Handynacken: Viele haben Fehlhaltungen durch das Starren aufs Smartphone

Sebastian
Gesundheitliche Schäden durch Blick aufs Handy könnten zur „Seuche“ werden
Ein Leben ohne Smartphone ist für die meisten Menschen kaum noch vorstellbar. Kein Wunder also, dass der nach vorn gesenkte Blick auf das Display mittlerweile zum normalen Alltagsbild gehört. Oft wird jede freie Minute für einen kurzen Blick auf das Telefon genutzt, viele Menschen starren teilweise sogar über Stunden auf die kleinen Bildschirme. Experten warnen angesichts dieses Trends jedoch schon seit längerem vor gesundheitlichen Risiken. Denn durch die permanente Fehlhaltung drohe ein so genannter „Handynacken“, welcher zu Beschwerden wie Kopfweh oder Nackenschmerzen führen könne.

Jede freie Minute wird zum Checken der E-Mails genutzt
Ob an der Bushaltestelle, in der U-Bahn oder beim Anstellen an der Supermarktkasse: Allerorts nutzen immer mehr Menschen jede Möglichkeit, um auf Ihrem Smartphone die neuesten Kurznachrichten, E-Mails oder Anrufe zu checken. Dabei verharren viele Nutzer stundenlang mit gebeugtem Kopf über dem kleinen Display und leiden in der Folge unter Beschwerden wie einem Stechen im Nacken oder Kopfschmerzen. „Wir sprechen seit einigen Jahren in solchen Fällen vom Handynacken“, so Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“.

Dauernde Fehlhaltungen durch das Handy-Schauen. Immer mehr Menschen leiden unter "Handynacken". Bild: DDRockstar - fotolia)
Dauernde Fehlhaltungen durch das Handy-Schauen. Immer mehr Menschen leiden unter „Handynacken“. Bild: DDRockstar – fotolia)

Ein Begriff, der eine Aufmerksamkeit dafür schaffe, dass „wir etwas gegen länger eingenommene einseitige Fehlhaltungen tun müssen – egal ob im Beruf oder in der Freizeit“, ergänzt Professor Bernd Kladny, Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach. Schließlich sei „der Mensch [.] ein Lauftier und kein Faultier. Er braucht Bewegung, und da tut ihm jede Form gut“, so Kladny.

Tägliche Nutzung von mehr als vier Stunden ist mittlerweile keine Seltenheit mehr
Die Beschwerden betreffen dabei immer mehr Menschen, vor allem aufgrund der steigenden Nutzungsdauer. Viele User würden täglich vier Stunden und mehr auf die kleinen Bildschirme ihrer Smartphones und Tablets blicken, so der New Yorker Wirbelsäulenchirurg Kenneth K. Hansraj im Gespräch mit der „dpa“. Der Begriff „Handy-Nacken“ sei dabei jedoch laut dem Experten eher „schlecht gewählt“ da die körperlichen Beschwerden normalerweise nicht durch das kurze Abrufen neuer Nachrichten entstehen würden. „Erst intensives Nutzen von Smartphones und Tablets führt zu Problemen“, erklärt Hansraj. Daher bestehe aufgrund der höheren Flexibilität der Wirbelsäule vor allem bei Jugendlichen ein erhöhtes Risiko für Haltungsschäden, wenn diese z.B. über Stunden in Chats verweilen oder auf dem iPad Filme und Serien gucken. Dieses Problem träfe laut Wolfgang Panter jedoch auch auf das lange Lesen eines E-Papers zu – welches mittlerweile bei immer mehr älteren Personen eine attraktive Alternative zur klassischen Zeitung darstellt.

27 Kilo zusätzliche Belastung auf Rücken und Nacken
Den Zusammenhang zwischen der Nutzung von mobilen Endgeräten und möglichen Schädigungen der Wirbelsäule hatte Hansraj bereits 2014 in einer Modellstudie untersucht. Dabei war der Experte vom New Yorker Klinikum für Wirbelsäulenchirurgie und Rehabilitation zu dem Ergebnis gekommen, dass der etwa vier bis sechs Kilo schwere Kopf eines Erwachsenen bei ca. 15 Grad Beugung nach vorne die Halswirbelsäule mit zusätzlich rund 13 Kilo belaste. Da der Kopf jedoch beim Blick nach unten auf den Bildschirm normalerweise sogar um bis zu 60 Grad geneigt werde, konnte Hansraj eine Kraft von 27 Kilogramm ausmachen, die auf den Rücken und Nacken des Users lastet. Wird häufiger und länger in der unnatürlichen Haltung verharrt, kann dies auf Dauer z.B. zu starken Nackenverspannungen, Muskelverkürzungen, Kopfschmerzen oder gar zu einem frühzeitigen Verschleiß der Bandscheiben führen.

Anatomie des Menschen ist auf aufrechten Gang gepolt
Der Grund für die Beschwerden ist evolutionär bedingt, denn unsere Anatomie ist heute auf einen geraden, aufrechten Gang ausgerichtet. Dabei helfen uns Muskeln, Knochen, Gelenke und Sehnen, die aufrechte Haltung einzuhalten, von einem Ort zum anderen zu gelangen und die verschiedensten Bewegungen auszuführen. Das ständige Sitzen im Büro oder am heimischen Schreibtisch ist dementsprechend eigentlich „Gift“ für den Körper und kann schnell zu ernsten gesundheitlichen Problemen führen. Hilfe bieten hier z.B. Berufsgenossenschaftlichen Vorschriften (BGV) mit Anleitungen für einen ergonomischen Bildschirmplatz, um das Risiko für Fehlhaltungen und Schädigungen der Augen zu minimieren. Doch diese Maßnahmen greifen nicht bei Smartphones und Tablets, da diese aus Bequemlichkeit schnell auf die Oberschenkel gelegt werden und damit leicht zu einer Fehlhaltung verleiten. „Laptops sind da ergonomischer, wenn sie in vernünftiger Höhe aufgestellt werden“, so Betriebsarzt Wolfgang Panter. Zudem sei es wichtig, für einen regelmäßigen Ausgleich zu sorgen: „Zum Beispiel öfter mal in die Ferne schauen, um Augen- und Nackenmuskulatur zu trainieren.“

Handy auf Augenhöhe halten
Generell sollten Vielnutzer laut Dr. Hansraj darauf achten, ihr Smartphone so zu halten, dass der Kopf möglichst nicht gesenkt werden muss. Eine aufrechte Kopfhaltung kann erreicht werden, wenn das Gerät auf Augenhöhe gehalten wird. Neben den Dehnungen zur Vermeidung eines steifen Nackens, bieten sich kleine Fitnessübungen an, um Beschwerden vorzubeugen. Bewährte Beispiele aus der Naturheilkunde sind hier Yoga oder die sogenannte progressive Muskelrelaxation, bei der die Muskulatur im Nackenbereich gezielt entspannt wird. „Statt zwanghaft Ausgleichsbewegungen zu machen, sollte man besser einen Sport ausüben, der Spaß macht“, empfiehlt Kladny. (nr)

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