50 Jahre Herzschrittmacher

Fabian Peters

Vor 50 Jahren wurde in Deutschland der erste Herzschrittmacher implantiert

04.10.2011

50 Jahre liegt die erstmalige Implantation eines Herzschrittmachers in Deutschland zurück. Heute leben über eine Millionen Menschen hierzulande mit einem Schrittmacher, der ihren Herzschlag reguliert. Am 6. Oktober 1961 hatte der junge Chirurg Heinz-Joachim Sykosch sich entgegen den Vorgaben seines Chefs für die Implantation des neuartigen Gerätes bei einem 19-jährigen Unfallopfer entschieden. Ein mutiger Schritt, der sich am Ende ausgezahlt hat.

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Herzschrittmacher-Pionier führte über 8.000 Eingriffe durch
Bereits 1958 wurde weltweit der erste Herzschrittmacher implantiert, 1961 folgte der erste entsprechende Eingriff in Deutschland. Der heute 86-jährigen Heinz-Joachim Sykosch setzte sich über den Willen seines Vorgesetzten hinweg und implantierte im Düsseldorfer Universitätsklinikum einem 19-jährigen Unfallopfer erfolgreich einen Herzschrittmacher. Der Patient überstand den Eingriff und konnte schon kurz nach der Operation wieder aufstehen. Sykosch hingegen wurde aufgrund des eigenmächtigen Handelns gefeuert, so der 86-jährige Pionier im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „dpa“. Allerdings schriebt der Mediziner mit dem Eingriff Geschichte und wurde bereits kurz darauf wieder eingestellt. Bis zu seinem Ruhestand 1990 hat Sykosch nach eigenen Angaben über 8.000 Herzschrittmacher implantiert, wobei immer mehr Patienten von der rasanten technischen und medizinischen Entwicklung profitierten. Die heutigen Geräte sind kaum noch vergleichbar mit den ursprünglich eingesetzten Schrittmachern und auch daran hat Sykosch einen nicht unerheblichen Anteil.

Herzschrittmacher zur Behandlung zu langsamer Herzschläge
Herzschrittmacher dienen seit der erstmaligen Implantation vor 50 Jahren der Behandlung von Patienten mit zu langsamen Herzschlägen (Bradykardie), wobei die Geräte regelmäßig den Herzmuskel mit Hilfe von elektrischen Impulsen stimulieren. Im Vorfeld der erstmaligen Implantation bei dem 19-jährigen Unfallopfer, hatte der Chef von Sykosch erklärt, der Arzt solle „den Mann in Frieden sterben lassen“, so die Aussage des Herzschrittmacher-Pioniers. Sykosch widersetzte sich jedoch den Vorgaben, da er „von der Entwicklung eines erstmals vollständig implantierbaren Schrittmachers in den USA gehört“ hatte. Der Mediziner besorgte sich das Gerät und „es hat funktioniert“. Das gleiche Modelle habe er in den kommenden Jahren „noch einige hundertmal implantiert“, berichtete Sykosch. Dieser erste Herzschrittmacher „wog 240 Gramm, und die Batterien hielten etwa zwei Jahre lang“, so der mutige Pionier weiter. Kaum vergleichbar mit den modernen Herzschrittmachern, die mit einem Bruchteil des ursprünglichen Gewichts und dem Durchmesser eines Mantelknopfes auskommen und deren Batterien acht bis zehn Jahre halten, erklärte Sykosch.

Düsseldorfer Herzschrittmacher-Pionier leistet Beitrag zur Optimierung
Nachdem er wieder eingestellt wurde, widmete sich Sykosch als Assistenzarzt auch der Optimierung der bisherigen Herzschrittmacher-Technik. Ihn habe „gestört, dass der Schrittmacher permanent geschlagen hat, auch wenn der Patient selber zwischendurch einen ordentlichen Puls hatte“, erklärte der Pionier. Daher setzte sich Sykosch ab 1963 mit einer Hand voll Tüftlern zusammen und entwickelte den „R-Wellen-Simulator“, der den Herzmuskel nur stimuliert, wenn tatsächlich Bedarf besteht. Eine Technik die anschließend mit den heutigen „Demand“-Schrittmachern optimiert wurde und dazu beitrug, dass die Geräte deutlich stromsparender arbeiten und so länger halten. Da Sykosch und Kollegen sich das Patent jedoch nicht sicherten, liegt dies heute bei einer amerikanischen Firma. Der Düsseldorfer Pionier hatte außerdem einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der heute üblichen, in Metallkapseln eingebetteten Batterien. Alles in Allem verdanken vermutlich hunderttausende Menschen dem mutigen und erfinderischen Handeln des Herzschrittmacher-Pioniers ihr Leben.

