Gesund bleiben bis ins hohe Alter

Fabian Peters

Gesund bis ins hohe Alter

08.04.2012

Der Präsident des World Health Summit, Professor Detlev Ganten, hat im Interview mit „Welt Online“ dargestellt, welche Maßnahmen dazu beitragen können, dass Menschen bis ins hohe Alter fit bleiben. Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und ausreichend Bewegung ist hier ebenso zu nennen, wie die allgemeine Funktionsfähigkeit der nationalen Gesundheitssysteme.

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Die Selbstverantwortlichkeit der Bevölkerung müsste nach Ansicht des Präsidenten vom World Health Summit deutlich gestärkt werden, um der im Zuge des demografischen Wandels stark alternden Bevölkerung gerecht zu werden. Hier ist jede/r Einzelne aufgeforderte, durch eine gesunde Lebensweise sein individuelles Erkrankungsrisiko zu minimieren. Auf diese Weise könnte viele Menschen ein hohes Alter erreichen, ohne unter chronische Krankheiten zu leiden, erklärte Prof. Detlev Ganten..

Demografischer Wandel als Herausforderung für das Gesundheitssystem
Der 71-Jährige Präsident des World Health Summit, Professor Detlev Ganten, erläuterte, dass der demografische Wandel eine „große Herausforderung für Wissenschaft und Gesellschaft“ sei. Damit die Tatsache, dass im Jahr 2050 in Deutschland ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 Jahre ist, nicht zu einer „erheblichen finanziellen Belastung“ für die Jüngeren wird, müsse die Gesundheitsvorsorge gewährleisten, „dass jeder, der im Alter noch arbeiten will, auch arbeiten kann und so ein aktives Mitglied der Gesellschaft bleibt“, betonte Prof. Ganten gegenüber „Welt Online“. Schon heute zeige sich, „dass 70-Jährige genauso arbeitsfähig, arbeitswillig und arbeitsbereit sind wie einst 50-Jährige.“ Der Präsident des World Health Summit bezieht sich dabei nicht nur auf Erwerbsarbeit, sonder auch auf das „Engagement in einem Ehrenamt“, was laut Aussage des Experten ebenfalls eine wichtige und wertvolle Bedeutung hat.

Selbstverantwortlichkeit entscheidend für erfolgreiche Krankheitsprävention
Um den drohenden Belastungen durch die Verschiebungen der Altersstruktur und dem hiermit verbundenen Anstieg von Erkrankungen zu begegnen, bedarf es nach Ansicht des Experten in erster Linie einer Stärkung der „Selbstverantwortlichkeit“ in der Bevölkerung. Denn eine „bewusste Lebensführung, gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung können Krankheiten verhindern“, wodurch die Menschen auch bis in hohe Alter aktiv bleiben., erklärte der Experte. Allerdings sollte mit den eigenverantwortlichen Vorbeugemaßnahmen am besten schon im Kindesalter begonnen werden. Den Kindern müssten Informationen und Hilfestellungen zu einem gesunden Lebensstil an die Hand gegeben werden, um sie von Anfang an zu „Selbstverantwortlichkeit“ zu erziehen. Dabei werde auch der natürliche Bewegungsdrang und die Freude an gesundem Essen stimuliert, erläuterte Prof. Ganten.

