Durch Gähnen das Gehirn kühlen

Astrid Goldmayer

Gähnen zur Thermoregulierung des Gehirns

07.05.2014

Gähnen trägt zur Regulierung der Temperatur im Gehirn bei. Das ergab eine Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Wien, der Nova Southeastern University und des SUNY College in Oneonta, USA. Demnach gähnen Wiener im Sommer häufiger als im Winter. Ein umgekehrtes Gähn-Verhalten zeigten Studienteilnehmer aus Kalifornien. Demnach spielt nicht die Jahreszeit sondern vielmehr eine optimale Umgebungstemperaturen beim Gähnen eine Rolle. Die Untersuchungsergebnisse unterstützen die derzeit in Fachkreisen diskutierte These, dass Gähnen das Gehirn kühlt. Die aktuelle Untersuchung wurde in der Fachzeitschrift „Physiology and Behavior" veröffentlicht.

Zusammenhang von Temperatur im Gehirn und Gähnen belegt
Um der Ursache des Gähnens auf die Spur zu kommen, führten die Wissenschaftler um Jorg Massen vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien im Winter 2012/2013 und im Sommer 2013 ein Experiment mit 60 Wiener Bürger durch. Die Probanden schauten sich dabei Bilder von gähnenden Personen an, um sich vom Gähnen „anstecken“ zu lassen. Wie sich herausstellte, mussten im Sommer 25 Studienteilnehmer (41,7 Prozent) tatsächlich gähnen, nachdem sie sich die Bilder angeschaut hatten.„Wie erwartet war der Anteil der Fußgänger, die vom Gähnen berichteten, im Winter deutlich geringer als im Sommer (18,3 Prozent versus 41,7 Prozent), mit der Temperatur als einzigem signifikantem Einflussfaktor für diese Unterschiede zwischen den Jahreszeiten“, heißt es in dem Artikel. Die Wissenschaftler verzichteten zwar darauf, die Probanden beim Gähnen zu beobachten, damit diese nicht beobachtet fühlen und den Reflex unterdrücken, sie maßen jedoch die aktuelle Temperatur. „Wir fanden heraus, dass die Temperatur maßgeblich mit der Häufigkeit des Gähnens In Verbindung steht, wobei größere Gähn-Zahlen bei höheren Temperaturen berichtet wurden", heißt in der Fachzeitschrift.

Im Rahmen einer früheren Studie, die in Kalifornien durchgeführt wurde, stellten die Wissenschaftler fest, dass die Probanden ein gegensätzliches Verhalten beim Gähnen zeigten. Im Sommer war ihnen offenbar zu heiß zum Gähnen, deshalb taten sie dies häufiger im Winter. Zu dieser Jahreszeit herrschen in Kalifornien Temperaturen um 20 Grad Celsius herum, ähnlich wie hierzulande im Sommer. „Gähnen als Thermoregulation für das Gehirn kann nicht funktionieren, wenn die Umgebungstemperatur und Körpertemperatur gleich hoch sind. Bei Umgebungstemperaturen um den Gefrierpunkt ist dies ebenfalls nicht notwendig – oder sogar gefährlich", wird Massen in einer Mitteilung der Universität zitiert.

Gähnen steht nicht in Verbindung mit Sauerstoffgehalt des Blutes
Die Wissenschaftler wiesen in ihrem Artikel auch daraufhin, dass der vielfach vermutete Zusammenhang von Gähnen und Sauerstoffmangel nicht belegt ist. „Es wird zwar allgemein angenommen, dass Gähnen eine Atemfunktion erfüllt, experimentelle Verfahren haben jedoch gezeigt, dass die Gähn-Frequenz unabhängig von der Sauerstoff- und Kohlendioxid-Konzentration im Gehirn/Blut ist“, schreiben die Wissenschaftler. Experimente mit Ratten und Menschen hätte dagegen bestätigt, dass die Temperatur im Gehirn vor dem Gähnen steigt und ein lokaler Wärmestau entsteht. Nach dem Gähnen fällt die Temperatur wieder.

„Neben der Verbesserung des Grundverständnisses, warum wir gähnen, gehört die verbesserte Therapie und Diagnose von Patienten mit Thermo-Regulierungsproblemen zu den möglichen Anwendungen“ dieser Ergebnisse, berichten die Forscher. (ag)

Bild: Kathi Strahl / pixelio.de