„Hirndoping“ Pillen helfen Studenten kaum

Astrid Goldmayer

Hirndoping steigert die Leistungsfähigkeit von Studenten kaum und wenn dann nur kurzfristig

13.07.2012

Hirndoping wird unter Studenten immer populärer. Häufig begründen die Lernenden die Einnahme von Medikamenten oder illegalen Drogen zur Leistungssteigerung mit dem wachsenden Leistungsdruck an den Universitäten. Experten warnen jedoch vor den unbekannten Langzeitfolgen der verschreibungspflichtigen Psychostimulanzien und illegal erhältlichen Substanzen wie Amphetamine, Kokain und Ecstasy.

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Hirndoping gehört für viele Studenten zum Alltag
Für Sarah F. aus Hannover gehört Ritalin genauso zu stressigen Lernphasen wie starker Kaffee. „Ich kann mich länger konzentrieren und bin auch nicht mehr so müde“, erklärt die Studentin. Das Medikament sei schließlich für Kinder zugelassen und könne deshalb nicht allzu gefährlich sein. „Natürlich weiß ich nicht, wie sich das Mittel langfristig auswirkt. Deshalb nehme ich es nur in besonders stressigen Phasen.“ Studieren sei heutzutage eine Kostenfrage. Sie könne es sich nicht leisten, über die Regelstudienzeit hinaus Studiengebühren zu zahlen. Deshalb müsse sie jede Prüfung beim ersten Versuch bestehen. Normalerweise wird das unter dem Handelnamen Ritalin geführte Methylphenidat Kirndern mit ADS oder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen) verschrieben. Zu den bekannten Nebenwirkungen bei Kindern gehören unter anderem Appetitlosigkeit, Wachstumsverzögerungen und verminderte Gewichtszunahme.

Durch Hirndoping kann zwar eine kurzfristige Steigerung des Konzentrationsvermögens erreicht werden, eine dauerhafte akademische Leistungssteigerung wurde jedoch bislang nicht belegt. Experten warnen deshalb davor, die Wirkung des Hirndopings zu überschätzen.

Hirndoping kann kurzfristig leistungsverlängernde Effekte bewirken
Welcher Student wünscht sich nicht, nur mit einer kleinen Pille hervorragende Leistungen zu erbringen, wenn er mal wieder nicht mehr weiß, wie er sein straffes Lernpensum und die Prüfung am nächsten Tag bewältigen soll. Es ist demnach nicht verwunderlich, dass so mancher Student dann und wann zu Hirndoping greift. Bislang ist aber noch nicht geklärt, wie die Mittel bei Gesunden wirken und welche Langzeitfolgen sie haben.

Erwiesenermaßen verlängern diverse Substanzen die Leistungsfähigkeit, zumindest kurzfristig. Experten warnen jedoch vor der Einnahme von Stimmungs- oder Kognitionsverbesserern, da bisher nicht bekannt ist, ob oder inwieweit sie zu einer psychischen oder körperlichen Sucht führen. Professor Klaus Lieb von der Uniklinik Mainz und sein Team führten eine Umfrage unter 1.547 Schülern und Studenten durch. Vier Prozent der Befragen gaben an, bereits mindestens einmal zu legalen oder illegalen Substanzen gegriffen zu haben, um ihre Konzentration, Aufmerksamkeit und Wachheit zu steigern. Hauptsächlich nahmen sie illegal erhältliche Substanzen wie Amphetamine, Kokain und Ecstasy ein.

Die Hochschul Informations System GmbH (HIS) in Hannover befragte 8.000 Studenten zum Thema "Hirndoping". Die Auswertung der Antworten ergab, dass mehr als jeder zehnte Befragte mindestens einmal Stimmungs- oder Kognitionsverbesserer eingenommen hat, um die Studienanforderungen besser bewältigen zu können. Fünf Prozent gaben an, für das Neuro-Enhancement, so der neutrale Begriff für Hirndoping, Drogen oder verschreibungspflichtige Medikamente eingenommen zu haben. „Sanftere“ Mittel, zu denen pflanzliche, homöopathische und Vitaminpräparate sowie Kaffee und schwarzer Tee zählen, nutzen weitere fünf Prozent.

Laut der HIS-Umfrage werden bei den Medikamenten in erster Linie Schmerz- und Schlafmittel, Antidepressiva, Betablocker und Methylphenidat (Ritalin) von den Studenten zweckentfremdet. Amphetamine sowie das Medikament Modafinil, das ausschließlich zur Behandlung der Schlafkrankheit (Narkolepsie) verschrieben wird, erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit unter den „Dopenden“. „Die Nebenwirkungen solcher Mittel bei Gesunden sind vergleichbar mit dem, was auch Patienten angeben, die diese Mittel in der Regel deutlich länger nehmen“, berichtet die Psychiatrie-Professorin Isabelle Heuser von der Universitätsklinik Charité in Berlin. Sie wertete verschiedene Studien zusammen mit ihrem Team aus, um die Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen zu untersuchen, die derartige Mittel auf Gesunde haben. So führt die Einnahme von Modafinil bei Gesunden zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit. Das gilt besonders bei Schlafentzug. Während Methylphenidat beruhigt, haben Antidepressiva eine stimmungsaufhellende Wirkung. Die Wissenschaftlerin weißt darauf hin, dass die Mittel gut verträglich seien, solange sie nur ein- oder zweimal eingenommen würden. Die Langzeitwirkungen seien jedoch unbekannt. „Ich kann zur Einnahme weder zuraten noch abraten“, sagt Heuser. „Ich selbst hätte aber einfach Angst, etwas zu nehmen, von dem die Langzeitfolgen unbekannt sind.“

Hirndoping führt nicht zu akademischer Leistungssteigerung
Professor Heiner Wolstein vom Wissenschaftlichen Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen hält es für einen Mythos, dass die Medikamente zur akademischen Leistungssteigerung führten. Das sei wissenschaftlich nicht belegt, aber den meisten Studenten unbekannt. „Sie verlängern die Leistung nur.“ Konsumenten hätten zwar häufig den Eindruck sich besser zu fühlen, kreativer zu sein und länger durchzuhalten, „aber der Effekt ist wie bei einem großen starken Kaffee. Und lernen muss man trotz Pille noch.“

Als Grund für das Hirndoping wird vielfach der zunehmende Leistungsdruck an den Universitäten genannt. Psychiaterin Heuser rät Betroffenen, statt zu Pillen zu greifen, zu Alternativen: „Würde Pause machen und gut schlafen nicht vielleicht auch helfen?“ Dieser Ansicht ist auch Professor Wolstein: „Eine Alternative ist, früher mit dem Lernen anzufangen und ausreichend zu schlafen.“ Es sei sehr ungünstig, in der Nacht vor einer Prüfung, statt ausreichend zu schlafen, durchzulernen. „Die Wahrscheinlichkeit, Gelerntes abzurufen, ist ohne Schlaf viel geringer.“ Es reichten bereits 90 Minuten Tiefschlaf für eine bessere Leistungsfähigkeit. (ag)