Asoziale Fische durch Psychopharmaka in Flüssen

Fabian Peters

Psychopharmaka-Rückstände in Flüssen machen Fische mutiger und asozial

15.02.2013

Die Rückstände von Psychopharmaka gelangen mit dem Abwasser in unsere Flüsse und können hier selbst in kleinsten Dosierungen zu nachhaltigen Verhaltensänderungen der Fische und anderer Wasserlebewesen führen, berichten Wissenschaftler der schwedischen Umeå Universität im Fachmagazin „Science“. Die Tiere reagieren „seltsam auch bei geringen Konzentrationen der Medikamente in den Flüssen, was darauf hindeutet, dass die Psychopharmaka das Verhalten der Fische und die Ökologie auch in kleinen Dosen beeinflussen können“, schreiben die Forscher um Tomas Brodin von der Umeå University.

Laut Aussagen der schwedischen Wissenschaftler sind "Hunderte von verschiedenen Arzneimitteln dazu in der Lage durch die konventionellen Kläranlagen zu schlüpfen und finden sich anschließend in unseren Gewässern wieder". Die Forscher der Universität Umeå erläuterten, dass "die vielen Arzneimittel in den Flüssen und Bächen Auswirkungen auf das Verhalten der aquatischen Lebewesen haben". Aus früheren Studien sei bereits bekannt, dass "hohe Konzentrationen der Arzneimittelrückstände in den Gewässern Einfluss auf die Wasserlebewesen haben". Nun konnten die schwedischen Forscher nachweisen, dass auch stark verdünnte Konzentrationen von Psychopharmaka zu gravierenden Verhaltensänderungen bei Fischen führen – sie wurden mutiger, zeigten jedoch gleichzeitig eine weniger Gesellschaft dienliches (teilweise asoziales) Verhalten.

Rückstände von des Arzneimittels Oxazepam in den Gewässern
Die schwedischen Wissenschaftler haben nach eigenen Angaben bereits „vor einigen Jahren das psychoaktive Medikament Oxazepam (Gruppe des Diazepams) in Wasserproben aus dem Fluss Fyris, der durch Uppsala – die viertgrößte Stadt in Schweden – fließt“, nachgewiesen. Oxazepam gehöre „zu einer Klasse von Medikamenten, die die Neuronen weniger erregbar und langsamer macht“, berichten die Forscher. Die Übertragung der Signale im Gehirn werde gehemmt. Psychopharmaka auf Basis von Oxazepam seien heute ein „essentieller“ Bestandteil bei der Behandlung von Panikattacken und anderen schweren Angststörungen, schreiben die schwedischen Wissenschaftler. Die Belastung der Gewässer mit derartigen Medikamenten sei dabei „kein besonderes schwedisches Problem“, so der Hauptautor Tomas Brodin weiter. Da sich die Psychopharmaka mit der Zeit im Gewebe der Fische anreichern, seien auch geringe Konzentrationen auf Dauer kritisch zu bewerten. So lag laut Aussage der Forscher die bei Barschen aus dem Fluss Fyris nachgewiesene „Konzentrationen von Oxazepam bis zu sechs mal höher im Muskelgewebe der Fische als im Wasser“, berichten Brodin und Kollegen.

Fische unter Einfluss der Psychopharmaka zeigen erhebliche Verhaltensänderungen
Das Forscherteam der Universität Umeå hat im Rahmen seiner aktuellen Studie untersucht, welche Wirkung die Rückstände der Psychopharmaka im Gewässer auf den Organismus von Fischen haben. Sie testeten dies an drei verschiedenen Gruppen juveniler Barsche (Barsch-Jungfische). Eine Gruppe wurde in einem Aquarium mit doppelt so hoher Oxazepam-Konzentration wie im Fluss Fyris großgezogen, eine weitere bei 500 mal so hoher Konzentration und die dritte in Wasser, das frei von Medikamentenrückständen war. Die Wissenschaftler beobachteten „drei markante Veränderungen im Verhalten der Barsche, die Oxazepam ausgesetzt waren.“ So legten die Barsche durch die Psychopharmaka ihr Verhalten als „Schwarmfische“ ab. Dieses „soziale Verhalten, das die Fischschwärme zusammenhält und sie vor Räubern schützt“, ging unter Einfluss der Medikamente deutlich zurück und die Fische schwammen stattdessen häufiger solo, schreiben Brodin und Kollegen.

Erhöhte Risikobereitschaft unter Einfluss der Medikamente
Zweitens sei bei den Fischen, die sehr hohen Konzentrationen der Psychopharmaka ausgesetzt waren, eine erheblich gesteigerte Risikobereitschaft zu beobachten gewesen. Die Barsche wurden mutiger und wagten sich eher „als ihre nüchternen Altersgenossen über eine Klappe in dem Aquarium in eine neue Umgebungen“, so die Erkenntnis des schwedischen Forscherteams. Die dritte auffällige Verhaltensänderungen betraf laut Angaben der Wissenschaftler das Nahrungsverhalten der Fische. Beide Gruppen unter Einfluss von Psychopharmaka zeigten demnach ein sehr viel gierigeres Fressverhalten, erwiesen sich jedoch auch als effizientere Futterbeschaffer beziehungsweise bessere Jäger von Wasserflöhen.

Unklare Folgen der Verhaltensänderungen bei Barschen
Welchen Einfluss die Verhaltensänderungen durch Psychopharmaka-Rückstände auf die Fische in ihrem natürlichen Umfeld haben, konnten die Wissenschaftler im Rahmen ihrer Studie nicht eindeutig klären. Hier seien sowohl positive als auch negative Effekte denkbar. Beispielweise könnte die Fressgier der Fische zu einer drastischen Dezimierung der Wasserflöhe führen, wodurch unter Umständen eine Algenblüte drohen würde, die dem Wasser den Sauerstoff entzieht und schlimmstenfalls den Tode der Fische bedeuten würde, schreiben Brodin und Kollegen. Anderseits führt "die effizientere Futterbeschaffung möglicherweise auch dazu, dass die Fischpopulation schneller wächst". Das mutigere Verhalten könne ebenso wie die stärkere Neigung zu asozialen Alleingängen jedoch auch dazu führen, dass die Fische häufiger Räubern zum Opfern fallen. Dies hänge stark davon ab, ob die Barsche die größten Raubfische in ihrer Umgebung sind, so das Fazit von Brodin und Kollegen.

Reduzierung der Arzneimittelrückstände in Gewässern gefordert
Ihre Studie verdeutlicht, wie dringend erforderlich eine verbesserte Klärung der Abwässer ist, betonten die schwedischen Forscher. Denn vergleichbare Verhaltensänderungen wie bei den Barschen seien auch bei anderen Fischen zu erwarten. Außerdem erreichen die Rückstände der Arzneimittel über das Trinkwasser zunehmend auch den Menschen. Hier hatte beispielsweise eine Studie der Jacobs University Bremen zur Belastung des Trinkwassers in Berlin aus dem Jahr 2010 ergeben, dass teilweise besorgniserregende Belastungen mit dem MRT-Kontrastmittel Gadolinium vorlagen. Dieses Kontrastmittel könne auch als Indikator für die Trinkwasserbelastung mit anderen Arzneimitteln herangezogen werden, berichteten die Bremer Forscher vor gut zwei Jahren und verwiesen auf mögliche Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung. (fp)

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