Wahn und Irrsinn

Dr. Utz Anhalt
„Ein Wahnsinniger ist nichts als eine Minderheit, die nur aus einem einzigen Menschen besteht.“ Marco Lazarov, Hannoveraner Schriftsteller, der 1996 sein Leben beendete.

Irrsinn, Wahnsinn strahlt auf Menschen eine besondere Anziehungskraft aus, von der Heiligung solcher Zustände bis zur literarischen Beschäftigung. Formen des Irrsinns sind deshalb faszinierend, weil sie unkontrollierbar und unverständlich erscheinen. Denn Faszination ist nicht nur Anziehung, sondern birgt auch immer ein Geheimnis in sich.

Religiöser Irrsinn und Heiligkeit

Verschiedene Religionen sehen Zustände, die in der Psychoanalyse als wahnhaft gelten, als Kennzeichen von Heiligkeit, als Zeichen der Götter oder Besessenheit von Geistern an. Die Frage stellt sich dabei, ob Pychoanalytiker nicht voreilig Phänomene als krank einordnen, deren kulturellen Zusammenhang sie nicht verstehen. Und umgekehrt, ob Anhänger von Religionen nicht Phänome als göttlich einordnen, die irrsinnig sind.

Arthur Koestler beschrieb Vahranassi, die heiligste Stadt der Hindus, die Stadt Shiwas als religiöses Irrenhaus. Und dieser Eindruck drängt sich für den Besucher auf. Saddhus, heilige Männer, behaupten, seit zwanzig Jahren nichts mehr gegessen zu haben und ihre Anhänger glauben ihnen. Die Götterwelt des Hinduismus erinnert an Fantasy-Romane. Ob es zum Beispiel irrsinnig ist, dass der Hulmanaffe ein schwarzes Gesicht hat, weil der Gott Hanuman durch das Feuer gelaufen ist, lässt sich kaum beantworten. Für Nichthindus ist es das wohl. Für religionsfreie Menschen ist es aber nicht weniger irrsinnig, dass eine Frau einen Sohn zur Welt bringt und ihre Jungfräulichkeit behält. Ob eine Vorstellung wahnsinnig ist, liegt auch im Auge des Betrachters.

Heiligenerscheinungen lassen sich auch als kollektive Psychosen interpretieren. Der Begründer der Anthoposophie, Rudolph Steiner, litt offensichtlich an paranoider Schizophrenie. Denn seine „Wurzelrassen“, aus denen die Menschheit wie ein Körper besteht lassen sich 1 zu 1 auf die Zersplitterung der Wahrnehmung von Schizophrenen übertragen. Menschen, die Stimmen hören, die glauben, von übernatürlichen Kräften Befehle zu empfangen, sind in einem psychiatrischen Verhältnis krank. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Religionsführern, die glaubten, im Auftrage von Göttern zu handeln, den Auftrag zu haben, die Welt zu retten, zu unterwerfen oder zu beherrschen.

Der Begriff Größenwahn bedeutet eben auch Wahn. Dabei hatten solche Größenwahnsinnigen immer auch ihre Anhänger. Veitstänze, bei denen hunderte von Menschen unter Zuckungen zusammen brachen, lassen sich genau wie Hexenverfolgungen als Massenpsychosen deuten. Und solche Massenpsychosen treten vor allem in Krisenzeiten auf, wenn Deutungsmuster versagen, wenn vertraute Weltanschauungen keinen Halt mehr geben. Die Zeit der Hexenprozesse, die frühe Neuzeit, war so eine Zeit. Der dreißigjährige Krieg hatte Europa verwüstet, moderne Technik brach die feudalen Strukturen auf, das Leben war nicht mehr statisch wie im Mittelalter. Die christliche Weltdeutung konnte kaum noch Antworten geben.

Weit verbreitet sind in solchen Krisenzeiten religiöse Verhaltensweisen, die dem Irrsinn entspringen, rituelle Massenselbstmorde, Pogrome an Minderheiten ebenso wie die Bereitschaft von Menschen, den widersinnigsten Versprechen hinterherzulaufen. In der Hexenverfolgung bot der Teufelsglaube einen Halt. Die Vorstellung, dass hinter aller Not geheime Gruppen stecken, die sich mit dem Teufel verbündet haben, befreite vom Zweifel und führte direkt in den Verfolgungswahn. Die Faszination an diesem Irrsinn, der auch intelligente Menschen befiel, bestand darin, mit einer Fantasievorstellung eine unüberschaubare Welt zu ordnen.

