Korkeiche – Kork Anwendung und Nutzung

Dr. Utz Anhalt
Die Korkeiche – Naturkork nutzen, das Ökosystem schützen
Nachhaltiger Konsum bedeutet meistens, sich für das geringere Übel zu entscheiden, also Materialien zu verwenden, deren Produktion der Natur möglichst wenig schadet. Bei einigen Produkten schützt die Nachfrage indessen einzigartige Biotope mit einer immensen Artenvielfalt. Zu diesen gehört Naturkork, der aus der Rinde der Korkeiche der iberischen Halbinsel und Nordafrikas gewonnen wird.

Eine besondere Rinde

Die Korkeiche ist der einzige Baum, dessen Rinde sich abschälen lässt, ohne dass die Pflanze stirbt. Mehr noch: Durch regelmäßiges Schälen wird die Eiche widerstandsfähig gegen Feuer, produziert eine dickere Korkschicht und bindet circa 5mal so viel CO2 wie „normale“ Bäume. Insgesamt setzen die Korkeichenwälder des Mittelmeeres jedes Jahr 14 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in Kork um.

Kork- die bekannteste Nutzung des Naturholzes ist der „Korken“ für den Verschluss von Sekt- und Weinflaschen. Bild: karepa-fotolia

Anpassung an das mediterrane Klima

Die Korkeiche hat sich auf den trockenen Sommer am Mittelmeer angepasst. Sie schließt die Spaltöffnungen auf der Unterseite der Blätter so weit, dass sie kaum Wasser verliert, aber zugleich der Baum nicht austrocknet; ihre Wurzeln erreichen mehrere Meter Tiefe und beziehen von dort im Sommer mehr als 70% des Wassers.

Kork ist ein elastisches Gewebe, das erstens kein Wasser durchlässt und zweitens stark isoliert. Es handelt sich um tote Zellen mit einer Substanz namens Suberin. Diese produzieren auch andere Bäume, nur die Korkeiche aber kann aus diesen Rinde bilden. Dafür bildet sie jedes jahr über Mutterzellen neue Korkringe.

Es dämmt Wärme gut. Was die Rinde für Menschen attraktiv macht, half dem Baum vermutlich in der Evolution zu überleben und ist eine Anpassung an die Waldbrände, die am Mittelmeer zum natürlichen Geschehen gehören.

Bei der Seekiefer überleben zum Beispiel nur die Samen und bei der Steineiche nur die Schösslinge Waldbrände, bei der Korkeiche die gesamten Äste, die der Kork schützt. Es ist also kein Zufall, dass Korkeichen in den nach ihr benannten Wäldern die dominante Spezies stellen.

Ein Hotspot der Artenvielfalt

In Korkeichenwäldern Andalusiens und Portugals findet sich eine angepasste Fauna und Flora, die ohne die traditionelle Nutzung der Rinde ihren Lebensraum verliert. Tatsächlich wurden die spanischen Korkeichenwälder weitgehend gerodet, um „lukrativen“ Eukalyptusplantagen zu weichen, die für die endemische Tier- und Pflanzenwelt Gift sind.

Die Korkeichenwälder der Sierra Morena nördlich von Sevilla zum Beispiel beherbergen die größte Population des spanischen Luches, auch Pardelluchs genannt, da seine eng stehenden Flecken an einen Leoparden erinnern. Der iberische Verwandte des eurasischen Luchses wiegt nur ein Drittel des hiesigen Vetters, konzentriert sich als Beute auf Kaninchen und ist viel stärker als der eurasische Luchs von zusammen hängenden Wäldern abhängig.

Es handelt sich um die seltenste Katzenart der Welt, 2017 betrug der Bestand zwischen 215 und 265 Exemplaren, die sich zum größten Teil auf zwei Schutzgebiete in Andalusien konzentrieren: Den Nationalpark Coto de Donana und die Sierra de Andújar in der Provinz Jaén.

Eine Kulturlandschaft

In der Provinz Jaén handelt es sich keinesfalls um eine „ursprüngliche“ Wildnis, sondern um eine seit Jahrhunderten genutzte Kulturlandschaft. Die Einheimischen leben traditionell von den Korkeichen. Ein Baum liefert in seinem Leben bis zu 200 Kilogramm Rinde. Um diese zu ernten, töten die Nutzer die Eiche nicht, sondern schälen die Rinde vom lebendigen Baum ab, was diesem kaum Schaden zufügt. Die Eicheln dienen der traditionellen Schweinemast.

Die in Spanien Dehesa genannten Waldweiden entstanden seit der Antike, weil die Hirten ihre Schweine, Rinder, Ziegen und Schafe in den vorher dichten Wald trieben. Rinder wie Schafe fraßen das Gras, die Schweine die Eicheln. Aus dem Urwald wurde eine parkartige Landschaft, die unmittelbar vom Viehtrieb abhängt.

