Ein Viertel der Kinder unterernährt

Fabian Peters

UNICEF: Weltweit 165 Millionen Kinder chronisch unterernährt

16.04.2013

Weltweit ist jedes vierte Kind im Alter unter fünf Jahren chronisch unterernährt, berichtet die Kinderhilfsorganisation UNICEF unter Berufung auf den aktuellen UNICEF-Report zur die Ernährungssituation von Kindern und Müttern. Die chronische Mangelernährung hat insbesondere in den ersten Lebensmonaten weitreichende Folgen. Schlimmstenfalls bleiben das „Gehirn und damit die kognitiven Fähigkeiten des Kindes unterentwickelt“, warnt UNICEF. Die betroffenen Kinder werden für ihr gesamtes weiteres Leben geschädigt.

Insgesamt leiden den aktuellen Zahlen zufolge weltweit 165 Millionen Kinder im Alter unter fünf Jahren an einer Mangelernährung. Die hiermit verbundene Unterentwickelung der Kinder „beeinträchtigt nicht nur die individuellen Fähigkeiten eines Kindes, zu lernen und später seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch den sozialen und ökonomischen Fortschritt seines Landes“, berichtet UNICEF. Den Report zur Ernährung von Kindern und Müttern weltweit, stellte UNICEF gestern in Dublin anlässlich des Auftakts der Internationale Konferenz zu Hunger, Ernährung und Klimagerechtigkeit vor.

Unterernährung mit weitreichenden Folgen für das gesamte Leben
Unter der Überschrift „Die ersten 1.000 Tage haben Folgen für immer“ berichtet die Kinderhilfsorganisation in ihrer aktuellen Pressemitteilungen über die wesentlichen Erkenntnisse des neuen UNICEF-Reports. Demnach waren vor allem die Kinder im südlichen Afrika und Asien von ernährungsbedingter Unterentwickelung betroffen. „80 Prozent der unterentwickelten Kinder leben in nur 14 Ländern“, so die Mitteilung von UNICEF. Die Experten sehen in dem „Problem der Unterentwicklung einen der Gründe dafür, dass die Welt aktuell nicht in der Lage sein wird, die Millenniums-Entwicklungsziele umfassend zu erreichen.“ Insbesondere die Bekämpfung von Armut und Hunger, "die Verbesserung der Kinder- und Müttergesundheit sowie der Kampf gegen HIV und Aids werde durch die ernährungsbedingte Unterentwickelung beeinträchtigt".

Ein Drittel der Todesfälle bei Kleinkindern durch Unterernährung
Laut Angaben von UNICEF trägt „Mangelernährung zu einem Drittel aller Todesfälle von Kleinkindern bei und zu einem Fünftel der Todesfälle von Müttern.“ Wie weitreichend die Folgen der Unterernährung tatsächlich sind, lässt sich jedoch auch auf Basis des aktuellen UNICEF-Reports nur erahnen. Offensichtlich ist, dass die betroffenen Kinder zu klein sind für ihr Alter. Aber auch die Entwicklung des Gehirns und damit der kognitiven Fähigkeiten wird häufig dauerhaft beeinträchtigt. Sie geraten in den entscheidenden ersten 1 000 Tagen im Mutterleib und bis zum zweiten Geburtstag bereits in einen nicht mehr aufholbaren Rückstand. „Unterentwicklung vernichtet das Potential von Kindern und vereitelt Chancen für die Entwicklung eines Landes“, kommentierte UNICEF-Exekutivdirektor Anthony Lake die Ergebnisse des aktuellen Berichts.

Unterernährte Kinder haben kaum Chancen der Armut zu entkommen
Von den unterentwickelten Kindern leben laut UNICEF „drei Viertel in Südasien oder im südlichen Afrika.“ Dabei seien Kinder aus armen Familien besonders häufig von Untergewicht betroffen und „die Gefahren für Kinder in ländlichen Gebieten sind größer als für Kinder in Städten.“ Die unterernährten Mädchen und Jungen werden „öfter krank, gehen seltener zur Schule und ihre Leistungsfähigkeit ist reduziert“, berichtet UNICEF. Die betroffenen Kindern haben der Kinderhilfsorganisation zufolge wenig „Chancen, dem Kreislauf der Armut zu entkommen“, was sich auch darin widerspiegele, dass sie im späteren Berufsleben durchschnittlich 22 Prozent weniger Geld verdienen als ihre Altersgenossen, die als Kind ausreichend ernährt wurden.