Die Esoterikwelle in Amerika und Mitteleuropa ist eine ähnlich gelagerte vernünftige Unvernunft. Was auf dem Esoterikmarkt kursiert, hat mit den indianischen Religionen, dem Buddhismus oder real existierendem Schamanismus zumeist nichts zu tun, sondern bedient sich lediglich aus Versatzstücken dieser Kulturen. Menschen mit akademischen Abschluss glauben auf einmal, dass sie mit Klopfen sämtliche Krankheiten heilen könnten oder lassen sich von Gurus ihr Konto ausplündern, die behaupten, ihr Geld wäre von Dämonen verseucht.

Dieselben Menschen würden sich von den Predigern der christlichen Religion solchen Unfug nicht erzählen lassen. Zumeist sind es gerade Angehörige der Mittelschicht, die zu gebildet sind, um tradierten Aberglauben ihrer eigenen Kultur ernst zu nehmen. Und in den Phasen der Verzweiflung greifen Menschen nach jedem Strohhalm, der sich ihnen bietet. Kritische Nachfragen, woher denn der Guru, der von Luft und Liebe lebt, das Geld für seinen Rolls-Royce bekommt, stören diese falsche Sicherheit.

Massenirrsinn wird von der Masse selbst als solcher kaum wahrgenommen. Meist sind es die Außenseiter, die in gesellschaftliche Fieberprozesse nicht einsteigen. So zogen Millionen von jungen Männern 1914 begeistert in den ersten Weltkrieg, obwohl ihnen kritisches Nachdenken die Sinnlosigkeit und das Entsetzen vor Augen geführt hätte. Oft sind es gerade die Mahner, die als verrückt gelten, ist der Wahnsinn etabliert, gilt er als Normalität.

Hofnarren waren mit ihrem irrsinnigen Verhalten eine besondere Faszination. (Bild: cliffhanger105/fotolia.com)
Hofnarren waren mit ihrem irrsinnigen Verhalten eine besondere Faszination. (Bild: cliffhanger105/fotolia.com)

Hofnarren

Hofnarren gehörten zum System des adligen Hofes wie das Inventar. Narren waren im Mittelalter ein Begriff für einfältige Menschen, für dumme Menschen. Sie standen für eine leichte Form des Irrsinns, der aus Dummheit entstand. Warum kamen diese, im Alltag negativ besetzten Charaktere aber als Berufsdarsteller, die Narren spielten, an den Hof? Dies liegt an dem, was solche einfältigen Menschen nämlich auch taten: Einfalt bedeutet eine Falte und damit die Unfähigkeit, komplex zu denken, Pläne und Intrigen zu schmieden. Und der Irrsinn, der aus solcher Dummheit erwächst, bringt die Wirklichkeit oft auf den Punkt. Noch im „närrischen Treiben“, im Karneval, spiegelt sich diese Funktion und diese Faszination. Der am Hof den Narren spielte, durfte aussprechen, was andere dachten, aber sich nicht zu sagen trauten. Und die Herrschenden brauchten so jemanden.

Der Narr genoss die Narrenfreiheit, Kritik üben zu dürfen, die anderen verwehrt blieb. An der Institution Hofnarr zeigt sich auch die Bedeutung des Narren, des Tölpels, des Deppen. Er ist unmündig wegen seiner Dummheit und wegen seiner Dummheit auch nicht gefährlich. Und außerdem erkennen die Intelligenteren sich in ihm wieder. Er dient gleichzeitig als negatives Beispiel und war im Christentum auf der Seite des Bösen. Denn er hat seinen Platz in der Gemeinschaft Gottes nicht gefunden und irrt umher.

Der Inbegriff eines Narren war der Teufel, der in seiner Unwissenheit Gott kopieren will und dabei scheitern muss. Allerdings beweist der Beruf des Hofnarren, dass auch die Menschen im Mittelalter um den Freiraum wussten, den diese Situation mit sich bringt.

