Die Qual der Erinnerungen beim Trauma

Fabian Peters

Bilder traumatische Erlebnisse bleiben ein Leben lang gespeichert

09.10.2012

Manche Bilder bleiben für immer in unserem Kopf. Dies gilt auch für viele Zeugen eines schweren Verkehrsunfalls, die anschließend nicht selten ein Trauma erleiden und aufgrund des Erlebten mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen haben. Laut Angaben des Instituts für Psychologische Unfallnachsorge (ipu) in Köln zeigen die Augenzeugen eines schweren Unfalls mitunter erhebliche psychische Belastungssymptome, die auch mit physiologischen Störungen wie Atemnot, Herz- und Kreislaufstörungen, Essstörungen, Impotenz oder Magen- und Darmstörungen einhergehen können. Die Bilder der Schwerverletzten und möglicherweise sogar Toten verfolgen die Zeugen bis in den Schlaf. Schlaflosigkeit und Alpträumen sind typische Folgen.

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Akute psychische Belastungsreaktionen und posttraumatische Belastungsstörungen
Zeugen und Ersthelfer werden bei schweren Unfällen häufig mit Bildern konfrontiert, die sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen können. Zudem stehen sie dem Geschehen am Unfallort oftmals relativ hilflos gegenüber. Als akute Reaktion auf die erlebte Hilflosigkeit und die furchtbaren Dinge, die sei mit ansehen mussten, zeigen viele Ersthelfer einen psychischen Schockzustand, der in den Tagen unmittelbar nach dem Unfall zu „Angst, Ärger, Verzweiflung, Überaktivität oder Rückzug“ führen kann, berichtet das Institut für Psychologische Unfallnachsorge auf seiner Internetseite. Diese akuten psychischen Belastungsreaktionen sind von den sogenannten posttraumatische Belastungsstörungen (traumatische Neurosen) zu unterscheiden. Letztere äußern sich laut Angaben des ipu in wiederholtem Erleben des traumatischen Ereignisses, sich aufdrängenden Erinnerungen, Albträumen, emotionaler Gleichgültigkeit und vegetativer Übererregbarkeit. Auch würden Aktivitäten oder Situationen gemieden, die an das Geschehene erinnern könnten. Zudem entwickeln die Betroffenen laut Aussage der Experten unter Umständen Depressionen und Suizidgedanken.

Bis zu 30 Prozent der Unfallzeugen kämpfen mit psychischen Problemen
Wie viele Zeugen eines schweren Unfalls tatsächlich aufgrund des Erlebten mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, ist unter den Experten durchaus umstritten. So erklärte Hanjo von Wietersheim von der Notfallseelsorge der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“, dass die meisten Menschen, die schlimme Ereignisse erleben, diese relativ gut verarbeiten. Zwar leiden viele Unfallzeugen bis zu zwei Monate an sogenannten Flashbacks und Alpträume, doch psychologische Hilfe benötigen nach Schätzung von Hanjo von Wietersheim lediglich bis zu vier Prozent. Der Leiter des Instituts für Psychologische Unfallnachsorge in Köln, Professor Wilfried Echterhoff, kommt hier hingegen im Gespräch mit der „dpa“ zu einer deutlich abweichenden Einschätzung. Seiner Ansicht nach benötigen 30 Prozent der Unfallzeugen psychologische Hilfe, um die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Lebenslange Schäden durch traumatische Erlebnisse
Können die Unfallzeugen das Geschehene nicht verarbeiten, drohen „lebenslange Schäden: massive Ängste, dauerhafte Arbeitsunfähigkeit, Depressionen und Hilflosigkeitsgefühle“, erläuterte der Leiter des IPU. Sein Institut verfügt über ein „bundesweites Therapeutennetz“ und betreut rund 50 Menschen pro Jahr. Als langfristige Anzeichen eines entsprechenden Traumas nennt der Experte neben den Alpträumen, Schlafstörungen und häufig ungewollten Erinnerungen, auch eine Zunahme des Tabak-, Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenkonsums. Betroffene sollten dringend therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Dabei stellt sich jedoch auch die Frage nach der Kostenübernahme. Denn die Bezahlung der psychologischen Hilfe für Unfallzeugen und Ersthelfer ist laut Aussage von Professor Wilfried Echterhoff nicht eindeutig geregelt. Beispielsweise könnten „bei Unfällen in der Öffentlichkeit die Kosten von der Unfallkasse des jeweiligen Bundeslandes übernommen werden“, aber auch der Verursacher müsse Kosten übernehmen, zum Beispiel über seine Haftpflichtversicherung. „Ansonsten sollten die Krankenkassen bezahlen, die machen aber oft Schwierigkeiten", so der Leiter des IPU.

