Entfernung beider Brüste zur radikalen Krebsvorbeugung

Sebastian
Ist der drastische Schritt eine sinnvolle Vorsorge?
Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen, an der rund 70.000 Menschen pro Jahr erkranken. In etwa zehn Prozent der Fälle spielt die genetische Veranlagung eine Rolle für die Entstehung, doch es gibt einen speziellen Test, der entsprechende Veränderungen des Erbguts nachweisen kann. Ein positives Ergebnis bedeutet ein deutlich erhöhtes Risiko und stellt die betroffene Frau vor die Entscheidung über eine mögliche Operation. Das bekannteste Beispiel ist Hollywood-Star Angelina Jolie, die sich aufgrund ihrer familiären Vorgeschichte beide Brüste abnehmen und die Eierstöcke entfernen ließ. Doch ist solch ein rigoroser Schritt sinnvoll? Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „dpa“ informieren Experten über die Möglichkeiten und Grenzen dieses Vorgehens.

Weniger als zehn Prozent der Fälle basieren auf Hochrisikogenen
„Kann Brustkrebs vererbt werden?“ Tatsächlich spielt bei einem kleinen Teil der Patienten die genetische Veranlagung eine Rolle bei der Erkrankung. Doch es gibt einen speziellen Test, der anhand einer Blutprobe Veränderungen des Erbguts feststellen kann. Ein positives Ergebnis weist auf ein deutlich erhöhtes Risiko hin und wirft für die betroffenen Frauen viele Sorgen und Unsicherheiten auf. „Soll ich mir vorsorglich die Brüste entfernen lassen, oder nicht?“ Diese Frage kann nur die Frau selbst beantworten und erfordert meist einen intensiven Entscheidungsprozess.

Radikale Brustkrebs-Vorsorge: Amputation beider Brüste. Bild: Eskymaks – fotolia

Der Brustkrebs-Gentest wird mittels einer Blutprobe durchgeführt und wird nur für Frauen empfohlen, bei denen tatsächlich ein familiäres Risiko für Brustkrebs besteht. Denn dies trifft nur bei einem geringen Anteil zu. Dementsprechend würden von den etwa 70.000 Frauen, die jährlich an Brustkrebs erkranken, weniger als zehn Prozent auf Hochrisikogenen basieren, so Kristin Bosse vom Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs der Uniklinik Tübingen gegenüber der „dpa“.

Deutsches Konsortium für familiären Brust- und Eierstockkrebs legt neun Kriterien fest
Um definieren zu können, ob bei einer Person eine genetische Veranlagung vorliegt, hat das Deutsche Konsortium für familiären Brust- und Eierstockkrebs neun Kriterien festgelegt, von denen mindestens eins erfüllt sein muss. Demnach bestehe ein erhöhtes Risiko z.B. wenn in der Familie drei Frauen – unabhängig vom Alter – an Brustkrebs oder zwei Frauen an Eierstockkrebs erkrankt sind. Gleiches gilt, wenn eine Frau vor dem 36. Geburtstag Brustkrebs bekommt oder eine Frau in der Familie an Brust- und Eierstockkrebs erkrankt. „Man braucht solche Indizien“, erklärt Prof. Christof Sohn von der Universitätsfrauenklinik Heidelberg. Lägen diese vor, könne mit der Diagnostik gestartet werden.

Veränderung eines der beiden BRCA-Gene bedeutet deutlich erhöhtes Risiko
Bei dem Test seien vor allem die Gene „BRCA1“ und „BRCA2“ von Interesse, die auf mögliche Veränderungen hin untersucht würden, erläutert Christian Albring vom Berufsverband der Frauenärzte. Der Begriff „BRCA“ steht dabei für „BReast Cancer“, was aus dem Englischen stammt und Brustkrebs bedeutet. Fällt der Test positiv aus, lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit ablesen, ob und wann die Erkrankung ausbricht. Dennoch bedeutet eine Veränderung eines der beiden BRCA-Gene ein deutlich erhöhtes Risiko, an Brust- und/oder Eierstockkrebs zu erkranken.