Der Umherirrende, der Außenseiter, ist auch den Zwängen der Gesellschaft nicht unterworfen. Der Hofnarr als Beruf ist den Regeln der Stände nicht unterworfen. Wer den Narren spielte, erinnerte den Herrscher daran, dass auch er Gott nicht gleich, dass auch der mächtigste König unvollkommen war. Ein Gaukler im Sinne banaler Belustigung war ein solcher Narr nicht, sondern er war ein ernsthafter Berater, ein Mahner. Und solche Hofnarren hatten eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Die Vorstellung, dass es wirkliche Narren gibt, dumme Menschen, die dem Teufel verfallen sind, war aber die Basis für den Beruf des Hofnarren. Und zu diesen Außenseitern zählten nicht nur psychisch debile Menschen, sondern auch Nichtchristen, körperlich Behinderte oder Leprakranke. Auch Menschen mit extremen Haarwuchs und körperlichen Missbildungen gehörten zu den „Narren“ an den Höfen und wurden in der Moderne auf Jahrmärkten ausgestellt. Beim Hofnarren wusste jeder, dass er eine Rolle spielte. Und die Gesellschaft brauchte jemand, der diese Rolle spielte und ihr ihre negativen Seiten vor Augen hielt. Und noch in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts gehörte der Besuch des Irrenhauses dazu wie der Besuch des Zoologischen Gartens oder des Museums. Die Gesellschaft schuf das, was sie ausstellte und sich dann ansah.

Eulenspiegel

Till Eulenspiegel ist ein ganz besonderer Narr. Eulenspiegeleien sind noch heute der Inbegriff für Schelmenstreiche. Die literarische Figur entstand im frühen 16. Jahrhundert. Eulenspiegel hält den Mächtigen den Spiegel vor, er begeht vermeintlich irrsinnige Taten, die die der Machthaber entlarven.

Eulenspiegel übertölpelt die Mächtigen, fällt dabei aber selbst auf die Klappe. Seine Schelmenstreiche sind meist unreflektiert und eine Pointe ergibt sich häufig aus der Dummheit und Arroganz der Mächtigen. Wie in „Des Kaisers neue Kleider“ lässt er sich um Beispiel als Maler bezahlen, ohne die Arbeit auszuführen und sagt dem Herzog, dass nur ehelich geborene Kinder seine Bilder sehen könnten. Der Herzog verschweigt, dass er nichts sieht. Eulenspiegel setzt sich über gesellschaftliche Zwänge hinweg und setzt ganze Stände der Lächerlichkeit aus. Es handelt sich um eine Art Halbirrsinn. Die Situationskomik entsteht häufig dadurch, dass Eulenspiegel die Konsequenzen seiner Taten selber nicht durchschaut und gerade dadurch die Borniertheit der Zünfte in der frühen Neuzeit aufdeckt. Mehr noch als seinen eigenen Witz zeigen seine Streiche den Irrsinn der Gesellschaft, in der er lebt. Darum ist die Figur bis heute populär. Ähnlich wie der Dschinn, dessen Fluch gerade darin besteht, dass er jeden Wunsch wörtlich ausführt, liegt die Faszination der Eulenspiegeleien darin, dass er allzu weit von seiner Gesellschaft gar nicht entfernt ist.
Ähnlich wie Klein Fritzchen, der aus dem Schwimmbad fliegt, weil er in das Wasser pinkelt, wie das alle machen, aber eben nicht vom Fünf Meter Brett, besteht eine Faszination am Irrsinn darin, dass er Allgemeingut ist. Während aber die „Normalen“ Dinge nicht aussprechen oder im geheimen tun, spricht der Irrsinnige sie aus oder tut sie. Die Realität sieht hier manchmal viel schlimmer aus als die Schelme Eulenspiegels. Der Serienmörder Fritz Haarmann sagte über seine Opfer: „Das waren doch Pupenjungs (Strichjungen). Die taugen doch nichts.“ Dieses Bild entsprach der bürgerlichen Gesellschaft, in der er lebte und ist eine Erklärung dafür, warum er seine Morde ungestört begehen konnte.

Enfant terribles und Exzentriker“

In der Moderne trat das „enfant terrible“ an die Stelle des Narren. Dieses schreckliche Kind, der langhaarige Hippie, der Punk mit dem Irokesenschnitt, Elvis Presley, der „obszön“ sein Becken bewegt hat seine Vorläufer bei Oscar Wilde oder Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“. „Närrisch“ bezeichnete im Mittelalter auch ein störrisches Kind, ein Kind, das nicht gehorchte, oder das Unsinn anstellte, Sachen tat, die als irrsinnig angesehen waren.

Solche „schrecklichen Kinder“ sind eigentlich fast nur aus der Kulturindustrie bekannt, aus der Künstlerszene, in der Musik oder Literatur. Sie verhalten sich provokativ, anstößig, entgegen der Moralvorstellung ihrer Gesellschaft. Oscar Wilde war ein solches „enfant terrible“, als er mit „Das Bildnis des Dorian Gray“ einen Blick in die Abgründe der Gesellschaft warf, Baudelaire ebenso. Aleister Crowley, bei pubertierenden Tabubrechern bis heute beliebt, inszenierte sich als ein solches Schreckenskind und badete sich in der Publicity, die er mit seinen inszenierten Skandalen hervorrief.

