ADHS: Wissenschaftler erheben öffentlich Zweifel an Wirkung von Ritalin

Sebastian
Studien zur Wirksamkeit haben einer Studie nach keine hohe Aussagekraft
Seit vielen Jahren gehören Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat wie das bekannte „Ritalin“ zur Standardtherapie bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Doch ob diese wirklich helfen, ist offenbar kaum belegt. Zu diesem Ergebnis sind nun Forscher der Cochrane Collaboration gekommen, nachdem sie 185 Studien mit mehr als 12.000 betroffenen Kindern und Jugendlichen ausgewertet hatten.
Methylphenidat ist in vielen Präparaten enthalten
Der Wirkstoff Methylphenidat wird im Rahmen der so genannten „multimodalen Therapie“ schon seit über 50 Jahren bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS eingesetzt. In der Öffentlichkeit ist in diesem Zusammenhang meist von dem Medikament „Ritalin“ die Rede, doch das Psychostimulans Methylphenidat ist mittlerweile in einer Vielzahl unterschiedlicher Präparate enthalten. Dass der Wirkstoff schon so lange auf dem Markt ist, gilt für viele Mediziner als Beweis für seine Wirksamkeit und Ungefährlichkeit. Doch dieser Schluss könnte etwas voreilig sein. Denn die aktuelle Analyse des internationales Forscher-Netzwerks „Cochrane Collaboration“ zeigt nun eine andere Perspektive: Demnach sei die Studienlage bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Methylphenidat dünn und habe nur wenig Aussagekraft.

Ritalin: Kaum gesicherte Studien zur Wirksamkeit. Bild: EinBlick - fotolia
Ritalin: Kaum gesicherte Studien zur Wirksamkeit. Bild: EinBlick – fotolia

Experten analysieren 185 Studien
Die Cochrane Collaboration vereint weltweit Wissenschaftler bzw. Forschergruppen, die nach einem international anerkannten, standardisierten Verfahren den Nutzen und Schaden von Therapien und Früherkennungsmaßnahmen bewerten. Für die aktuelle Untersuchung analysierten die Experten 185 Studien mit insgesamt 12.245 Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 18 Jahren mit der Diagnose ADHS. In allen Studien war die Wirksamkeit des Wirkstoffs Methylphenidat durch einen Vergleich mit einem Scheinmedikament ohne Wirkstoff (Placebo) bzw. durch das Auslassen der Behandlung untersucht worden, so die Mitteilung des Netzwerks.

Es zeigte sich, dass durch die Gabe von Methylphenidat einige der Kernsymptome von ADHS wie Hyperaktivität, Impulsivität und Konzentrationsprobleme gelindert werden konnten. Ebenso konnte der Wirkstoff das allgemeine Verhalten und die Lebensqualität der betroffenen Kinder verbessern, gleichzeitig bestätigten sich aber auch mögliche Nebenwirkungen wie Schlafprobleme und Appetitverlust, teilt die Cochrane Collaboration weiter mit.

Knapp 40 Prozent der Studien durch die Industrie finanziert
Doch diese Ergebnisse konnten die Forscher um den dänischen Psychiater Ole Jakob Storebø nicht überzeugen. Denn da 72 der 185 Studien (40 Prozent) durch die Industrie finanziert worden waren, mussten sie einkalkulieren, dass Probanden unter Umständen wussten, dass sie z.B. nur ein Placebo erhalten hatten. Dementsprechend konnte eine mögliche Verfälschung der Ergebnisse nicht ausgeschlossen werden, zumal auch die Angaben in vielen Studien nicht vollständig gewesen seien.
Die Cochrane-Forscher ermittelten, dass die Studien im Durchschnitt lediglich einen Behandlungszeitraum von 75 Tagen (je nach Studie einer bis 425 Tage) umfassten, wodurch eine Beurteilung von Langzeiteffekten des Wirkstoffs gar nicht möglich sei. „Diese Analyse unterstreicht die Notwendigkeit von langfristigen, größeren und qualitativ besseren randomisierten Studien, damit wir die durchschnittliche Wirkung dieses Wirkstoffs zuverlässiger bestimmen können“, so Professor Ole Jakob Storebø in der Mitteilung der Cochrane Collaboration.

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Genauere Ergebnisse sind wichtig für Gesundheitsfachkräfte und Eltern
Denn genau dieser Nachweis sei wichtig für Gesundheitsfachkräfte und die Eltern der betroffenen Kinder, ergänzt Co-Autorin Dr. Morris Zwi. „Unsere Erwartungen an diese Behandlung sind wahrscheinlich größer als sie sein sollten, und da sich während unserer Überprüfung einige Hinweise für einen Nutzen fanden, sollten wir nicht vergessen, dass diese Feststellung auf qualitativ sehr niedrigen Belegen basiert“, so Dr. Morris Zwi. Dementsprechend bräuchte es weitere gut durchgeführte Studien, um den Nutzen und die Risiken dieser weit verbreiteten Behandlung klären zu können.

Behandlung muss sorgfältig begleitet werden
Co-Autorin Camilla Groth appellierte daher an die Ärzte, die schlechte Beweislage bei der Verschreibung von Psychostimulanzien zu berücksichtigen, Vorteile und Nebenwirkungen genau abzuwägen und die Behandlung sorgfältig zu überwachen. „Diese Bewertung liefert einen qualitativ sehr eingeschränkten Beweise für die Wirkungen von Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS. Einige könnten profitieren, aber wir wissen noch nicht, welche Patienten das sind“, erläutert Groth.
Dennoch sollte angesichts der Ergebnisse nicht überreagiert werden, indem die Medikamente nun sofort abgesetzt würden, so die Warnung der Cochrane-Forscher. „Wenn die Behandlung bei einem Kind oder Jugendlichen einen Nutzen ohne negative Auswirkungen bringt, dann dürften die Voraussetzungen vorhanden sein, die Behandlung fortzusetzen. Patienten und ihre Eltern sollten jede Entscheidung in Hinblick auf eine Beendigung der Behandlung immer mit ihren Arzt besprechen, bevor Sie agieren“, fügte Dr. Zwi hinzu. (nr)

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