Auch Krankheiten spielen bei Unterernährung eine Rolle
Die chronische Mangelernährung entsteht durch eine dauerhaft unzureichende Aufnahme von Kalorien und Nährstoffen. Allerdings können auch Krankheiten, wie häufiger Durchfall oder ein Befall mit Parasiten, laut UNICEF eine Rolle spielen. Die gute Nachricht ist jedoch, das „wir wissen, was wirkt“, betonte Anthony Lake. Der aktuelle UNICEF-Bericht zeige, „dass so unterschiedliche Länder wie Äthiopien, Haiti, Peru oder Ruanda mit gezielten Programmen für bessere Ernährung von Kindern bereits große Fortschritte erreicht haben.“

Hilfsprogramme mit vielversprechenden Effekten
Aus dem aktuellen UNICEF-Bericht geht hervor, dass in den vergangenen Jahren durchaus „gute Fortschritte im Kampf gegen versteckten Hunger und andere Formen der Mangelernährung erreicht wurden.“ So konnte laut Mitteilung der Kinderhilfsorganisation beispielsweise in Indien, wo mit 61 Millionen die meisten unterentwickelten Kinder leben, „im Bundesstaat Maharaschtra der Anteil der betroffenen Kinder von 39 Prozent in 2005/ 2006 auf 23 Prozent in 2012 gesenkt werden.“ Auch in Peru sei der Anteil unterentwickelter Kinder zwischen 2006 und 2011 von 30 auf 20 Prozent gesunken. In Äthiopien wurde eine Reduzierung von 57 Prozent im Jahr 2000 auf 44 Prozent im Jahr 2011 erreicht.

Gezielt in Ernährung und Gesundheit investieren
Erfolg im Kampf gegen die Unterentwicklung versprechen Maßnahmen, „die gezielt in die Ernährung und Gesundheit von Müttern und Kindern investieren“; so das Fazit von UNICEF. Die Kinderhilfsorganisation trage hier zu einer nachhaltigen Stärkung der Gesundheitssysteme bei, indem die Ausstattung von Krankenhäusern und die Ausbildung von Hebammen und Helfern finanziert wird. Zudem verteilt UNICEF nach eigenen Angaben „weltweit große Mengen Zusatznährstoffe wie Vitamine und Mineralien an schwangere Frauen und Kinder.“ Insbesondere für werdende Mütter seien Nährstoffe wie Eisen und Folsäure besonders wichtig. Des Weiteren werden „Mütter über die Vorteile des Stillens und die richtige Beikost für Kleinkinder“ aufgeklärt.

Wissen und Mittel zur erfolgreichen Bekämpfung der Unterernährung vorhanden
Grundsätzlich sollte laut UNICEF-Exekutivdirektor Anthony Lake „kein Kind, keine Mutter und kein Land im 21. Jahrhundert unter mangelnder Ernährung leiden.“ Lake warf die Frage auf, was ungerechter und grausamer sein könne, „als ein Kind schon im Mutterleib zu einem Leben der Entbehrung zu verdammen – vor allem, wenn wir wissen, wie wir das verhindern können?“ Hier gebe es keinen vernünftigen Grund, wenn wir das Wissen und die Möglichkeit haben, die Kinder zu schützen, dies nicht jetzt zu tun. Die Situation und die Entwicklungschancen der Kinder in den ärmeren Ländern sind dabei auch ein Gradmesser für die Verteilung des Wohlstandes weltweit. Hier sind neben den betroffenen Staaten die sogenannten Industrienationen in der Pflicht, im Sinne der Gerechtigkeit die erforderlichen Mittel aufzuwenden, um den Kindern in den Entwicklungsländern eine Perspektive zu bieten. (fp)