Das „enfant terible“ ist kein Revolutionär, sondern ein schreckliches Kind. Ein Kind heißt auch Unmündiger, das „enfant terrible“ genießt die sprichwörtliche Narrenfreiheit wie auch das Kind. Als Kind gehört er zu der Gesellschaft, die ihn schrecklich findet. Wie den Trickster in der Mythologie braucht die Kultur ihr „enfant terrible“, um Zwänge aufzulockern, um in den Spiegel zu sehen, um notwendige Veränderungen einzuleiten. Gesellschaftlich ist das „enfant terible“ allerdings ein Pubertierender.

Er hat selbst keine Alternative anzubieten, dann wäre er kein schreckliches Kind mehr. Die Faszination an diesem „schrecklichen Kind“ liegt ebenso auf der Hand wie der Ort, in dem sie sich bewegt: Kunst, Musik, Literatur. Ein Kind braucht nämlich keine Verantwortung für das zu übernehmen, was es tut. Es kennt den „Ernst des Lebens“ noch nicht. „Sex and drugs and rock´n roll“ bei Musikern, die auf das Altersheim zugehen, ist eine der wenigen Möglichkeiten, pubertäres Verhalten in fortgeschrittenem Lebensalter aufrechtzuerhalten. In anderen Lebensbereichen gilt ein solches Verhalten als irrsinnig.

Psychiatrisierung und Kontrolle

Der Philosoph Michel Foucault entwickelte eine Theorie des Wahns. Der so genannte Wahnsinn ist bei Foucault etwas sehr menschliches. Die bürgerliche Moderne hat demnach das Empfinden der Menschen, ihre Gefühle und Erlebnisse so kaserniert, dass die Entfaltung der Erfahrungswelt als Bedrohung erscheint. Die Psychiatrie ist demnach eine Einrichtung, um dieses lebendige „Nicht-Funktionieren“ so zu vergewaltigen, dass die Eingewiesenen wieder funktionsfähig werden. Die Wahnsinnigen, die Verrückten sind damit gleich bedeutend mit den Unangepassten. Darin mag eine Faszination am Wahn liegen.

Der Maniker, der meint, die Welt aus den Angeln heben zu können, spricht die Sehnsucht nach Freiheit an, die Sehnsucht der „Normalen“, die in täglichen Zwängen funktionieren müssen. Der Psychotiker, der die Grenzen zwischen Innen und Außen niederreißt, bricht ebenfalls aus Zwängen aus. Der Borderliner, der riskante und gefährliche Situationen sucht, wirkt auf „Normale“ faszinierend, die aus ihrer Rolle eben nicht ausbrechen können.

Die „Normalen“ wie „Kranken“ bleiben aber alle gefangen im Zwangssystem. Frei nach Foucault besteht eine Faszination darin, dass sich im psychisch Gestörten eine Freiheit zeigt, die der „Normale“, um „normal“ zu werden, zerstören musste – das verlorene Leben.

Irrsinn und Befreiung

Hütchenspieler, Scharlatane oder Zauberkünstler verlieren ihre Faszination, wenn der Schwindel erkannt ist, wenn erkannt ist, wie der Zaubertrick funktioniert. Auch psychische Krankheiten, Irrsinn im klinischen Sinne, verliert diese Faszination für den, der das Krankheitsbild kennt und die gesellschaftlichen Verhältnisse, die es hervorbringen. Eine zu Freuds Zeiten bei Frauen häufig diagnostizierte Form des Irrsinns war die so genannte Hysterie.

Stichwörter wie „Die Frau, das unbekannte Wesen“, die Frau, die als Wesen der überwältigten und irrationalen bis hin zu irren Gefühlen galt, war auch ein Faszinosum – für die patriarchalische Gesellschaft. Wer deren Mechanismen erkennt, erkennt in diesen vermeintlich irrationalen Gefühlsausbrüchen eine der wenigen Formen des Widerstandes, die den bürgerlichen Frauen blieb. Durch die Hysterie, das Irresein blieben sie faszinierend, unbekannt und unkontrollierbar, schafften sich für einen Moment einen Freiraum in ihrem gesellschaftlichen Käfig.

