Gen-Mutation kann Internetsucht begünstigen

Astrid Goldmayer

Mutationen für Internetsucht verantwortlich

31.08.2012

Internetsucht gehört längst nicht mehr zu den Randphänomen einer Generation. Immer mehr Menschen verbringen ihre Zeit im Netz, spielen Online-Spiele und kommunizieren nur noch über soziale Netzwerke. Wenn die virtuelle Realität das Leben bestimmt, Betroffene ihren Alltag vernachlässigen und nicht mehr auf das Internet verzichten können, sprechen Psychologen von einer Sucht. Deutsche Wissenschaftlern identifizierten jetzt eine Genmutation, die Internetsucht begünstigen könnte. Frauen sollen demnach anfälliger für eine Online-Sucht sein.

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Mutation für Internetsucht verändert Hirnstoffwechsel
Eine Genmutation könnte Internetsucht begünstigen. Das hat jetzt erstmals ein deutsches Forscherteam nachgewiesen. Demnach bewirkt die Mutation eine Veränderung des Stoffwechsels wichtiger Signalstoffe im Gehirn und macht dadurch anfälliger für suchttypisches Verhalten.

Die Forscher fanden heraus, dass die Mutation häufiger bei Süchtigen auftritt als bei Menschen mit normalem Internetnutzungsverhalten. „Es zeigt sich, dass Internetsucht kein Hirngespinst ist", erklärt Christian Montag von der Abteilung für Differentielle und Biologische Psychologie der Universität Bonn. „Sie rückt zunehmend in den Fokus der Wissenschaftler und Therapeuten.“ Dabei gebe es ähnlich wie bei Nikotin- oder Alkoholabhängigkeit molekulargenetische Zusammenhänge.

Die Wissenschaftler der Universität Bonn und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim schreiben im Fachmagazin „Journal of Addiction Medicine", dass die Mutation zukünftig als Marker dienen könne, um Internetsucht zu diagnostizieren, sofern sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen. „Wenn solche Zusammenhänge besser verstanden sind, ergeben sich daraus außerdem wichtige Anhaltspunkte für bessere Therapien“, erläutert Montag.

Internetsucht zeigt sich in bestimmter Genregion
Psychologen sprechen von Internetsucht, wenn sich der Betroffene kaum noch außerhalb der virtuellen Realität bewegt und sein Leben von der Abhängigkeit geprägt ist. Stundenlanges Surfen im Netz, Online-Spiele und soziale Netzwerke gehören zu den Hauptaktivitäten von Internetsüchtigen. Betroffene kommen ohne das Internet nicht mehr aus. Sie sind nicht in der Lage, die Zeit der Internetnutzung zu begrenzen oder gar darauf zu verzichten. Das Suchtverhalten ist ähnlich dem von Alkoholabhängigen, die nicht mehr ohne Alkohol auskommen. Soziale Kontakte in der realen Welt finden kaum noch statt und alltägliche Aufgaben werden vernachlässigt.

Ob und in wieweit dafür auch biologische Faktoren wie ein veränderter Hirnstoffwechsel oder genetische Mutationen entscheidend sind, sei bisher unbekannt gewesen, berichten die Forscher. Deshalb untersuchten sie für ihre Studie gezielt die Unterschiede bezüglich der Gene von Internetsüchtigen und Nichtsüchtigen.

Zunächst wurden 843 Menschen zu ihrem Internetnutzungsverhalten befragt. Dabei stellten die Forscher bei 132 Frauen und Männern eine potentielle Sucht mit einem problematischen Verhalten bezüglich des Internets fest. Die Probanden gaben an, auch im Alltag ständig an das Internet zu denken und sich unwohl zu fühlen, wenn sie auf die Nutzung verzichten mussten. Beim Vergleich des Erbgutes der 132 Internetsüchtigen mit dem von gesunden Kontrollpersonen, zeigte sich, dass bei den Süchtigen wesentlich häufiger Abweichungen an einer bestimmten Genregion zu verzeichnen waren, die auch bei Nikotinabhängigkeit einen entscheidenden Einfluss hat.

Die Forscher schreiben, dass es sich "um eine Mutation am Gen CHRNA4 handelt, die dazu führt, dass bei Betroffenen eine Untereinheit an einer Andockstelle für den Signalstoff Acetylcholin verändert" wird. „Vom nikotinergen Acetylcholinrezeptor im Gehirn ist bekannt, dass eine Mutation auf dem dazu gehörigen Gen das Suchtverhalten fördert“, berichtet Montag. Sowohl Nikotin als auch das vom menschlichen Körper gebildete Acetylcholin würden perfekt auf diesen Rezeptor passen. Beide Botenstoffe spielen eine wichtige Rolle bei der Aktivierung des Belohnungszentrums im Gehirn. „Dieser Zusammenhang ist offenbar nicht nur für die Nikotinsucht von großer Bedeutung, sondern ebenso für die Internetsucht“, erläutert der Psychologe.

Frauen sind häufiger von der Mutation betroffen
Zur Überraschung der Forscher stellte sich bei den Untersuchungen heraus, dass "mehr Frauen von der Mutation betroffen sind als Männer". Die Mutation auf dem Gen CHRNA4 verändere das Erbgut für die Untereinheit „alpha 4“ am nikotinergen Acetylcholinrezeptor. „Diese Variante tritt innerhalb der Probandengruppe mit problematischem Internetverhalten gehäuft auf – insbesondere bei Frauen“, berichtet Montag. Das müsse jedoch genauer analysiert werden, da bisher davon ausgegangen wurde, dass Männer stärker zur Internetsucht neigten als Frauen. „Möglicherweise ist der geschlechtsspezifische genetische Befund auf eine spezielle Untergruppe der Internetabhängigkeit, wie zum Beispiel die Nutzung von sozialen Netzwerken oder Ähnlichem zurückzuführen", sagt der Psychologe.

Es seien generell weitere Studien nötig, um den Zusammenhang zwischen der Mutation und einer Internetsucht tiefer zu beleuchten. „Die Daten zeigen aber bereits jetzt, dass es deutliche Hinweise auf molekulargenetische Ursachen der Internetsucht gibt", erklärt Montag. (ag)