Es handelt sich um ein empfindliches System. In der Moderne fütterten die Landwirte die Tiere zusätzlich mit Viehfutter, und die intensive Tiermast sorgte dafür, dass die Masse der Tiere die nachwachsenden Bäume fraß. Darum sind viele bestehende Korkeichenwälder überaltert. Viele andere Landwirte gaben die Weidemast ganz auf, und das führte dazu, dass die parkartigen Korkeichenbestände verbuschten. Die Folge sind Waldbrände, die fast jedes Jahr die spanische Halbinsel heimsuchen.

Wasserspeicher und Bodendünger

Korkplantagen haben eine wichtige Bedeutung im Wasserhaushalt und beinflussen enorm wie das Wasser an der Oberfläche eindringt und abfließt, die Bäume halten Wasser zurück. Sie beugen der Erosion vor und speichern Regen. Die Baumkronen fangen mehr Wasser auf als die Pflanzen am Boden, und das Wasser fließt am Stamm auf die Erde, was den dortigen Boden aufnahmefähiger macht.

Korkeichen versorgen den Boden mit nährstoffreichem Material, was am Mittelmeer entscheidende Bedeutung für die Fruchtbarkiet der Erde hat.

Bioschinken

Wie in der Vergangenheit auch hierzulande, betreiben die Schweinehalter Waldweide. Die schwarzen oder rotbraunen Tiere leben, meist großräumig eingezäunt, unter den Korkeichen, die ihnen zugleich den nötigen Schatten in der Gluthitze des südspanischen Sommers schenken und sie mit reichlich Eicheln als Nahrung versorgen.

Das Cerdo Iberico züchteten nachweislich bereits die römischen Legionäre. Es ist kleiner und schneller als die modernen Hochleistungsrassen und liefert den Jamón Ibérico terminado en montanera. Feinschmecker lieben diesen Schinken, da die Eicheln der Stein- wie Korkeichen für einen Geschmack sorgen, der an Walnuss erinnert. Beim Jamón iberico der Rebeco werden die Schweine Schweine mit Eicheln zugefüttert, am Ende aber auch mit Getreide und konventionellem Viehfutter versorgt.

Beliebte Iberico-Schweine in der Zucht. Bild: daviles-fotolia

Die Schweine leben naturnah in einer Art, die nahezu der von Wildschweinen entspricht. Tatsächlich rührt die schwarze bis rotbraune Farbe vermutlich daher, dass immer wieder wilde Eber die frei weidenden Hausschweine deckten.

Die Waldweide sorgt dafür, dass sich am Boden der Wälder wenig Unterholz bildet, und somit entsteht eine offene Fläche, die wiederum Lebensraum für diverse Reptilien, Vögel und Säugetiere bietet.

Geier und Adler

Die Korkeichenwälder der Gebirge nördlich von Sevilla bieten nicht nur Lebensraum für den spanischen Luchs, sondern für eine Vielfalt an Griefvögeln, die in Europa ihresgleichen sucht. Allen voran sind dies die extrem seltenen spanischen Kaiseradler und Mönchsgeier.

Steinadler und Gänsegeier brüten in den höheren Lagen des Gebirges und bevorzugen Felsen, um ihre Horste anzulegen. Kaiseradler und Mönchsgeier sind jedoch auf Korkeichen als Brutbäume angewiesen. Der in Europa sehr rare Mönchsgeier hat seine Hauptverbreitung auf dem Kontinent in den spanischen Korkeichenwäldern. In der Sierra Morena holzten Naturschützer die ökologisch schädlichen Eukalyptusbäume ab und pflanzten Korkeichen an deren Stelle, um ein Habitat für die Mönchsgeier zu schaffen. Die nirgendwo häufigen Habichtsadlern leben vor allem an waldreichen Gebirgshängen und haben in der Sierra Morena ein ideales Habitat, ebenso die Zwergadler und Schlangenadler.

In den Korkeichenwäldern Spaniens überwintern bis zu 50.000 Kraniche, und mehr als die Hälfte aller Pflanzen des Mittelmmeerraums kommen nur hier vor. Zur weiteren Fauna der Korkeichenwälder zählen Wildkatze, Ginsterkatze, Wildschwein, Rothirsch, Bienenfresser, Blauelster, Kolkrabe, Habicht und Wespenbussard, Wander- und Baumfalke, Schwarz- wie Weißstorch, Häherkuckuck, Uhu und Gleitaar, Wendehals, Kleinspecht, Rothals-Ziegenmelker, spanische Schafstelze, Schwarzkehlchen, Orpheusspötter, Blass-Spötter, Orpheusgrasmücke, Brillen-, Provence- und Weissbartgrasmücke, Berglaubsänger, Rotkopfwürger, Gartenrotschwanz, Zaunammer und Ortolan, Rothuhn.