Wahnsinn und Popkultur

Die Band Ideal sang im Lied „Irre“: „Heut liebst du mich total und morgen kannst du mich nicht sehen und übermorgen ist es dir egal. Deine Wahnsinnslaunen, die kann kein Menschen verstehen… Du machst mich noch ganz irre.“ Annette Humpe singt offensichtlich über einen Lover. Doch gerade diese Unberechenbarkeit macht seine Faszination aus. Jeder, der in seiner Jugend auch nur Elvis Presley gehört hat, kennt Begriffe für die Musik, die Szene, die Konzerte und Clubs, die der Psychiatrie entsprungen scheinen.

„Crazy“, „ausgeflippt“ zu sein, „abzudrehen“ gehört zu einer guten Nacht dazu. Raver, Liebhaber elektronischer Musik verwenden das Wort verstrahlt für ihren eigenen Gefühlszustand. „Der pure Wahnsinn“, „wahnsinnig“, „wahnsinnig geil“ und ähnliches kennzeichnet eine, in nüchternen Worten, gute Stimmung. Punks, ein Wort, das ungefähr Müll oder Abschaum, aber auch Durchgeknallte bedeutet, traten auf die Bühne, als die Freaks der frühen 1970er Jahre der Jugend zu bieder geworden waren. Die Bedeutung von Freak ist aber ähnlich, ein Verrückter, ein Spinner, ein Irrer. Irrsinn bedeutet, dass die Sinne sich verirrt haben, von der Ordnung, von der Normalität. Und das sehen die Angehörigen von Subkulturen selbst ausgesprochen positiv, im Gegensatz zur Normgesellschaft, aus der sie sich in ihre Subkultur zurückgezogen haben.

Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich eng beieinander. (Bild: DDRockstar/fotolia.com)
Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich eng beieinander. (Bild: DDRockstar/fotolia.com)

Genie und Wahnsinn

Der verrückte Professor ist schon fast ein Klischee, Figur in unzähligen Spielfilmen und Romanen. Es gehört zum Allgemeingut, dass geniale Wissenschaftler einen „Spleen“ haben, also einer bestimmten Form des Irrsinns verfallen sind und dass Genie und Wahnsinn eng beieinander liegen. In diesem Klischee verbirgt sich eine tiefere Erkenntnis, die für verschiedene Formen des Irreseins gilt. Zwischen Menschen, deren Gedanken ihrer Gesellschaft weit voraus sind und dem Einordnen dieser Menschen als irre gibt es einen fließenden Übergang. Und Wissenschaftler, die eine tatsächlich neue Hypothese verfolgen, haben zumeist große Probleme, sich „normalen“ Menschen zu vermitteln.

Für Künstler, deren Aufgabe eben darin besteht, das Unbewusste sichtbar zu machen, gilt ähnliches. Tragische Figuren, die überzeugt davon sind, die Theorie gefunden zu haben, die erklärt, was die Welt im Innersten zusammen hält und damit einer längst fälligen Psychotherapie aus dem Weg gehen, kennt jede Universität. Die Empfehlung, zu einem Therapeuten zu gehen, liegt dann daran, dass Andere die Genialität der Theorie nicht erkannt hätten oder neidisch sind auf das Genie. Und in Deutschland, dem Land des Geniekultes, sind solche selbsternannten verkannten Genies mit massiven psychischen Störungen wahrscheinlich häufiger als in anderen Ländern. Der psychisch Kranke, der sich für Einstein hält, dürfte weitaus häufiger sein als der verkannte Einstein.

Der wahre Kern besteht allerdings darin, dass Menschen, die revolutionäre Gedanken entwickeln, damit zumindest anfangs in der Regel Außenseiter sind. Wer gegen das Establishment verstößt, wird schnell verlacht, also als Irrsinniger dargestellt. Anpassung, Einordnung und Koffer tragen ebnet den Weg zu Universitätskarrieren eher als wirklich neue Erkenntnisse. Und wer mit seinen Gedanken allein bleibt, gerät in Gefahr, irgendwann tatsächlich dem Irrsinn zu verfallen. Eine Grenze zwischen genialen Erkenntnissen und Wahnsinn zu ziehen, fällt dem „Normalen“ schwer. Derjenige, der sich als „normal“ begreift, sieht sich als Mittelmaß an, also weder als Genie noch als Wahnsinnigen.

