Extremer Suizid: Warum müssen andere sterben?

Heilpraxisnet

Copilot verheimlichte offenbar seine psychische Erkrankung

27.03.2015

Die neuen Erkenntnisse zu der Ursache des A320-Absturzes werfen in der Öffentlichkeit die Frage auf, was einen Menschen dazu veranlasst, nicht nur sich selbst das Leben zu nehmen, sondern dabei 149 Menschen mit in den Tod zu reißen. Der französische Staatsanwalt Brice Robin erklärte nach der Auswertung der Aufzeichnungen aus dem Cockpit, dass der 27-jährige Copilot Andreas L. offenbar bewusst das Flugzeug zum Absturz gebracht habe. Zu seinen Motive konnten die Ermittler bisher wenig sagen, es wird jedoch vermutet, dass er an einer Depression litt. In seiner Wohnung wurden laut Medienberichten zerrissene Krankschreibungen gefunden, die auch den Flugtag betrafen. Seine Erkrankung habe er offensichtlich verheimlicht.

Nachdem der Pilot das Cockpit kurz verließ und der Copilot alleine zurückbliebt, verschloss dieser gezielt die Tür und leitete den Sinkflug ein. Auf die anschließenden Aufforderungen zum Öffnen der Tür und eingehende Funksprüche reagierte der Copilot nicht mehr. Aus den Handlungen des Copiloten schließt die Staatsanwaltschaft, dass hier bewusst die Zerstörung des Flugzeugs herbeigeführt wurde. Es handele sich augenscheinlich um einen Suizid, von einem terroristischen Hintergrund sei nicht auszugehen.

Welche Beweggründe trieben den Copiloten?
Die Öffentlichkeit reagierte auf die Ermittlungsergebnisse mit Entsetzen, Wut und Ratlosigkeit. Auch für Experten sind die Beweggründe des 27-jährigen Copiloten nur schwer zu erklären. Insgesamt ist diese Form der Selbsttötung, bei der auch unbekannte Mitmenschen mit in den Tod gerissen werden, relativ selten, berichtet „Welt Online“ unter Berufung auf Manfred Wolfersdorf, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Bezirkskrankenhauses Bayreuth und Leiter des Referats Suizidologie der Fachgesellschaft DGPPN. In dem Fachmagazin „Neurotransmitter“ habe der Experte die Unterschiede zwischen den verschiedenen Suizidformen dargestellt. Der Tod des Copiloten sei demnach als sogenannter „Homizid-Suizid“ zu bewerten, in dessen Kategorie unter vier Prozent aller Selbsttötungen fallen.

Kein erweiterter Suizid
Abzugrenzen ist der Homizid-Suizid zum Beispiel gegenüber dem sogenannten erweiterten Suizid, bei dem ebenfalls Mitmenschen ihr Leben lassen müssen. Letzterer bezieht jedoch in der Regel Menschen ein, zu denen eine enge persönliche Bindung besteht. Hier sind laut Aussage des Experten meist altruistische Motive zu erkennen. Die Täter seien davon überzeugt, im Sinne aller Betroffenen die beste Entscheidung zu treffen, auch wenn dies für Außenstehende völlig abwegig scheint. Das könne zum Beispiel die Mutter sein, die aufgrund enormer Schulden nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder tötet, um ihnen das Leben in Armut und Schande zu ersparen, erläutert Wolfersdorf. Auch ein altes Ehepaar, das sich gemeinsam umbringt, sobald klar ist, dass ein Partner an einer schweren Krankheit sterben wird, falle in diese Kategorie.

Entschluss zur Selbsttötung
Bei dem Copiloten ist die Sachlage jedoch anders. Er hatte offensichtlich keine enge persönliche Beziehung zu den Passagieren im Flugzeug. Bei dieser Form der Selbsttötung sei „die Motivation zur Tötung anderer oft feindselig bis krankhaft paranoid gefärbt“, berichtet Wolfersdorf. Zudem sei es eher unwahrscheinlich, dass der 27-Jährige die Selbsttötungsabsicht spontan im Cockpit entwickelt und impulsiv gehandelt habe. In der Regel würden die Betroffenen drei Phasen durchlaufen, wobei zunächst eine Auseinandersetzung mit dem Selbsttötungsgedanken erfolge und anschließend eine Ambivalenzphase einsetze, in der Betroffene zwar noch weiterleben möchten, aber nicht mehr glauben, dass sie es können, erläutert Wolfersdorf im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“(SZ). Die Betroffenen fühlen sich extrem hoffnungslos und erst dann treffen sie den Entschluss. Hierbei werde in mehr als neunzig Prozent der Fälle die Entscheidung zum Suizid binnen eines Tages umgesetzt und in etwa fünfzig Prozent der Fälle vergehe sogar weniger als eine Stunde, so Wolfersdorf gegenüber der „SZ“.

Waren die psychischen Probleme erkennbar?
Da Andreas L. vermutlich schwere psychische Probleme hatte, steht nach dem A320-Absturz auch die Frage im Raum, ob diese nicht hätten erkannt werden müssen. Hierzu erläuterte der Psychotherapeut Stefan Leidig aus Berlin gegenüber „Welt Online“, dass aus einzelnen Verhaltensweisen keine Hinweise auf eine mögliche Suizidgefährdung abzulesen seien. „Es müssen mehrere Problembereiche über eine längere Zeitspanne auftreten“, so der Psychotherapeut. Menschen, die den 27-jährigen Copiloten nicht gut kannte, konnte demnach unter Umständen gar keine Auffälligkeiten an ihm bemerken. Dennoch wird darüber zu reden sein, inwiefern Anpassungen der bisherigen psychischen Eignungstest erforderlich sind. So erklärte der Luftfahrtpsychologe Reiner Kemmler gegenüber dem „Hessischen Rundfunk“, dass bei der Pilotenausbildung die psychische Situation der Piloten künftig noch genauer betrachtet werden müsse. Hierfür seien auch pädagogisch und psychologisch geschulte Fluglehrer erforderlich. (fp)

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>Bild: Paul-Georg Meister / pixelio.de