„Die Un-Heilpraktiker“: Ehemalige Heilpraktikerin fordert professionelle Standards

Anousch Müller hält Behandlungen wie Reiki oder Bioresonanz für wissenschaftlich haltlos.
Dr. Utz Anhalt
Anousch Mueller wurde nach schlechten Erfahrungen mit der „Apparatemedizin“ Heilpraktikerin. Die heutige Journalistin sieht die fachliche Basis vieler HeilpraktikerInnen skeptisch und fordert eine fundierte Ausbildung nach geprüften Standards.

Irrationale Indoktrination?
In ihrem Buch „Un-Heilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen“ kritisiert sie: Es gäbe keine geregelte Ausbildung, und Heilpraktiker-Anwärter würden einer Gehirnwäsche mit irrationalen Theorien unterzogen. Heilpraktiker würden Patienten von medizinisch wirksamen Therapien abraten und für bestenfalls wirkungslose Praktiken missbrauchen.

Anousch Mueller hält Behandlungen wie Reiki oder Bioresonanz für wissenschaftlich haltlos.
Anousch Mueller hält Behandlungen wie Reiki oder Bioresonanz für wissenschaftlich haltlos.

Brutstätte für Verschwörungstheorien
Sie bestreitet, dass Methoden wie Bioresonanz- oder Zelltherapien, Reiki oder Kinesiologie mehr wären als Aberglauben und sieht unwirksame Behandlungen unreguliert ablaufen. Diese von offizieller Seite nicht geprüften Behandlungen seien zudem ein großes Geschäft. Die Heilpraktikerszene sei eine Brutstätte für Verschwörungstheorien und Impfgegner.

Keine fundierte Ausbildung
Der Multiple Choice Test, dessen Bestehen dazu legitimiere, als Heilpraktiker zu arbeiten, sei als Berufsgrundlage ungenügend. Mueller schreibt: „Das sind Zehntausende von Heilbehandlern, die ohne fundierte medizinische Ausbildung beängstigend viele Befugnisse haben, die in vielerlei Hinsicht an die von Ärzten heranreiche.“

Heilpraktiker dürften Injektionen setzen, offene Wunden behandeln oder als Psychotherapeuten arbeiten, ohne die dafür notwendige Professionalität zu haben.

Berechtigung bei psychosomatischen Störungen
„Alternativmedizin“ habe durchaus ihre Berechtigung, wenn es um psychosomatische Erkrankungen und seelischen Beistand ginge. Leider wildere sie längst im Bereich der echten Medizin und verspreche Krebs, Asthma, Diabetes oder schwere psychische Krankheiten heilen zu können.

Scharlatanerie und Irrglauben
Scharlatane oder (Irr-)Gläubige versprächen, die „wahre Ursache“ schwerster Krankheiten zu kennen, und sie heilen zu können. Die Methoden, die sie dafür verwendeten, seien schon in der Medizin im Mittelalter lediglich eine „Notlösung“ gewesen, weil es nichts anderes gegeben hätte.

Reform der Heilpraxis
Mueller möchte die Heilpraxis trotz allem nicht abschaffen, sondern reformieren. Sie fordert eine einheitliche und überprüfte Heilpraktiker-Zulassung und zeigt außerdem, wie sich seriöse Heilpraktiker von Betrügern unterscheiden lassen.

Wie Sie Betrüger erkennen
Mueller zeigt in ihrem Buch, wie sich Scharlatane erkennen lassen. Betrug liegt demnach wahrscheinlich vor, wenn:

1.) Das Produkt durch eine ebenso exotische wie nicht überprüfbare Herkunft angepriesen wird, wie Himalaya-Salze, Regenwaldgeheimnis, Hawaii-Schamanismus etc.

2.) Heilung besonders bei schweren Krankheiten verspricht, wo „die Schulmedizin versagt“.

3.) Umfangreiche Erfahrungen die Wirkung belegen sollen, ohne dass klinische Studien vorliegen, oder diese „Erfahrungen“ nachprüfbar sind.

4.) Das Mittel gegen verschiedenste Krankheiten wirken soll, die nichts miteinander zu tun haben.