Das Klischee von Genie und Wahnsinn hat einen wahren Kern: Kreativität und psychische Auffälligkeiten. So ist von Mozart bekannt, dass er in seiner privaten Kommunikation zu sinnlosen Ausdrücken und Obszönitäten neigte, Grimassen zog und nicht still sitzen konnte. „Einige psychische Störungen beinhalten die Fähigkeit, kreativ und unkonventionell zu denken“, so der Psychiater Wolfgang Maier. Und einige psychische Krankheiten sind häufig mit außerordentlicher Intelligenz verbunden, zum Beispiel paranoide Schizophrenie, zum Beispiel auch bestimmte Manien. Gerade kreative Menschen sind in Gefahr, dass die Kreativität aus dem Ruder läuft, dass enorme Schaffenskraft in manischen Größenwahn umschlägt.

Viele psychische Krankheiten haben ihre Gemütsentsprechung in herausragenden Fähigkeiten. Laut Hagop Akiskal von der Universiät San Diego decken sich kreative Eigenschaften wie Offenheit und Originalität mit Merkmalen psychotischen Denkens. Eine Gleichsetzung wäre aber falsch: „Acht Prozent der Manisch-Depressiven sind Künstler, was im Vergleich zur Normalbevölkerung viel ist, aber 92 Prozent sind es eben nicht.“ Wahrscheinlich werden sich aber weit mehr Manische für Künstler halten als nur acht Prozent.

Fast jeder kreative Mensch kennt das Problem, eine Grenze ziehen zu müssen. Zwischen dem Flooting, dem Prozess des Fließens, in dem das Kunstwerk gelingt, der Roman seine entscheidende Pointe erhält und dem Überdrehen in die Irre gibt es keine festen Schranken. Die Möglichkeit, die Schaffenskraft in der Wirklichkeit einzubringen, entscheidet oft über „Genie“ und „Wahn.“ Eine Studie an der Stanford Universität verglich normal begabte Menschen und besonders kreativer Menschen mit psychisch kranken Menschen. Die psychisch Kranken standen den Kreativen von ihrer Persönlichkeit näher als den „Normalen“.

Kreative Menschen kennen Euphorie und Selbstüberschützung, aber genauso Stagnation und Depression. Unter bekannten Künstlern häufen sich psychische Erkrankungen. Ob aber die künstlerische Begabung aus der Anfälligkeit zu seelischen Problemen resultiert, sei dahingestellt.

Einen biologischen Zusammenhang meint die Harvard-Professorin Shelley Carson zu erkennen: So ähneln die Gehirnfunktionen von besonders schöpferischen Menschen den Gehirnen Schizophrener. Bei beiden filtert das Gehirn demnach weniger Informationen heraus und knüpft aber mehr Verbindungen als bei durchschnittlich Begabten. Im Unterschied zu Kreativen können Schizophrene die Informationen aber nicht filtern, sondern werden von Halluzinationen überschwemmt.

Es kommt auch auf die Art des Irrsinns an: Schizophrene sind zum Beispiel als Schriftsteller ungeeignet, da ihre Sprache zersplittert, können aber manchmal gut malen. Allerdings soll zum Beispiel Hölderlin an Schizophrenie gelitten haben. Depressive sind zu kreativen Leistungen in der Depression nicht mehr fähig, wohl aber zum ungefilterten, hart realistischen Denken.

Irrsinn als literarisches Motiv

Psychische Extravaganz faszinierte die Schriftsteller durch alle Epochen hinweg. Die Motive waren dabei abhängig von der Zeit und dem Gesellschaftsbild. Die wohl bekanntesten Irrsinnigen der europäischen Literatur sind Don Quijote und Shakespeares Macbeth. Don Quijote von Cervantes ist ein Ritter in einer Zeit, in der es keine Ritter mehr gibt, und die Fabelwesen aus den Ritterromanen des Mittelalters auch nicht mehr. Er kämpft gegen Windmühlen, die er für Riesen hält, bis heute eine Metapher für ein irrsinniges Verhalten.

Macbeth wird auf dem Weg zur Macht um Mörder, bis er niemand mehr hat, dem er vertrauen kann. Hier ist es der Größenwahn, der Machtwahn des Herrschers. Und tatsächlich ergab eine erschreckende Untersuchung, dass die Merkmale des asozialen Charakters, des klassischen Psyhopathen, nicht nur bei Serienmördern, sondern auch bei Geschäftsleuten, Konzernchefs und Politikern besonders häufig anzutreffen sind. Zu diesen Merkmalen gehören mangelnde Empathiefähigkeit, Befriedigung durch das Leiden anderer und die Unfähigkeit Konflikte gleichberechtigt zu lösen. Was den Wahn des Jungenmörders Fritz Haarmann vom Wahn eines Macbeth unterscheidet, ist vor allem ihre gesellschaftliche Stellung. Die Faszination an dieser Form des Irrsinns ist die Faszination an der Macht. Und die macht führt in ihrer Reinform unweigerlich in den Wahn. Niemand drückte das besser aus als Tolkien im „Herrn der Ringe“. Der eine Ring ist der Ring der Macht. Gollum verfiel ihm und verfiel dem Wahn, Boromir stirbt, als sein Verlangen nach dem Ring zum Wahn wird.