Aktiv und gesund Leben schützt vor Krankheiten im Alter
Insgesamt lasse sich durch eine gesunde Lebensweise auch die Phase des gesunden Alterns deutlich verlängern, so die Einschätzung des Experten. Laut Prof. Ganten liegen „verlässliche Daten“ vor, die bestätigen, „dass jemand, der gesund und aktiv lebt, einige chronische Erkrankungen vermeiden, die Krankheitsgrenze hinausschieben und die Krankheitsdauer verkürzen kann.“ So schütze beispielsweise der „Verzicht auf das Rauchen vor Lungenkrebs, weniger Alkohol verhindert Erkrankungen der Leber und regelmäßiger Sport beugt Osteoporose, Muskelverspannungen und Rückenschmerzen vor“, erläuterte der Präsident des World Health Summit. Veranstaltungen wie der Weltgesundheitstag seien in diesem Zusammenhang hilfreich, um auf das Thema der Selbstverantwortlichkeit aufmerksam zu machen. „Zu viele Menschen sind sich nicht bewusst, dass sie Gesundheit nicht vom Arzt einfordern können, sondern dass sie selber etwas dafür tun können und sollten“, betonte der Experte und ergänzte: „Die Gesundheit ist noch immer das höchste Gut des Menschen.“

Erhöhtes Erkrankungsrisiko durch ungesunde Lebens- und Umweltbedingungen
Als einen wesentlichen Grund für die Zunahme verschiedener Erkrankungen nannte der Präsident des World Health Summit auch die veränderten Lebens- beziehungsweise Umweltbedingungen. „Wir leben in einer modernen Welt“ und „während vor 100 Jahren nur zehn Prozent der Bevölkerung in Städten gelebt haben, sind es heute etwa 50 Prozent“, erläuterte Prof. Ganten. Im Jahr 2030 werde voraussichtlich ein Anteil von 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Die Zahlen verdeutlichen wie rasant und dramatisch sich unsere Umwelt verändert, während unsere Biologie immer noch die alte ist, so der Präsident des World Health Summit weiter. Unser Organismus ist „evolutionär und biologisch auf körperliche Belastung, Bewegung, Nahrungsmangel und Hunger eingestellt“, doch in den modernen Gesellschaften haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert, erklärte der Experte. Prof. Ganten zufolge bewegen „wir uns wenig, essen zu viel, zu fett, zu süß und zu salzig“, wodurch „es zu den verbreiteten Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden und Diabetes“ kommt.

Prävention statt Behandlung von Krankheiten
Um hier gegenzusteuern, müsse jedoch nicht nur die Selbstverantwortlichkeit der Bevölkerung gestärkt werden, sondern auch auf Seiten der Leistungserbringer und Krankenkassen bedarf es eines Umdenkens, so die Aussage von Prof. Ganten. Weg von der klassischen Behandlungen nach dem Auftreten von Beschwerden, hin zu einer deutlich verbesserten Prävention. Viel zu häufig seien auch die behandelnden Mediziner noch ausschließlich krankheitsorientiert und denken kaum an Prävention. „Dadurch werden Krankheiten zwar behandelt, aber sie werden viel zu selten verhindert“, betonte der Präsident des World Health Summit. In diesem Zusammenhang sei auch das Verhalten der Krankenkassen bisweilen unverständlich. Zwar ist hier häufig schon ein Trend zur Verbesserung der Krankheitsprävention zu erkennen, doch „dass die Krankenkassen zum Beispiel noch immer nicht die Zahnvorsorge bezahlen“, ist nach Ansicht von Prof. Ganten „ein Fehler.“ Denn diese Form der Prävention zahle sich langfristig durch „weniger Karieserkrankungen und entsprechende Behandlungen“ aus. Am Ende „müssen die Kassen weniger zahlen“ und „das Gleiche gilt für andere präventive Maßnahmen“, betonte der Experte.

Deutsches Gesundheitssystem vorbildlich
Letztendlich ist das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich jedoch relativ gut aufgestellt und biete viel Unterstützung beim gesunden Altern, erläuterte Prof. Ganten. „Wir haben ein hervorragendes System der Krankenversorgung und der Kostenerstattung“, dass weltweit als vorbildlich beschrieben wird, betonte der Präsident des World Health Summit. Lediglich „bei der Prävention gibt es Verbesserungsbedarf“, so die Einschränkung des Experten. Hierzulande wird Prof. Ganten zufolge „immer noch zu viel geraucht, zu wenig Sport getrieben und zu viel Alkohol getrunken“ – ansonsten stehe Deutschland mit seinen Gesundheitssystem „ganz vorne“. Allerdings habe ein solches „natürlich auch seinen Preis“, erklärte der Experte. Hier liegt auch eines der wesentlichen Probleme bei der weltweiten Umsetzung vergleichbarer Systeme. Schwellen- und Entwicklungsländern können sich einen entsprechend hohen Standard einfach nicht leisten.

