Babysprache vermeiden: Den Alltag mit Demenzkranken besser meistern

Fabian Peters
Babysprache ist tabu – Den Alltag mit Demenzkranken meistern
Die Diagnose Alzheimer ist in der Regel ein herber Schock für die ganze Familie. Angehörige und Freunde sind zunächst oft überfordert und wissen nicht wie sie damit umgehen sollen. Eine Expertin von der Deutschen Alzheimer Hilfe hat wichtige Ratschläge parat, wie Angehörige den Alltag mit der Krankheit besser meistern können.

Diagnose Alzheimer ist ein Schock für die ganze Familie
Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Demenzerkrankung, die meisten von ihnen haben Alzheimer. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) werden rund 80 Prozent aller Demenzkranken hierzulande von ihren Angehörigen versorgt und begleitet – Von Ehepartnern, Kindern und Schwiegerkindern, Enkeln oder anderen Familienmitgliedern oder von Freunden. Meist ist die Diagnose Alzheimer zunächst ein herber Schlag für das ganze Umfeld. Die meisten fragen sich wie sie damit umgehen sollen. In einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa erklärte Susanna Saxl von der DAlzG, wie Angehörige den Alltag mit der Krankheit meistern können.

Bei der Kommunikation mit Demenzkranken sollte "Babysprache" vermieden werden. (Bild: Sandor Kacso/fotolia.com)
Bei der Kommunikation mit Demenzkranken sollte „Babysprache“ vermieden werden. (Bild: Sandor Kacso/fotolia.com)

Babysprache ist fehl am Platz
Kurz vor dem Welt-Alzheimer-Tag, der dieses Jahr unter dem Motto: „Demenz – Vergiss mich nicht“ steht, sagte die Expertin, Betroffene sind Erwachsene, „auch wenn sie sich mit der Zeit wie Kinder verhalten“. Man muss sie daher auch wie Erwachsene behandeln – Babysprache ist dabei absolut fehl am Platz: „Das ist entwürdigend.“ Saxl empfiehlt, möglichst einfach, aber ohne Verniedlichungen zu sprechen. Zum besseren Verständnis können zudem einzelne, konkrete Anweisungen helfen. „Wenn man aufträgt, den Tisch zu decken, kann das überfordernd sein. Lieber in einzelne Arbeitsschritte teilen.“

Gesten und Nähe helfen
Mit der Zeit können Worte jedoch zu einer unüberwindbaren Hürde für die Kranken werden. So können sie beispielsweise alltägliche Begriffe nicht mehr der richtigen Sache zuordnen. Dann kann es zum Beispiel hilfreich sein, wenn einer Person, die das Wort Gabel nicht mehr versteht, diese einfach gezeigt wird. Zudem helfen Gesten oder Nähe im Umgang mit Betroffenen weiter. „Auch im fortgeschrittenen Stadium haben sie ein Gespür für Emotionen. Liebe und Nähe sind da sehr wichtig.“ Und selbst wenn Betroffene ihre Partner nicht mehr erkennen oder die Tochter mit „Mama“ ansprechen, ist Saxl überzeugt, dass ihm sein Gegenüber nicht fremd ist: „Er spürt, dass ihm die Person lieb und teuer ist. Er weiß nur nicht mehr genau, wer sie ist.“

Tanz und Musik geben Lebensenergie
Schöne Erlebnisse können den Kranken Lebensenergie geben. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel Tanzen gegen Demenz. Und zwar nicht erst bei fortgeschrittener Krankheit sondern auch im Anfangsstadium. Auch alte Schlager entfalten oft eine positive Wirkung. „Musik bleibt lange im Gedächtnis. Dazu die Gemeinsamkeit und Nähe“, so Saxl. Doch nicht nur in der Freizeit, sondern auch im Alltag tut Demenzkranken Beschäftigung gut. Zu Hause können sie mit einfachen Aufgaben am Alltag teilnehmen: „Wenn jemand zum Beispiel viel mit Akten zu tun hatte, lässt man ihn Papier lochen und abheften.“ Es sollte dabei aber nicht das Ergebnis im Fokus stehen – Hauptsache die Freude ist da. „Vor allem sollte man nie auf Defizite hinweisen, sondern immer sagen, was noch alles funktioniert“, erläutert die Expertin.

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Wohnung immer gut ausleuchten
Da Demenz-Patienten eine andere optische Wahrnehmung haben, sollte die Wohnung stets gut ausgeleuchtet sein. „Türschwellen können manchmal wie tiefe Schluchten erscheinen.“ Die Kranken werden sich mit der Zeit auch nicht mehr in ihrer eigenen Wohnung orientieren können. „Da helfen Symbole auf den einzelnen Zimmertüren oder ein Leuchtband auf dem Boden, was nachts zur Toilette führt.“ Angehörige, die sich ständig Sorgen machen, ob der Betroffene den Weg nach Hause findet oder den Herd ausschaltet, sollten wissen: „Mittlerweile gibt es so viel technische Hilfe, dass die Angst minimiert werden kann.“

Pflege Angehöriger kann der eigenen Gesundheit schaden
In der Regel kommt aber irgendwann der Punkt, dass es zu Hause einfach nicht mehr geht. „Dafür muss man sich keine Vorwürfe machen. Viele versprechen, dass der Patient nie ins Heim muss.“ Spätestens wenn die eigene Gesundheit darunter leidet, ist der Zeitpunkt aber erreicht, etwas zu ändern. Und das ist gar nicht so selten der Fall. So zeigte eine Umfrage des Forsa-Instituts vor kurzem, dass die Pflege Angehöriger oft zu Depressionen führt. Anzeichen, die auf psychische Überlastung hindeuten, sind unter anderem Gereiztheit, Überforderung und Erschöpfung. Die DAlzG bietet auf ihrer Webseite eine Übersicht über die Anlaufstellen in Deutschland. „Man muss offen mit sich selbst umgehen“, so Saxl. „Das heißt ja nicht, dass man sich im Heim nicht mehr kümmert.“ Wenn der Kampf um das tägliche Waschen und Pflegen entfällt, können beide Seiten mehr gemeinsame schöne Momente erleben. (ad)