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Demnach würden mit verändertem BRCA1-Gen durchschnittlich zwischen 60 und 80 von 100 Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs erkranken. Im Falle eines veränderten BRCA2-Gen läge das Risiko für Eierstockkrebs bei zehn bis 20 sowie für Brustkrebs bei 45 bis 80 Prozent, so Albring weiter. „Ohne diese Veränderungen liegt das Risiko für Eierstockkrebs bei 1,5 Prozent, das Risiko für Brustkrebs bei zehn Prozent.“

Wie Kristin Bosse berichtet, würden mittlerweile viele Frauen den Test nutzen, um Klarheit über ihre gesundheitliche Situation zu erhalten. Die Angst vor einem positiven Ergebnis würde nur selten im Wege stehen, denn „das Nichtwissen ist mittel- und langfristig nicht besser zu ertragen als das Wissen und die damit verbundenen Möglichkeiten, handeln zu können.“ Auch Cindy Eibisch, die für den Psychoonkologischen Dienst mit dem Krebszentrum Dresden zusammen arbeitet bestätigt die hohe Bereitschaft der Patienten sich testen zu lassen, um ihr persönliches Krebsrisiko zu kennen.

Bei positivem Test folgt engmaschiges Früherkennungsprogramm
Liegt ein positives Ergebnis vor, folgt für die Risikopatienten ein intensiviertes Früherkennungsprogrammen, welches je nach Lebensalter verschiedene Verfahren wie z.B. Tastuntersuchungen, Ultraschall, Mammografie oder eine Endoskopie vorsieht. „Damit kann man Krebs nicht verhindern, aber früh entdecken“, sagt Prof. Christof Sohn. Die Untersuchungen sollten dabei laut Kristin Bosse in einem der 15 universitären Zentren des deutschen Konsortiums für familiären Brust- und Eierstockkrebs durchgeführt werden. Denn hier könnten die betroffenen Frauen zugleich über präventive Maßnahmen wie z.B. eine Abnahme der Brüste beraten werden.

Dabei handele es sich jedoch um einen Prozess, der „in einem geschehen muss“, so Prof. Sohn weiter. Denn vor einem solchen Schritt stehen viele Fragen und Bedenken im Raum, die laut Cindy Eibisch erst geklärt werden müssten. Gedanken wie z.B. „Wie wird das Resultat?“ oder „Was sagt mein Partner dazu?“ würden dementsprechend im Vorfeld mit Mitarbeitern aus der Psychoonkologie besprochen. Teilweise käme es auch zu Treffen mit Frauen, die den Eingriff bereits hinter sich hätten, erklärt Eibisch.
Laut Kristin Bosse sei gerade bei der vorsorglichen Brustdrüsenentfernung eine Zunahme der Eingriffe zu beobachten. Dies läge unter anderem daran, dass nur auf diesem Wege das Krebsrisiko maximal reduziert werden könne, zudem würden die kosmetischen Ergebnisse immer besser. Trotz der medizinischen Fortschritte sollten sich die Frauen jedoch über die Veränderung im Klaren sein, so die Expertin, denn „man wacht immer mit einer rekonstruierten Brust auf.“

Vorsorgliche Entfernung der Eierstöcke findet normalerweise erst ab 40 Jahren statt
Eine vorsorgliche Entfernung der Eierstöcke spiele hingegen bei jüngeren Frauen kaum eine Rolle und werde stattdessen normalerweise erst ab dem 40. Lebensjahr empfohlen. Denn von da an steigt das Risiko deutlicher an, unter 40 würden hingegen nur etwa drei bis vier Prozent der Frauen mit einem veränderten BRCA1-Gen einen Eierstockkrebs entwickeln. Werden die Eierstöcke entfernt, entstehe laut Albring „eine Situation wie in den Wechseljahren“, da keine Östrogene und Gestagene mehr produziert werden. Um Wechseljahrsbeschwerden und einer Osteoporose vorzubeugen, könne bei einigen Frauen eine Hormonersatztherapie helfen. „Schwieriger ist es bei denen, die mal an Brustkrebs erkrankt sind“, erklärt Albring, denn hier dürfe die Gabe von Hormonen nicht ohne Weiteres erfolgen. Typische Beschwerden wie z.B. Schlafstörungen könnten in diesen Fällen aber zum Beispiel durch nicht hormonelle Medikamente behandelt werden. (nr)