Gesundheitsvorsorge in Entwicklungs- und Schwellenländer ein Problem
Der prognostizierten Anstieg der nicht übertragbaren Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychischen Leiden in Ländern wie Indien, China und auf dem afrikanischen Kontinent ist laut Aussage von Prof. Ganten auch einer der Gründe für den jährlich durchgeführten Weltgesundheitstag. Denn während es uns auch in „einer älter werdenden Gesellschaft noch recht gut geht, verschlechtert sich die Weltgesundheit trotz des rasanten wissenschaftlichen Fortschritts“, erklärte der Präsident des World Health Summit. Allein die Zahl der „Diabetiker wird sich zwischen 2010 und 2030 in den Schwellenländern verdoppeln“, so Prof. Ganten weiter. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Vereinten Nationen (UN) „wollen daher besonders in diesen Ländern das Gesundheitsverhalten stärken“, betonte der Experte. Zumal die modernen Industrienationen laut Aussage von Prof. Ganten auch „eine Mitschuld“ an dem ungesunden Lebensstil in den Schwellenländern tragen. „Wir leben einen ungesunden Lebensstil vor und exportieren ihn mit unseren Produkten“, wodurch ein gesundes Altern in den Schwellenländern deutlich erschwert wird, erklärte der Experte.

Krafttraining verjüngt die Muskeln
Prinzipiell bieten sich vielfältige Ansätze, um das Erkrankungsrisiko im hohen Lebensalter zu reduziere und länger fit zu bleiben. So konnten beispielsweise US-Forscher des MC Master University Medical Center in Hamilton erst vor kurzem im Rahmen einer Studie nachweisen, dass ein regelmäßiges Krafttraining viele Muskelgruppen erheblich verjüngen kann. „Selbst Menschen im hohem Alter können ihre Muskeln um Jahrzehnte verjüngen“, so das Resümee der Wissenschaftler. Wenn der Körper altert, altern und schwinden auch die Muskeln. Dies liegt daran, dass dem Gewebe weniger Energie zur Verfügung steht und die Leistung der Mitochondrien kontinuierlich abnimmt. Mitochondrien sind extrem kleine Zellorganellen, die den Muskeln Energie liefern. Bei einer Forschungsarbeit mit 25 ansonsten gesunden 70-jährigen Frauen und Männern stellten die Forscher fest, dass dieser Prozess sich auch im hohem Altern noch stoppen und sogar umkehren lässt. Die Forscher ließen die Probanden sechs Monate lang in einem Fitnessstudio regelmäßig trainieren. Vor und nach der Studie wurden Gewebeproben entnommen und mit einer Vergleichsgruppe von jungen Teilnehmern verglichen. Durch den Sport konnte sich die Muskelkraft der älteren Menschen um 50 Prozent verbessern. Hierzu mussten die Probanden nur zwei mal pro Woche ein Trainingsprogramm absolvieren, bei dem alle Muskelpartien angeregt wurden.

Im Ergebnis zeigte sich, dass sich bei sportlichen Aktivitäten nicht nur die Muskeln verbesserten, sondern auch die Leistung der Mitochondrien. Diese haben sich „sogar auf das Niveau eines jungen Menschen angeglichen“ konstatierten die Wissenschaftler des University Medical Center in Hamilton. So kann davon ausgegangen werden, dass Sport und eine gesunde Ernährung den Alterungsprozess verlangsamen und das Leben deutlich verlängern kann. (fp)