne als Adoptierte, die keine vergleichbare Vernachlässigung im Kindesalter erfahren haben.

Je mehr Zeit die Kinder in einem Heim verbracht hatten, desto geringer war ihr Gehirnvolumen später.

Starke Vernachlässigung in rumänischen Kinderheimen

Die Forscherinnen und Forscher erfassten mithilfe der Magnetresonanztomografie das Gehirnvolumen von 67 Erwachsenen im Alter zwischen 23 und 28 Jahren, die in rumänischen Kinderheimen aufgewachsen waren.

Den Angaben zufolge waren sie dort stark vernachlässigt worden, bevor sie in englische Familien adoptiert worden waren. Die Daten verglichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit denen von 21 englischen Adoptierten ohne Heimerfahrung.

Veränderungen gingen mit einem verminderten IQ einher

Es zeigte sich, dass die Gehirne der rumänischen Adoptierten durchschnittlich 8,6 Prozent kleiner waren als die der Kontrollgruppe.

Je länger die Heimerfahrung war, desto kleiner war auch das Gehirnvolumen: Jeder zusätzliche Monat in der Institution ließ das Gehirn um drei Kubikzentimeter schrumpfen, was 0,27 Prozent des Gesamtvolumens entspricht. Diese Veränderungen gingen mit einem verminderten IQ sowie vermehrten ADHS-Symptomen einher.

Die Forschenden schlossen aus, dass das verminderte Volumen mit dem Ernährungszustand, der Körpergröße oder einer genetischen Prädisposition für ein kleineres Gehirn zusammenhing.

Langzeitfolgen für die psychische Gesundheit

Wie es in der Mitteilung heißt, war die Studie Teil der English and Romanian Adoptees Study, die 1990 kurz nach dem Sturz des kommunistischen Regimes in Rumänien begann.

Die Kinder kamen im Alter von wenigen Wochen in die Heime, wo sie unter extrem schlechten hygienischen Bedingungen lebten, wenig zu essen hatten, kaum persönliche Fürsorge erfuhren und nur selten soziale oder kognitive Anreize bekamen. Sie verbrachten zwischen drei und 41 Monaten dort.

Vorangegangene Ergebnisse hatten bereits Langzeitfolgen für die psychische Gesundheit offengelegt. In der aktuellen Studie wurde nun erstmals untersucht, wie sich schwere Vernachlässigung im Kindesalter auf die Gehirnstruktur auswirkt.

Negative Folgen können teilweise kompensiert werden

Laut den Forschenden traten die Veränderungen vor allem in drei Hirnregionen zutage, die wichtig für Organisation, Motivation, das Integrieren von Informationen und das Gedächtnis sind.

Eine Hirnregion, der rechte inferiore Temporallappen, war bei rumänischen Erwachsenen allerdings größer als bei der Kontrollgruppe, was mit verminderten ADHS-Symptomen einherging.

Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zufolge ein Zeichen für eine Anpassung, die die negativen Folgen der Vernachlässigung anteilig kompensieren kann.

Solche Effekte könnten auch erklären, warum manche Individuen weniger von der Vernachlässigung betroffen zu sein scheinen als andere. (ad)

Autoren- und Quelleninformationen

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Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Ruhr-Universität Bochum: Vernachlässigung im Kindesalter beeinflusst spätere Gehirngröße, (Abruf: 07.01.2020), Ruhr-Universität Bochum
  • Nuria K. Mackes, Dennis Golm, Sagari Sarkar, Robert Kumsta, Michael Rutter, Graeme Fairchild, Mitul A. Mehta, Edmund J. S. Sonuga-Barke: Early childhood deprivation is associated with alterations in adult brain structure despite subsequent environmental enrichment; in: Proceedings of National Academy of Sciences (veröffentlicht 06.01.2020), Proceedings of the National Academy of Sciences

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.