Essstörungen: Anorexia nervosa (Magersucht)

Dr. Utz Anhalt

Magersucht: Anorexia nervosa

Die am häufigsten diagnostizierte Essstörung in der Praxis ist die Magersucht (Anorexia nervosa), die isoliert oder als Mischtypus mit der sogenannten Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) vorkommt. Obwohl von der Magersucht immer noch überwiegend Mädchen in der Pubertät und junge Frauen betroffen sind, kommen die Symptome in ähnlicher Ausprägung auch bei Jungen und Männern vor. Die Anorexie kann unbehandelt zu Mangelernährung, Auszehrung und letztlich sogar zum Tod führen.

Anorexia nervosa: Der unwiderstehliche Drang, abzunehmen

Hauptkriterium der Magersucht ist ein Gewichtsverlust von mindestens 15 % durch den Verzicht auf Nahrungsaufnahme mit der Weigerung, ein alters- und größenentsprechendes Normalgewicht anzustreben bzw. beizubehalten. Der fehlende Appetit, den die Übersetzung der Bezeichnung „Anorexia“ nahegelegt, wird dabei zunächst von den Betroffenen selber herbeigeführt, z.B. durch die Einnahme appetithemmender Medikamente. Die Mädchen und Frauen sind von der Furcht beherrscht, zuzunehmen und verwenden immer mehr Zeit und Energie auf die Kontrolle des eigenen Körpergewichts. Sie entwickeln sich zu wahren Ernährungsexpertinnen, kennen den Kaloriengehalt sämtlicher Nahrungsmittel, kochen für Freunde oder Verwandte, vermeiden es aber möglichst, Mahlzeiten mit anderen einzunehmen.

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Magersucht-Essstörung

Sind solche sozialen Anlässe nicht zu vermeiden, wird durch bestimmte „Tricks“ ein zuviel an Nahrungsaufnahme vermieden. Teile der Mahlzeit verschwinden in der Serviette oder werden auf dem Teller so „zurechtgerückt“, dass es mengenmäßig weniger erscheint. Gegessen werden nur ganz bestimmte Nahrungsmittel, dazu besteht häufig ein Missbrauch von Abführmitteln. Durch möglichst wenigen Ruhephasen und z.T. exzessivem sportlichen Einsatz soll ein „Ansetzten“ von Körpermasse verhindert werden. Bestehen darüber hinaus –ständig oder phasenweise- Symptome der Bulimie, wird nach dem Essen bewusst erbrochen. Es zeigt sich bei den Betroffenen wenig Krankheitseinsicht, die Anzeichen und Symptome werden verleugnet oder bagatellisiert.

Veränderte Körperwahrnehmung führt zu Auszehrung und Selbstverletzung

Die Mädchen und Frauen entwickeln eine ausgeprägte Störung im Bereich der Körperwahrnehmung, die auch bei völliger Auszehrung (Kachexie) bestehen bleibt. Obwohl bereits untergewichtig, nimmt die Magersüchtige sich weiterhin als „zu fett“ wahr, das ideale Wunschgewicht kann so nie erreicht werden, was unweigerlich zu Selbstwerteinbußen führt.
Der Schmerz durch Selbstverletzungen mittels Schneiden („Ritzen“) oder Verbrennen der Haut mit Zigarettenglut wird von manchen der betroffenen Mädchen als einzige Möglichkeit wahrgenommen, sich /ihren Körper zu spüren.

Körperliche Symptome als Folge der Mangelernährung

Auf körperlicher Ebene kommt es durch die Mangelernährung vielfach zu einer hormonellen Regulationsstörung auf der Achse von Hypothalamus, Hypophyse und Keimdrüsen, die sich als unregelmäßige oder ausbleibende Menstruation sowie Unfruchtbarkeit äußern kann.

Weitere Symptome sind Haarausfall, verringerte Körpertemperatur (Hypothermie), niedriger Blutdruck (Hypotonie) und verlangsamter Puls (Bradykardie). Durch Eiweißmangel kann es zu Wassereinlagerungen (Ödeme) kommen, häufiges Erbrechen und Abführmittelmissbrauch führen zu innerer Austrocknung und Elektrolyteverlust. Es bestehen eine erhöhte Infektanfälligkeit, in späteren Stadien auch Depression und Suizidgefahr. Die Magersucht ist eine schwere bis lebensbedrohliche Störung und muss bei voller Ausprägung stationär (Zwangsernährung, Psychotherapie) behandelt werden. (Dipl.Päd. Jeanette Viñals Stein, Heilpraktikerin)

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