Interview: Seltsames „Gutachten“ zur Homöopathie

Heilpraxisnet

Homöopathie: seltsames „Gutachten“ des britischen Unterhauses

„So geht Lobby“: Ein Ausschuss des britischen Unterhauses kam soeben zu dem Ergebnis, dass homöopathische Arzneien nichts weiter als ein Placebo seien. Die „Gutachter“ fordern den Gesetzgeber auf, Mittel aus dem Leistungskatalog des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) zu streichen und weitere Forschung zu unterlassen. Hinterfragt man allerdings die Bewertungskriterien und das Zustandekommen des „Gutachtens“, so ergeben sich große Zweifel an der Aussagekraft. Das Dokument gibt den Stand der internationalen Forschung nicht korrekt wieder und repräsentiert in den wesentlichen Punkten nach unserer Meinung die persönliche Position einer einzigen Person: Prof. Edzard Ernst. Die Redaktion Heilpraxisnet.de befragte den Journalisten Claus Fritzsche nach seiner Einschätzung.

Herr Fritzsche, der Ausschuss für Wissenschaft und Technologie des britischen Unterhauses kommt in einem Gutachten zu dem Schluss, dass homöopathische Arzneimittel nicht wirksam seien und daher weder bezahlt noch zugelassen werden sollten. Wie schätzen Sie die Qualität dieses Gutachtens ein?

Claus Fritzsche: Vor dem Hintergrund vieler offener Fragen traue ich mir im Moment noch kein abschließendes Urteil zu. Nach einem ersten diagonalen Überfliegen des 275 Seiten langen Dokuments ist für mich jedoch klar, dass der Evidence Check 2: Homeopathy den Forschungsstand zur Homöopathie falsch wiedergibt und die Hintergründe seines Zustandekommens nicht transparent sind.

Der Ausschuss für Wissenschaft und Technologie des britischen Unterhauses hat hier meines Erachtens großes Theater gespielt … lässt jedoch die Frage offen, warum aus den Argumenten der öffentlichen Anhörung beispielsweise jene von Prof. Harald Walach and Prof. George Lewith kommentarlos ignoriert wurden, während jene von Prof. Edzard Ernst das gesamte Dokument dominieren.

Viele Indizien sprechen dafür, dass die Ergebnisse des „Gutachtens“ schon vor der öffentlichen Anhörung festlagen und Edzard Ernst im Hintergrund – für die Öffentlichkeit nicht transparent – Regie geführt hat. Die Anhörung war jedenfalls eine reine Alibi-Veranstaltung.

Können Sie das etwas präzisieren?

Claus Fritzsche: Soweit ich dies im Moment beurteilen kann, basiert die gesamte Argumentation des „Gutachtens“ – ich lege hier Wert auf die Anführungszeichen – überwiegend auf einer einzigen Meta-Analyse. Auf Seite 22 wird Prof. Edzard Ernst mit folgenden Worten zitiert:

„Professor Ernst pointed out that: … 5. Shang et al very clearly arrived at a devastatingly negative overall conclusion.“

Das ist jene ominöse Arbeit, aufgrund der die britische Medizinzeitschrift The Lancet 2005 etwas voreilig das „Ende der Homöopathie“ ausrief. Und zwar auf der Grundlage von sage und schreibe nur acht Studien.

Was genau kritisieren Sie?

Claus Fritzsche: Herr Ernst verschweigt hier, dass die Meta-Analyse von Shang et al. 2005 bereits durch Kontroll-Arbeiten von Lüdtke/Rutten im Journal of Clinical Epidemiology sowie von Rutten/Stolper im Journal Homeopathy widerlegt wurden. Die Mängel der Meta-Analyse waren so eklatant, dass selbst der The Lancet herausgebende Verlag Elsevier sich dazu veranlasst sah, die Pressemeldung „New evidence for Homeopathy“ zu veröffentlichen.

Wenn Ernst die Kontroll-Arbeiten von Lüdtke, Rutten und Stolper noch nicht einmal erwähnt, dann bewerte ich dies als vorsätzliche und arglistige Täuschung der Öffentlichkeit. Das ist in etwa so, als ob Toyota in einem Gutachten zur Qualität seiner Fahrzeuge seine aktuellen Rückrufaktionen komplett verschweigen würde.

