Gegen Stress und Hartz IV eine 30 Stunden Woche

Sebastian

Ein Bündnis aus Wissenschaftlern, Politikern und Gewerkschaftern fordert angesichts der zunehmenden Stress-Beschwerden eine 30 Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich

12.02.2013

Jedes Jahr auf Neue verkünden die Krankenkassen ein satten Anstieg der Stress-bedingten Erkrankungen. Die Arbeitsverdichtung nimmt kontinuierlich zu, im gleichen Atemzug steigen auch die psychischen Leiden. Durch die Zunahmen der Stresserkrankungen werden immer mehr Milliarden ausgegeben und durch Krankschreibungen verloren. Nun hat sich ein Bündnis aus Gewerkschaftern, Politikern und Wissenschaftler zusammengetan, um Konzepte gegen den Arbeitswahn zu entwickeln. Ihre Massage lautet: „30 Stunden sind genug!“

Gegen Stress verordnet ein neues Bündnis eine einfache aber effektive Therapie: Einfach weniger arbeiten. Rund 100 Gewerkschafter, Wissenschaftler und Politiker der Links- sowie Piratenpartei haben einen offenen Brief unterzeichnet. In diesem schlagen sie eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit vor. Jeder Erwachsene in Deutschland soll nicht mehr als 30 Stunden pro Woche arbeiten und trotzdem sein volles Gehalt beziehen. Die Forderung ist nicht etwa aus der Hüfte geschossen, sondern mit Wirtschaftswissenschaftlichen Analysen unterlegt. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein höheres Einkommen die Kaufkraft deutlich belebt, die psychisch bedingten Krankheiten drastisch zurück gehen und mehr Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Durch die Belebung der Massenkaufkraft erleben die Unternehmen neue finanzielle Möglichkeiten.

So heißt es in dem Brief: "Seit Jahren findet eine sozial und ökonomisch kontraproduktive Umverteilung von den Arbeits- zu den Besitzeinkommen (Gewinn, Zins, Miete, Pacht) statt. Dadurch wurde die Binnennachfrage eingeschränkt und das überschüssige Kapital – weg von der produzierenden Realwirtschaft – in den Finanzsektor umgeleitet. Gewaltige Finanzspekulationen und Finanzkrisen waren die Folge. Die Krisenbewältigung darf nicht denen überlassen werden, die aus den Krisen hohe Gewinne gezogen haben und jetzt erneut versuchen, mit Scheinalternativen und einer Therapie an Symptomen ausschließlich den Besitzstand der Vermögenden auf Kosten der großen Bevölkerungsmehrheit zu sichern. Fast vierzig Jahre neoliberaler Kapitalismus sind genug."

Die Initiatoren erhoffen sich auch, so der Massenarbeitslosigkeit entgegenwirken. So heißt es in der Überschrift des Aufrufs: "Ohne Arbeitszeitverkürzung nie wieder Vollbeschäftigung". Die Autoren vermuten, dass die derzeitige Arbeitslosigkeit ein „wirtschaftsliberales Projekt“ sei, um die immer stärker werdenden Niedriglohnsektor auszuweiten. "Die neoliberale Umverteilung wäre ohne die lang andauernde Massenarbeitslosigkeit nicht durchzusetzen gewesen. Ein Überangebot an den Arbeitsmärkten führt zu Lohnverfall".

Wirtschaftsverbände lehnen 30-Stunden-Woche konsequent ab
Dass der Aufruf in vielen Kreisen auf taube Ohren stößt, war abzusehen. Das wirtschaftsliberale Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bezeichnet die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich als "weltfremd" und "von marxistischen Vorstellungen geprägt".

Doch neue Modelle müssen auch aufgrund des demografischen Wandels her. So liest man dieser Tage auf der DIW Website: "Immer mehr Menschen im Rentenalter sind berufstätig." Die Folgen von Niedriglohn werden nämlich schon jetzt sichtbar und setzen sich im Rentenalter zum Leidwesen der Betroffenen fort. Weil nicht genug in die Rentenkasse eingezahlt werden konnte, müssen Rentner auch im hohen Alter noch Aushilfstätigkeiten machen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Doch eine Erhöhung des Wertes Arbeitskraft durch eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich konterkariert wirtschaftliche Dogmen. Daher haben auch eher sozialdemokratisch orientierte Wirtschaftswissenschaftler wie Peter Bofinger oder Heiner Flassbeck den Aufruf abgelehnt. Es scheint, als würde der Kreislauf von Arbeit, Arbeitslosigkeit, Stress, Burn Out und Altersarmut nicht durchbrochen werden. (sb)

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