Don Quijote hingegen spiegelt eine besondere Form des Irrsinns, die, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Er ist der letzte Ritter in einer Zeit, in der es keine Ritter mehr gibt. Irrsinnig erscheint er deswegen, weil er die Deutungsmuster der Ritterlichkeit in dieser Zeit anwendet. Damit ist er dem Kulturschock sehr ähnlich, den jeder kennt, der in ein Land kommt, in dem die Welterklärungen gänzlich anders sind als die bekannten. Zwischen seinen Vorstellungen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit gibt es für Don Quijote keine Integration. Sein „gegen die Windmühlen kämpfen“ entspricht einer klassischen Psychose, vergleichbar der traumatisierten Frau, die glaubt, eine vergewaltigte Frau schreien zu hören. Dafür gibt es aber Gründe: Das 17. Jahrhundert, die Zeit Don Quijotes, war mit dem Niedergang der alten Aristokratie verbunden.

Diese frühe Moderne hatte den Aufschwung des Bürgertums und den technischen Neuerungen zum Kennzeichen, die die „von Gott gegebene“ und unveränderbare Ordnung des Mittelalters hinwegfegte. In einer Gesellschaft, in der das Geld Status bedeutet, ist ein „Ritter ohne Furcht und Tadel“ überflüssig. Und Irrsinn, auch Psychosen, entstehen dadurch, dass Menschen ihre gesellschaftliche Position verlieren. Wer mit den Ideen von gestern im Heute Politik betreiben will, endet schnell in der Psychiatrie. Therapeuten kennen zum Beispiel SED-Funktionäre, deren Welt es nicht mehr gibt, und die in der neuen Gesellschaft nicht angekommen sind.

Dabei ist die Figur des Don Quijote nicht negativ, sondern liebenswert. Don Quijote ist nicht nur ein Spinner, sondern auch ein Idealist, und Cervantes lässt den Leser in den Spiegel schauen, was denn Wirklichkeit, vor allem, was richtig ist oder falsch. Denn als Don Quijote die Windmühlen als Riesen angreift, zeigt er etwas, das der modernen Gesellschaft verloren geht, nämlich mit Leidenschaft für eine Idee zu kämpfen. Die Windmühlen stehen aber für die moderne Technik, deren Funktionieren mit den Taten des Einzelnen nichts zu tun hat. In seinem Irrsinn hebt Don Quijote die Entfremdung auf. Er muss damit scheitern, weil die neue Gesellschaft sich nicht verhindern lässt, erscheint aber in seinem Scheitern sympathisch. Er ist den amerikanischen Ureinwohnern nicht unähnlich, die mit Pfeil und Bogen gegen die Armee der Vereinigten Staaten kämpften und militärisch auch nicht die Spur einer Chance hatten.

Edgar Allan Poe und die Lust an der Perversion

Edgar Allan Poe skizzierte den Irrsinn wie kaum ein anderer Autor der Moderne. Der Geist der Perversion, der seelische Zerfall zeichnet die Charaktere in „black cat“ und „spirit of perversity“. In „black cat“ erzählt ein Mann die Geschichte seines Wahns, die ihn zum Mörder werden ließ. Er war ein solider Mensch, liebte seine Frau und seinen Kater. Doch dann glitt er in den Abgrund der Perversion, seinen „Dämon“. Perversion ist bei Poe eine der Antriebskräfte des Menschen, die Überschreitung der Grenzen um ihrer Überschreitung willen. Das macht die Faszination des Wahns aus.

