Für Vorträge und Reisen: So viel Geld bekommen Ärzte von Pharmakonzernen

Ärzte bekommen offenbar immense Geldbeträge von Pharmafirmen. (Bild: Cherries/fotolia.com)
Nina Reese
Mediziner erhalten Millionen von der Pharmaindustrie
Pharmakonzerne zahlen Ärzten offenbar großzügige Beträge für Vorträge, Hotelübernachtungen oder Anwendungsbeobachtungen. Wie das Recherchezentrum „Correctiv“ berichtet, flossen auf diese Weise im vergangenen Jahr 575 Millionen Euro an mehr als 71.000 Ärzte und medizinische Einrichtungen in Deutschland. Nun kann ein Teil der Zahlungsempfänger namentlich in einer Internet-Datenbank recherchiert werden.

54 Konzerne legen Zahlungen offen
So etwas gab es noch nie: Ende Juni legten 54 Pharmakonzerne zum ersten Mal offen, wie viel Geld sie an Ärzte in Deutschland zahlen. Mehr als 71.000 Ärzte, Fachkreisangehörige und medizinische Einrichtungen erhielten demnach im vergangenen Jahr 575 Millionen Euro, so die Mitteilung des Portals „Correctiv“. Fast ein Drittel dieser Mediziner hat sein Einverständnis gegeben, dass die erhaltenen Zahlungen an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Nun haben Journalisten von „Correctiv“ und „Spiegel Online“ nach einer gemeinsamen Auswertung der Daten erstmals eine Datenbank veröffentlicht, in welcher sich namentlich 20.489 der Mediziner finden, die 2015 Zuwendungen von Pharmafirmen erhalten haben. Jeder Internetnutzer könne hier über Namen, Ort und Postleitzahl nach bestimmten Ärzten suchen, so die Mitteilung.

Ärzte bekommen offenbar immense Geldbeträge von Pharmafirmen. (Bild: Cherries/fotolia.com)
Ärzte bekommen offenbar immense Geldbeträge von Pharmafirmen. (Bild: Cherries/fotolia.com)

Einzelpersonen erhalten bis zu 200.000 Euro für Fortbildungen und Vorträge
Auf Platz eins der namentlich bekannten Zahlungsempfänger war den Angaben zufolge im letzten Jahr ein Arzt aus Essen, der mehr als 200.000 Euro für Vorträge, Fortbildungen, Beratungshonorar und Spesen bekommen habe. Auf den weiteren Plätzen folgen anderem anderem ein Bonner Mediziner mit 148.000 Euro und ein Bochumer Diabetologe mit 128.000 Euro. Die größte Summe (12,2 Millionen) kam den Recherchen zufolge dabei über alle Mediziner hinweg vom Pharmaunternehmen „Novartis“.

Insgesamt seien laut dem Recherchezentrum im vergangenen Jahr 119 Millionen Euro von Pharmafirmen für Vortragshonorare, Fortbildungen und Reisespesen an Ärzte geflossen – allein durch diese Zuwendungen habe jeder der Mediziner im Schnitt 1646 Euro erhalten, so die Mitteilung. Hinzu kämen 366 Millionen Euro als Honorar für Anwendungsbeobachtungen und andere medizinische Studien, 90 Millionen Euro gingen überdies an medizinische Einrichtungen, z.B. für Sponsoring, Stiftungen und Spenden.

Ärzte halten sich selbst für unbestechlich
Zwei Drittel der Mediziner stimmten der Offenlegung ihrer Namen nicht zu – was laut dem Mainzer Arzt und Psychotherapeuten Klaus Lieb bedauerlich ist: „Transparenz sieht anders aus“, so der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Mainz laut der Mitteilung des Recherchezentrums. Lieb zählt zu den Experten, die sich in Deutschland mit der Frage beschäftigen, welchen Einfluss die Zahlungen der Pharmafirmen haben – ein Thema, über das Fachleute bereits seit Jahren streiten. Die meisten Ärzte gehen davon aus, dass sie nicht bestechlich sind – selbst wenn sie von der Industrie Zuwendungen bekommen, berichtet „Correctiv“ weiter. „Wir Ärzte haben bezüglich Interessenskonflikten einen blinden Fleck. Wir lassen uns von der Pharmaindustrie einladen und glauben dennoch, wir seien unabhängig“, so Klaus Lieb.

Enger Kontakt zur Industrie führt zu mehr Verschreibungen
Lieb konnte durch eine in der Fachzeitschrift „Plos One“ veröffentlichten Studie zeigen, dass Mediziner, die häufig Besuch von Pharmareferenten haben, auch mehr Medikamente verschreiben. „Dazu kommt, dass Ärzte, die auf pharmagesponserte Fortbildungen gehen, im Schnitt höherpreisige Präparate verordnen“, erläutert der Experte. Ärzte, die einen engen Kontakt zur Pharmaindustrie haben, würden die Vorteile von Medikamenten in den Vordergrund stellen und Risiken eher herunterspielen: „Für all diese Erkenntnisse gibt es mittlerweile eine ganz gute Datenbasis“, so Lieb laut der Mitteilung des Recherchezentrums. (nr)

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