Notfallseelsorge hilft vor Ort
Hanjo von Wietersheim erklärte, weitere Schwierigkeiten ergeben sich oftmals aus dem Umstand, dass „vor Ort nicht klar einzuschätzen ist, ob ein Augenzeuge später Hilfe von Spezialisten brauchen wird oder nicht.“ Unmittelbar nach der Rettungsaktion sei der Adrenalinspiegel bei den Ersthelfern in der Regel noch so hoch, dass sie völlig aufgeregt sind und nur so schnell wie möglich weiter beziehungsweise nach Hause wollen. „Dort ist man dann oft allein mit seinen schrecklichen Erinnerungen“, erläuterte von Wietersheim. Daher würden die Mitarbeiter der gut vernetzten Notfallseelsorge an den Unfallorten Flyer in 16 Sprachen verteilen, auf denen Unfallzeugen erfahren, an wen sie sich wenden können, wenn sie später doch noch Hilfe benötigen. „Die Notfallseelsorge in Bayern verzeichnet rund 6.000 Einsätze im Jahr, pro Einsatz werden zwei bis drei Menschen vor Ort intensiv betreut“, betonte von Wietersheim und ergänzte: „Wir von der Notfallseelsorge lassen die Menschen nicht allein.“

Unfallzeugen wollen schnellstmöglich weg vom Ort des Geschehens
Der Bundeskoordinator für Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) des Deutschen Roten Kreuzes, Michael Steil, bestätigte, dass Augenzeugen schwerer Unfälle oftmals möglichst schnell vom Ort des Geschehens weg möchten. Er „habe oft von Menschen gehört, die wegfuhren und 20 Minuten später zitternd anhalten mussten. Erst da haben sie realisiert, was ihnen widerfahren ist“, berichtet Michael Steil. Für die Zeugen seien schwere Unfälle oftmals sehr belastend, da sie den Verletzten lediglich Mut zusprechen und auf das Eintreffen der Rettungskräfte warten können. Mitunter führe diese Form der Hilflosigkeit im Nachhinein zu erheblichen psychischen Belastungen bei den Unfallzeugen. Sie machen sich Vorwürfe. „Wer mitgeholfen hat, ein Leben zu retten oder einem Verletzten zu helfen“, habe hier „in aller Regel weniger Probleme mit der Verarbeitung“, erläuterte Steil. Auch könnten gute Erste-Hilfe-Kenntnisse nicht nur in der Situation direkt helfen, sondern sie geben den Unfallzeugen die Sicherheit, nach bestem Wissen gehandelt zu haben. Alle zwei bis drei Jahre sollten die Kurse wiederholt werden, damit sie nicht in Vergessenheit geraten, so der PSNV- Bundeskoordinator.

Erheblicher Einfluss des sozialen Umfeld auf die Verarbeitung traumatischer Ereignisse
Auch das soziale Umfeld habe maßgeblichen Einfluss darauf, wie Unfallzeugen traumatische Erlebnisse verarbeiten, erklärte Michael Steil. Heute seien „immer weniger Menschen von sich aus in der Lage, mit solchen Situationen umzugehen.“ Dabei spiele auch eine Rolle, dass „die sozialen Netzwerke nicht mehr so engmaschig sind wie früher.“ Laut Steil gibt es heute viele Menschen, die ihren Alltag ohne Gemeinschaft anderer verbringen. Außerdem bestehe für viele das Leben nur aus Spaß und Karrieremachen. Entsprechend hätten sie sich noch nie mit dem Tod beschäftigt. Um die Erlebnisse eines schweren Unfalls zu verarbeiten, sollten die Unfallzeugen in den ersten Tagen und Wochen nach dem Ereignis gezielt Ablenkung zu suchen, erklärte der PSNV- Bundeskoordinator. Es sei „wichtig, sich etwas Gutes zu tun, wenn man das Bedürfnis danach hat.“ Körperliche Aktivitäten können laut Aussage des Experten ebenfalls einen positiven Effekt entfalten. So sollte beispielsweise bei Schlaflosigkeit viel Sport getrieben werde, denn wer körperlich erschöpft ist, schläft leichter ein“, betonte Steil. Bleiben die Anzeichen einer psychischen Belastungsstörung bestehen, sollte das Erlebte unbedingt in einer Therapie aufgearbeitet werden, so der Bundeskoordinator für Psychosoziale Notfallversorgung weiter. (fp)