Anti-Diät-Tag: Auch der Staat diskriminiert Dicke

Sebastian

Viele Menschen mit Übergewicht fühlen sich in Deutschland diskriminiert

04.05.2012

Am kommenden Montag findet ein „Anti-Diät-Tag“ statt. Übergewichtige wollen an diesem Tag gegen alltägliche Diskriminierungen von Dicken protestieren. Diäten schadenden den Menschen, weil das Gewicht nach einer erfolgreichen Abnehmkur nicht gehalten werden kann. "Auch der Staat benachteiligt übergewichtige Menschen", lautet der Vorwurf der Initiative "Dicke Menschen e.V.".

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Viele Menschen mit Übergewicht werden in Deutschland diskriminiert. Das berichtet der Verein „Dicke Menschen e.V.“ und wirft der Bundesregierung eine „massive Diskriminierung von übergewichtigen Menschen“ vor. In beinahe jeder medizinischen Publikation wird Übergewicht als ein krankmachender Zustand betitelt. So heißt es beispielsweise, dass Übergewicht das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Magen-Darm-Krankheiten massiv erhöhe. Das bekommen übergewichtige Menschen anscheinend auch im Berufsalltag zu spüren. In einem Interview berichtet die Vereinsvorsitzende Gisela Enders von „Dicke Menschen e.V.“, dass der Staat davon ausgehe, dass vollschlanke Menschen eine erhöhtes Erkrankungsrisiko aufweisen. Aus diesem Grund würden sie oftmals nicht verbeamtet, wie Enders in Berlin berichtet. Es käme sogar vor, dass Amtsärzte den Betroffenen empfehlen, „mit einer Radikal-Diät“ erst einmal kräftig abzunehmen. Eben jene Diäten gelten als gesundheitsschädigend.

Diäten schaden der Gesundheit
Derlei Diäten sind gesundheitlich gefährlicher, als das Übergewicht selbst, so die Vereinsvorsitzende. Solche diätetischen Radikalkuren seien weder eine Hilfe für den Staat, der dann sozusagen einen verdeckten dicken Menschen verbeamtet hat, und schon gar nicht für die Person selbst", wie Enders vor dem 20. Internationalen Anti-Diät-Tag am 6. Mai sagte. An diesem Tag wollen Dicke und Nicht-Dicke gegen „Bodyismus“ und „Schlankheitswahn“ demonstrieren und die Ungleichbehandlung in der Gesellschaft anprangern.

Gesundheitliches Risikoprofil bei der Verbeamtung
Gegenüber der Nachrichtenagentur „dapd“ rechtfertigte der Bundesvorsitzende des Ärzteverbandes des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Thomas Menn die Praxis. Die Amtsärzte wollen den Betroffenen nur helfen. Zudem wird die Entscheidung über die Verbeamtung nicht allein aufgrund der Gesundheitsdaten gefällt. Auch persönliche Gespräche seien mitentscheidend, so Meen. "Wenn eine Person in einem Monat zehn Kilo abnimmt, mache ich mir natürlich Gedanken.", so der Arzt.

Aufgabe der Amtsmediziner sei es, so viele risikobehaftete Faktoren auszuschließen, wie möglich. Menschen, die einen höheren BMI als 35 aufweisen, zeigen nach gängiger Fachmeinung ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko oder Bluthochdruck. Diese Faktoren spielen bei der Abwägung auf Zustimmung einer Verbeamtung eine Rolle.

Gesellschaftliche Stigmatisierung
Nach Ansicht der Vizepräsidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft, Martina de Zwaan, werden Menschen mit Gewichtsproblemen nicht nur diskriminiert, sondern gesellschaftlich stigmatisiert. Über die Betroffenen werde „getuschelt“ und der Vorwurf erhoben, das Übergewicht resultiere aus einer ungenügenden Willensstärke. Übergewichtige geben sich daraus resultierend selbst die Schuld für ihr Leiden. Die Folgen: Depressionen, Hoffnungslosigkeit und Resignation.

Benachteiligungen auch im Jobcenter
Enders berichtet, dass die Vorurteile und Benachteiligungen auch in den Jobcentern und Arbeitsagenturen vorherrschen. Ist der Erwerbslose dick, wird er sofort in die Schublade „Schwer Vermittelbar“ gesteckt. Es werde in den Ämtern „nach dem Aussehen und nicht nach der Qualifikation entschieden“. Viele Arbeitgeber entscheiden sich bei Bewerbungsgesprächen gegen Dicke. In diesem Zusammenhang forderte Enders, das Körpergewicht in die EU-Antidiskriminierungsrichtlinien aufzunehmen. „Wir fordern Europäische und nationale Politiker auf die Diskriminierung aufgrund von Körperformen in die jeweiligen Antidiskriminierungsgesetze aufzunehmen. Und zunächst wahrzunehmen, dass diese Form der Diskriminierung laufend stattfindet und gesellschaftlich bisher nicht sanktioniert wird“, heißt es in einer Resolution des Vereins.

Mehr Gewicht als vorher
Viele der Betroffenen hangeln sich von einer Diät zur nächsten. Ernährungswissenschaftler gehen davon aus, dass durch Diäten, die ein vermeintlich schnelles Abnehmen versprechen, rund 80 bis 90 Prozent danach wieder zunehmen. „Nicht selten wiegen sie durch den Jojo-Effekt sogar danach mehr“, berichtet die Sozialpädagogin Gritli Bertram. Von Diäten rät auch Zwaan ab. "Damit ist es kaum dauerhaft möglich, Gewicht zu reduzieren", sagt sie. In Werbeanzeigen wird den Menschen versprochen, in nur wenigen Wochen 16 Kilo abzunehmen. Zwar sei dies tatsächlich möglich, aber kaum jemand kann das Gewicht danach langfristig halten. Aus diesem Grund sei es wichtig, Aktionen an dem Anti-Diät-Tag durchzuführen. Das Problem sei aber, dass eine riesige Industrie dahinter steckt".

Die Verbandsvorsitzende rät daher Übergewichtigen, grundsätzlich etwas am Lebensstil zu verändern. Wer durchschnittlich übergewichtig sei, habe gute Chancen längerfristig das Gewicht zu halten. Schritt für Schritt sollten alte Gewohnheiten über Bord geworfen und die Zusammenstellung des Essens neu strukturiert werden. Nur bei Betroffenen, die an Adipositas mit massivem Übergewicht leiden, könne auch eine Magen-Op helfen. Diäten machen aber dauerhaft keinen Sinn und schaden zusätzlich der Gesundheit.

Der Internationale Anti-Diät-Tag wurde zum ersten Mal 1992 in England durchgeführt. Seitdem ist der 6.Mai jährlich ein Aktionstag, der auf die Gefahren von Diäten hinweist, über Esssüchte und deren schweren Folgen informiert und sich für ein gesundes Leben, egal mit wie viel Gewicht, einsetzt. Aktionen werden an diesem Tag an vielen Orten in der Welt durchgeführt. (sb)

Bild: Knipseline / pixelio.de