Wie hierzulande in den Streuobstwiesen sind die Korkeichen ein Paradies für Vögel, die offene Flächen mit altem Baumbestand brauchen. Dazu gehören Wiedehopf wie Steinkauz und Zwergohreule, die in den Höhlen alter Korkeichen ihre Jungen großziehen. Dazu gehören auch die Blauracke, die aus Deutschland verschwand, als diese offenen Landschaften mit Bäumen verschwanden wie der Schlangenadler, der auf niedrigen Bäumen brütet und seine Nahrung, Echsen wie Schlangen, an sonnigen Hügeln sucht.

Ein außergewöhnlicher Stoff

Korkeichen sind widerstandsfähig gegen Feuer wie Hitze, gegen Kälte wie Verletzungen. Das verdanken sie ihrer Rinde und deren Korkschicht. Der Kork schützt die Bäume davor, in den heißen Sommern auszutrocknen, er hält Infektionen ab und sogar Waldbränden stand. In Hauswänden hält Kork Hitze wie Kälte ab, als Schuhsohle federt er die Schritte ab. In Weinflaschen dient er nicht nur als Verschluss, sondern sorgt dafür, dass der Wein atmen kann.

Kork schwimmt auf dem Wasser, ist perfekt für die Isolierung von Wohnungen geeignet, hält Wärme ebenso ab wie Kälte und Schall und hält sich fast ewig.

Ungefähr ein Viertel der Ernte dient heute als Flaschenkorken. Der Rest wird zermahlen und mit Bindemitteln verklebt. So entstehen Presskork, Korkboden, Schuhsohlen, Pinnwände oder Dämmkork.

Unverarbeitete Stücke der Korkrinde sind begehrt bei Tierhaltern, vor allem für Nagetiere und Terrarien, aus vielerlei Gründen: Erstens bieten die vom Baum geschälten Rinden eine runde oder halbrunde Form, die Echsen, Frösche, Schlangen, Hamster, Ratten oder Mäuse als Unterschlupf nutzen.

Zweitens schimmelt Kork nicht, eine Wohltat für jeden, der Regenwaldbewohner wie Baumsteigerfrösche hält, die genau die hohe Luftfeuchtigkeit benötigen, die Schimmelpilze lieben.

Drittens bietet der ebenso elastische wie widerständige Kork einen ausgezeichneten Schutz gegen die Zähne von Nagetieren und die Krallen von Echsen und zugleich einen federnden Untergrund, der die Füße der Tiere schont.

Blüte, Niedergang und Aufschwung

Kunststoffkorken oder Schraubverschlüsse ersetzen heute häufig die Korken aus der Eichenrinde. Die Nachfrage nach „echten“ Korken ist dabei die beste Möglichkeit, den Lebensraum Korkeichenwald dauerhaft zu schützen und damit eines der wertvollsten Biotope Europas.

Im 18. Jahrhundert begann die Korkschneiderei in Massenproduktion. Gegen 1900 erreichte sie ihren Höhepunkt, weil Kühlschiffe Kork als Dämmung enthielten. Doch in den 1960er Jahren brach die Korkindustrie zusammen – Ursache waren die damals neuen Kunststoffe, die nicht nur billig waren, sondern auch als modern galten.

Der Niedergang der Preise durch fehlende Nachfrage führte zu einer falschen Reaktion der Produzenten: Sie ernteten mehr Kork, um die gleichen Einnahmen wie zuvor zu erzielen. Diese Überernte schädigte die Bäume.

Außerdem dehnten sich die Städte in Südspanien und Portugal immer mehr aus – wo früher alte Korkwälder standen, erstrecken sich heute Betonburgen. Andere Korkeichenbestände wichen Monokulturen für Tomaten oder Blumen. Der größte Korkeichenkiller wurden indessen die Eukalyptusplantagen.

Eukayptus nutzt vor allem die Holz- und Papierindustrie. Die Bäume wachsen schnell. Ökologisch sind sie eine Katastrophe. Sie entziehen anderen Bäumen das Wasser, und ihr Öl führt dazu, dass sie bei einem Waldbrand in Flammen aufgehen.

Heute hat sich die Korkindustrie jedoch ein wenig erholt: Korkgranulat verkauft sich gut, so dass auch der „Abfall“ der Flaschenkorken einen Markt findet und ist als gesundheitsfreundliches Bindemittel beliebt. Korkrecycling bremst die Gefahr, die Eichenbestände zu übernutzen.

Deutschland im Rückstand

In Deutschland sind heute 70 % aller Weinflaschen mit Aluminium verschlossen, einem Material, das der Umwelt schadet und fast 25mal so viel CO2 freisetzt wie Kork aus Korkrinde.

Was spricht für Kork?

Kork ist ein Naturprodukt. Ihn zu gewinnen schadet dem Ökosystem nicht, sondern sorgt dafür, es zu erhalten. Wird Korkrinde sorgsam abgebaut stellt sie eine nachhaltiges Produkt im besten Sinne des Wortes dar. (Dr. Utz Anhalt)