Gesund für unser Gehirn: Wer am Wald wohnt kann Stress besser verarbeiten

Alfred Domke
Wohnortnahe Natur: Waldnahes Wohnen hat Auswirkungen auf das Gehirn
Ein Aufenthalt im Grünen fördert die Gesundheit. Noch besser ist es, wenn man an einem Ort wohnt, der in der Nähe von Wiesen und Wäldern liegt. Denn wohnortnahe Natur hat laut einer neuen Studie positive Auswirkungen auf unser Gehirn.

In der Natur kann man sich am besten erholen
Zunehmender Arbeitsdruck und Stress gefährden die Gesundheit. Entspannung und Ruhe sind wichtig für den Menschen. Um abzuschalten begibt man sich am besten in die Natur. Denn dort können sich die meisten Menschen am besten erholen. Noch besser ist es, naturnah zu wohnen. Denn dann kann man Stress besser verarbeiten. Das hat eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung nun gezeigt.

Waldnahes Wohnen von Städtern hat laut einer neuen Studie offenbar positive Auswirkungen auf unser Gehirn. Diese Erkenntnisse könnten für die künftige Städteplanung von großer Bedeutung sein. (Bild: K.-U. Häßler/fotolia.com)

Städter haben ein höheres Risiko für psychische Leiden
Lärm, Luftverschmutzung und viele Menschen auf engstem Raum: Das Leben in der Stadt kann chronischen Stress verursachen.

So laufen Städter häufiger Gefahr an psychischen Leiden wie Depressionen, Angststörungen und Schizophrenie zu erkranken als Landbewohner, berichtet das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in einer Mitteilung.

Im Vergleich zeigen Städter eine höhere Aktivität des Mandelkerns als Landbewohner – eine kleine Region im Innern des Gehirns, die eine wichtige Rolle bei der Stressverarbeitung und der Reaktion auf Gefahren spielt. Doch welche Faktoren können vorbeugend wirken?

Ein Team von Wissenschaftlern um die Psychologin Simone Kühn hat nun untersucht, welchen Einfluss wohnortnahe Natur wie Wald, städtische Grün- oder Wasserflächen sowie Brachland auf stressverarbeitende Hirnareale wie den Mandelkern – in Fachkreisen auch Amygdala genannt – haben.

Zusammenhang zwischen Wohnort und Hirngesundheit
„Forschungen zur Hirnplastizität stützen die Vermutung, dass die Umwelt sowohl die Hirnstruktur als auch deren Funktion formen kann. Uns interessiert deshalb, welche Umweltbedingungen sich positiv auf die Hirnentwicklung auswirken“, erläuterte Erstautorin Simone Kühn, die die Studie am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung leitete und nun am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) arbeitet.

„Von Studien unter Landbewohnern wissen wir, dass naturnahes Leben gesundheitsfördernd für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden ist. So haben wir uns angeschaut, wie es sich bei Städtern verhält.“

Und tatsächlich fanden die Wissenschaftler in der im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie einen Zusammenhang zwischen Wohnort und Hirngesundheit.

Städtische Grünflächen ohne Auswirkungen auf die untersuchten Hirnregionen
Diejenigen Stadtbewohner, die nahe am Wald wohnten, zeigten vermehrt Hinweise auf eine physiologisch gesunde Struktur der Amygdala und können deswegen vermutlich besser mit Stress umgehen.

Dieser Effekt blieb auch dann bestehen, wenn Unterschiede im Bildungsabschluss und in der Höhe des Einkommens herausgerechnet wurden.

Es konnte jedoch kein Zusammenhang zwischen städtischen Grün- oder Wasserflächen sowie Brachland und den untersuchten Hirnregionen nachgewiesen werden.

Ob sich das waldnahe Wohnen tatsächlich positiv auf die Amygdala auswirkt oder ob Menschen mit gesünderer Amygdala waldnahe Wohngebiete aufsuchen, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht entscheiden.

Die Wissenschaftler halten aber vor dem Hintergrund bisheriger Erkenntnisse die erste Erklärung für wahrscheinlicher. Um diese nachweisen zu können, bedarf es weiterer Verlaufsstudien.

Bis 2050 werden fast 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten wohnen
Die Teilnehmer der Studie stammten aus der Berliner Altersstudie II (BASE-II) – einer Verlaufsstudie, die die körperlichen, geistigen und sozialen Bedingungen für ein gesundes Älterwerden untersucht.

Insgesamt konnten 341 ältere Erwachsene im Alter zwischen 61 und 82 Jahren für die Studie gewonnen werden.

Neben Denk- und Gedächtnisaufgaben wurde mithilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) die Struktur von stressverarbeitenden Hirnregionen – insbesondere der Amygdala – vermessen.

Um untersuchen zu können, welchen Einfluss die wohnortnahe Natur auf diese Hirnregionen hat, brachten die Wissenschaftler die MRT-Daten mit Geoinformationen zum Wohnort der Probanden zusammen.

„Unsere Studie untersucht erstmals die Verbindung von städtebaulichen Merkmalen und Hirngesundheit“, so Koautor Ulman Lindenberger, Direktor des Forschungsbereichs Entwicklungspsychologie am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Es werde damit gerechnet, dass bis 2050 fast 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten wohnen werden. Deshalb könnten die Ergebnisse für die Städteplanung wichtig sein.

Zunächst sei es jedoch wichtig, den beobachteten Zusammenhang zwischen Gehirn und Waldnähe in weiteren Untersuchungen und anderen Städten zu überprüfen, sagte Ulman Lindenberger. (ad)