Dysmorphophobien: Unbekannte Furcht vor der eigenen Hässlichkeit

Nina Reese
Gestörte Wahrnehmung führt zu dem Eindruck, entstellt zu sein
Der Blick in den Spiegel ist für die Betroffenen eine psychische Belastung. Auch die Blicke der Anderen werden gescannt und vermeintlich analysiert. Nach Angaben von Experten leiden rund eine Million Menschen in Deutschland an Dysmorphophobie. Die Patienten fühlen sich ohne jeglichen Grund hässlich. Die Ursachen hierfür sind noch wenig erforscht. Fest steht, dass in vielen Fällen die Gründe in der Kindheit liegen.

Bis zu einer Million Menschen von KDS betroffen
„Ich bin hässlich und entstellt und alle starren mich deshalb an“ – wer so denkt, leidet möglicherweise an einer so genannten Dysmorphophobie, einer Wahrnehmungsstörung, von der in Deutschland bis zu einer Million Menschen betroffen sind. Kennzeichnend für die auch als körperdysmorphe Störung (KDS) bekannte Krankheit ist die Befürchtung, durch einen Makel stark entstellt zu sein – obwohl dieser gar nicht existiert oder nur minimal erkennbar ist. Dabei werden am häufigsten das Gesicht und der Kopf als missgestaltet wahrgenommen, zum Beispiel durch eine vermeintlich zu große Nase, eine vermutete Asymmetrie der Gesichtszüge, Akne oder Narben.

Die unbegründete Angst, Hässlich zu sein. Bild: Jürgen Fälchle-fotolia

Angst vor Ablehnung führt oft zu sozialem Rückzug
In der Folge beschäftigen sich die Betroffenen im Übermaß mit dem eingebildeten Makel, wodurch sich der Eindruck der eigenen Unattraktivität mehr und mehr verfestigt und selbst bei einer eventuell vorhandenen leichten körperlichen Anomalie eine übertriebene Besorgnis entsteht. Aufgrund dessen fühlen sich die Betroffenen permanent von anderen angestarrt und befürchten, dass die vermeintliche Entstellung zu Ablehnung und Geringschätzung führen könne. Dies hat oft wiederum fatale Folgen, denn durch die Angstvor Zurückweisung ziehen sich viele Menschen mit KDS aus dem sozialen Leben zurück und isolieren sich.

Betroffene sind oft sehr attraktiv
Für Außenstehende oft ein nicht nachvollziehbares Verhalten, denn „die Betroffenen sind oft sehr attraktiv. Ihre Selbsteinschätzung weicht stark von ihrem tatsächlichen Aussehen ab“, erklärt die Psychologin Viktoria Ritter von der Universität Frankfurt/Main gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Bei ihren Forschungen zur Dysmorphophobie habe sie unter anderem herausgefunden, dass Betroffene von KDS überdurchschnittlich sensibel für ästhetische Proportionen seien und daher bereits minimale Differenzen sofort wahrnehmen würden. Doch das es sich hier tatsächlich um eine Erkrankung handeln könnte, werde oft erst spät erkannt, denn die Frage „Bin ich schön?“ stelle sich jeder hin und wieder mal, so die Psychologin weiter.

Mobbing und Zurückweisung in der Kindheit als mögliche Ursache
Die konkreten Auslöser der Dysmorphophobie sind bislang nicht bekannt, dennoch werden von Experten sowohl biologische als auch soziokulturelle Faktoren für möglich gehalten. Dementsprechend könnten beispielsweise Mobbing oder Hänseleien oder auch medial vermittelte Schönheitsideale die Entstehung einer KDS begünstigen, denn gerade in Formaten wie „Germanys next Topmodel“ oder vielen Vorabendserien sind Attraktivität und Erfolg meist eng miteinander verknüpft. „Die Ursachen liegen oft in der Kindheit“, so der Psychotherapeut Stefan Brunhoeber gegenüber der „dpa“. Hier könne unter anderem eine „Überbehütung“, aber auch ständige Kritik und Zurückweisung dazu führen, dass sich Menschen hässlich und entstellt fühlen, so der Experte weiter. (sb, nr)