5.) Wenn Misserfolge bei der „Behandlung“ vorherigen oder gleichzeitigen Therapien der „Schulmedizin“ angelastet werden.

6.) Das Produkt an einzelne Personen und Institutionen gebunden ist, die daran mit sehr hohen Preisen verdienen

7.) Es keine Nebenwirkungen haben soll, im Unterschied zu Mitteln der „Schulmedizin“ gegen diese Erkrankungen

8.) Die Anwendung sehr kompliziert ist, und der Patient dafür verantwortlich gemacht wird, wenn er krank bleibt, weil er „das Mittel nicht richtig eingenommen hat“.

9.) Unklar ist, warum dieses „wirksame“ Mittel nicht als Arzneimittel zugelassen wird.

Seriöse Heilpraktiker
Laut Mueller zeichnet seriöse Heilpraktiker folgendes aus:

1) Sie beantworten Fragen, die der Patient stellt und geben zu, eine Antwort nicht zu kennen, stellen dabei selbst aber keine Suggestivfragen, die den Betroffenen in eine vom Behandelnden gewünschte Richtung lenken.

2) Sie fragen wertfrei nach ärztlichen Diagnosen und bisherigen Therapien, ohne diese zu verdammen und seine „Alternativmethode“ als Königsweg anzupreisen.

3) Sie stellen keine Diagnosen, die wissenschaftlich widerlegt sind. Dazu gehörren: Irisdiagnostik, Kinesiologie, pendeln, Bioresonanz, Aurofotografie oder Elektroakupunktur.

4) Sie verdammen nicht generell ärztlich verordnete Medikamente und, vor allem, Impfungen.

5) Sie entwickeln mit den Patienten zusammen einen Behandlungsplan, in dem sie jeden Schritt verständlich begründen und die Fragen der Patienten fachlich begründet beantworten.

6) Sie unterweisen die Patienten nicht in Weltanschauungen wie Karma, feinstofflichen Wesen oder Verschwörungstheorien.

7) Sie setzen keine Mittel ein, die schwere Allergien hervorrufen können.

8) Sie können nachweisen, dass sie in lebensrettenden Maßnahmen geschult sind.

9) Sie versprechen keine „Wunderheilungen“.

10) Sie dokumentieren jeden Schritt der Behandlung.

Wie reagieren HeilpraktikerInnen auf die Kritik?
Die Reaktionen von praktizierenden Heilpraktikern auf das Buch sind kontrovers. Manche halten diese Kritik für längst überfällig. So schreibt eine seit zehn Jahren als Heilpraktikerin arbeitende Rezensentin auf Amazon: „In keinem anderen Beruf gibt es so viele Hobby-Demagogen und Verschwörungstheoretiker, für die man sich als Angehörige dieses Berufsstandes fremd schämen muss. So findet gerade die Neue Germanische Medizin nach Hamer („Juden sind immun gegen Krebs“) erschreckenderweise unter Heilpraktikern mehr und mehr Anhänger. Alles in allem ein sehr lesenswertes Buch vor allem für Heilpraktiker, die an einem langfristigen Fortbestand Ihres Berufs Interesse haben.“

Andere jedoch fragen, ob Frau Müller hier einen ganzen Berufsstand diskreditieren wolle. So bemerkt eine Ellen L., ebenfalls auf Amazon: „Welches Ziel also verfolgt Anousch Mueller? Die Heilpraktiker-Ausbildung zu verbessern? Die Heilpraktiker allgemein zu verunglimpfen, in die Esoterik-Ecke abstempeln, in den Bereich der Paramedizin abschieben? Die Ausführungen werden gebetsmühlenartig wiederholt(z.B. die Themen Homöopathie und Impfen … ) dabei nicht überzeugender. Wenn sich Anousch Mueller berufen fühlt, den Stand der Heilpraktiker zu bewerten, dann doch bitte seriös und wissenschaftlich.“

Anousch Müllers Buch „Un-Heilpratiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen“, ist im Riemann Verlag erschienen und kostet 16,99 Euro. (Dr. Utz Anhalt)

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