Herzschrittmacher heute ein relativ sicheres, komplikationsfreies Verfahren
Wie der Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Prof. Berndt Lüderitz, im Gespräch mit dem Nachrichtensender „ntv“ erklärte, leben heute rund eine Million Menschen in Deutschland und fünf Millionen weltweit mit einem implantierten Herzschrittmacher. Dabei werden die Schrittmacher in erster Linie zur Stimulation eines krankhaft langsamen Pulses eingesetzt und vor allem „ältere Menschen über 50, 60 Jahre“ profitieren von der Technik, erklärte der Experte. Mit der im Zuge des demografischen Wandels steigenden Lebenserwartung werde die Anzahl der implantierten Schrittmacher auch in den kommenden Jahren weiter steigen, so die Prognose von Prof. Berndt Lüderitz. Auch seien immer mehr Kliniken dazu in der Lage einen entsprechenden Eingriff durchzuführen und heute werden schon in rund 1.000 Krankenhäusern Herzschrittmacher-Implantationen durchgeführt, teilweise sogar ambulant, erklärte Lüderitz. Dabei sind in seltenen Fällen auch Kinder betroffen. Wie Sykosch berichtete, hat er im Laufe seiner Tätigkeit neun Kindern mit angeborenem Herzfehler einen Herzschrittmacher implantiert, wobei die jüngste Patientin gerade neun Monate alt war und „noch heute gut“ mit ihrem Herzschrittmacher lebt.

Vor 50 Jahren war der Ansatz das komplette Systeme unter die Haut ohne Verbindung nach außen zu legen „wirklich neu“ und „ein ganz großer Durchbruch, denn die Menschen waren vorher nicht zu retten“, erläuterte Prof. Lüderitz. Bis dato „war gegen einen zu niedrigen Herzschlag kein Kraut gewachsen“, so der Experte weiter. Nachdem 1958 die weltweit erste Implantation in Stockholm durchgeführt wurde, folgte 1961 die erste in Deutschland „von Sykosch, im Zusammenwirken mit dem Kardiologen Sven Effert“, erläuterte Prof. Lüderitz. Allerdings hielt der in Stockholm implantierte Schrittmacher lediglich drei Stunden und auch bei dem Düsseldorfer Patienten traten später Komplikationen auf. Wie Sykosch berichtete brachen die beiden Elektroden in Rippenbogen-Höhe, so dass der Herzschrittmacher-Pionier bei einem Juwelier das Fein-Schweißen erlernte, um bei einem weiteren Eingriff die Schäden zu beheben. „Es ist mir dann tatsächlich geglückt, in einer weiteren OP die zwei Enden zusammenzuschweißen“, erläuterte Sykosch. Der bei seinem erstmaligen Eingriff 19 Jahre alte Patient erreichte ein Alter von 45 Jahre und starb nicht an Herzversagen sondern einem Nierenleiden, so der Experte weiter. Bei dem Eingriff wurde dem Patienten unterhalb des Schlüsselbeins ein Mini-Aggregat mit Batterie implantiert, von dem aus Elektroden über die Venen ins Herz führen und dort den Herzmuskel stimulieren. Lediglich zum Wechseln der Batterien ist nach einigen Jahren eine weitere kleine OP notwendig, erklärte Prof. Lüderitz. „Früher gab es Infektionen, Entzündungen oder Elektroden-Brüche und vieles mehr. Heute haben wir ein sehr sicheres Verfahren praktisch ohne Komplikationen“, so der Experte weiter. Wie der Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie betonte, ist „der elektrische Herzschrittmacher eine wahre Erfolgsgeschichte, weil er vorher nicht behandelbare Menschen in eine normale Lebensqualität und zu einer normalen Lebenserwartung führt.“ (fp)

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Bild: Explantierter SSIR-Herzschrittmacher der Fa. Guidant, Quelle J. Heuser JHeuser