Der Erzähler erkennt das und schlittert dennoch in den Wahn hinein, verstärkt durch seine Trunksucht. Dem einst geliebten Tier sticht er das Auge heraus, hält den Anblick seiner üblen Tat nicht aus und erhängt den Kater. Das Haus brennt ab, die Umrisse des Katers zeigen sich an der Wand und verfolgen den Missetäter in seinen Träumen. Er nimmt einen neuen Kater mit nach Hause, der sich als Doppelgänger des alten erweist. Deshalb kann er ihn nicht ertragen, im Wahn stürzt er sich auf seine Frau und erschlägt sie mit der Axt, als er eigentlich den Kater töten will. Er mauert die Leiche ein, die Polizei kommt, er klopft an die Mauer in einem Anfall von Hybris. Da ertönt ein Miauen. Er hat den Kater mit eingemauert. Es handelt sich nicht nur um eine Gruselgeschichte, denn das wesentliche Element ist die Faszination am Wahn, die Faszination, etwas Perverses zu tun. Zwar spielt auch der psychische Zerfall eines Alkoholikers eine Rolle, ein Prozess, den Poe mit seinem eigenen Alkoholproblem sehr gut kannte. Delirium, durch Alkoholmissbrauch ausgelöste Wahnvorstellungen, der „Kater“ danach, wenn die eigenen Irrsinnstaten bewusst werden und die Sucht dennoch nicht stoppen zu können, lassen sich aus „black cat“ exemplarisch herauslesen.

Alkohol schränkt die Motorik und die geistigen Fähigkeiten ein, er führt zu Handlungen, die die Handelnden im nüchternen Zustand hart verurteilen würden und eben deshalb suchen sie diesen Zustand. Ohne diese Faszination würde es weniger Schlägereien auf Dorffesten, weniger Verkehrsunfälle, weniger sexuelle Belästigungen, weniger Leber- und Herzerkrankungen geben. Jeder weiß das, und doch fasziniert dieser Kontrollverlust, ansonsten wären die Kneipen leer. Und Poe wäre eben nicht Poe, wenn nicht hinter dieser Grenzüberschreitung eine prinzipielle, ja philosophische stehen würde, nämlich die Grenzüberschreitung als menschlicher Urtrieb zur Perversion. Poes Brillanz erfährt der Leser am eigenen Leib. Perversion, wörtlich das Verkehrte, ist Irrsinn.

Faszination am Irrsinn ist es deswegen, weil der Erzähler ja genau weiß, dass sein Handeln falsch, widersinnig, irrsinnig ist. Sonst würde niemand diese Geschichte lesen, der Leser selbst ist vom Wahn gefesselt, begleitet den Erzähler in seinem Wahn.

Poe skizziert hier psychoanalytisch einen Prozess, wofür im Christentum der Teufel steht. Der Teufel wurde erst in der frühen Neuzeit zu einer Art mächtigen Gegengottheit. Im Mittelalter, als die Macht der Kirche gefestigt war, spielte er die Rolle eines Irrsinnigen, eines Narren, der die Taten Gottes kopierte und immer wieder scheiterte, weil er sie auf irrsinnige, widersinnige Art und Weise versuchte, nachzuahmen.
Die schwarze Romantik, und zu dieser gehörte Poe, badete sich im diabolischen, niemand tauchte so tief in das Unbewusste wie die Romantiker, niemand sezierte den dort wuchernden Irrsinn so genau. Schwarze Messen, der Hexensabbat und die Übertragung der darin enthaltenen Symbolik auf die menschliche Psyche boten den geistigen Raum für ihre Fantasien. Auch bei Charles Baudelaire, der Poe bewunderte und bei seinem deutschen Spiegelbild E.T. A. Hoffmann spielt der Irrsinn eine zentrale Rolle.

Sie verurteilen ihn aber nicht moralisch, sondern zeigen ihn als Kennzeichen einer kaputten, einer dekadenten Gesellschaft. „Der Sandmann“ von Hoffmann ist eine der beeindruckendsden Darstellungen eines psychischen Krankheitsprozesses, in dem die Sicht des Kranken deutlich wird. Hoffmanns bekanntes Werk „Die Elixiere des Teufels“ nutzt den Begriff Teufel als Kennzeichen für psychische Verwüstung.

Niemand badete sich so sehr in der künstlerischen Beschäftigung mit Zuständen, die ihre Gesellschaft als irrsinnig ansah wie die Romantiker, die Poesie, die Literatur, die Kunst waren ihr Medium, aber auch die Drogen. Was für die bürgerliche Gesellschaft Irrsinn war, stellte für sie einen bedeutenden Weg zur Erkenntnis dar, darin den LSD konsumierenden Hippies der 1960er Jahre nicht unähnlich. Manche von ihnen wurden bieder, andere beendeten ihr Leben durch Selbstmord, einige verfielen dem Alkohol oder landeten in religiösen Sekten.

Schwarze Romantik heißt in ihrer heutigen Form Gothic, Romantik Fantasy. Die Fantasie ist immer auch das menschliche Unbewusste. Und zumindest literarisch lässt es sich dort in die tiefsten Abgründe reisen, ohne automatisch in der Psychiatrie zu landen. (Dr. Utz Anhalt)