Gab es für das britische „Gutachten“ keinen Review-Prozess?

Claus Fritzsche: Das ist eine sehr gute Frage. In jedem nach internationalen Standards durchgeführten Review-Prozess wäre der Verweis auf Shang et al. 2005 ohne die gleichzeitige Erwähnung von Lüdtke, Rutten und Stolper moniert worden. Bei einem so groben Schnitzer ist davon auszugehen, dass hier hinter den Kulissen manipuliert und gemauschelt wurde.

Von wem stammt denn die wissenschaftliche Expertise des „Gutachtens“?

Claus Fritzsche: Das ist die nächste spannende Frage, die ich Ihnen nicht beantworten kann. Sicher ist nur, dass die auf Seite vier genannten – für das „Gutachten“ verantwortlichen – Personen die notwendige wissenschaftliche Expertise nicht haben. Sicher ist weiterhin, dass das Dokument keine Rechenschaft darüber ablegt, wer die Ergebnisse der öffentlichen Anhörung nach welchen Kriterien ausgewertet und in die abschließende Form gebracht hat. Wer hat bestimmte Argumente der Anhörung übernommen und andere Argumente ignoriert? Eine Antwort auf diese Frage würde mich sehr interessieren.

Haben Sie eine Vermutung?

Claus Fritzsche: (lacht) Nachdem das Dokument Edzard Ernst auf jeder Seite „gefühlt“ mindestens dreißig Mal zitiert, die Bewertungskriterien 1:1 der hinreichend bekannten persönlichen Meinung von Edzard Ernst entsprechen … und nachdem die Arbeit auch die typischen Fehler von Edzard Ernst wie z. B. das Verschweigen von Lüdtke, Rutten und Stolper, die Überbewertung des Kriteriums „Plausibilität“ sowie die unkritische Priorisierung randomisierter klinischer Studien (die neben Stärken auch große Schwächen haben) beinhaltet, ist die Beantwortung dieser Frage für mich sehr einfach.

Ich kann Ihnen nicht sagen, ob das „Gutachten“ von ihm selbst geschrieben oder nur versteckt souffliert wurde. Für mich persönlich ist jedoch sicher, dass Edzard Ernst hier im Hintergrund – für die Öffentlichkeit nicht transparent – Regie geführt hat.

Sie erwähnten in unserem Vorgespräch ein im Auftrag der Schweizer Regierung veröffentlichtes „Konkurrenz“-Gutachten zur Homöopathie. Was genau wurde hier untersucht?

Claus Fritzsche: Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit publizierte 2005 einen Health Technology Assessment-Bericht zur Homöopathie, der im Rahmen des „Programms Evaluation Komplementärmedizin“ (PEK) erstellt wurde. Ziel des PEK war es, fünf wichtigen Methoden der Komplementärmedizin (Anthroposophische Medizin, Homöopathie, Neuraltherapie, Phytotherapie und Traditionelle Chinesische Medizin) wissenschaftlich zu bewerten. Das PEK bestand aus einem Feldstudienprojekt und einem Literaturprojekt. Die wissenschaftliche Begleitung erfolgte durch einen Lenkungsausschuss, eine Expertengruppe und ein international besetztes Reviewboard.

Welche Unterschiede gibt es zwischen dem „Gutachten“ des britischen Unterhauses und dem Schweizer HTA-Bericht?

Claus Fritzsche: Zunächst einmal nahmen sich die Schweizer sieben Jahre Zeit. Fünf Jahre dauerte die Sichtung der Daten und die Klärung konzeptioneller Fragen. Für die eigentliche Evaluierung und Erstellung des HTA-Berichts benötigte man zwei Jahre.

Wer sich in Großbritannien an der öffentlichen Anhörung zum Evidence Check 2: Homeopathy beteiligen wollte, der hatte genau 17 Tage bis zum Abgabetermin Zeit. Das ist ein deutliches Indiz für eine Zirkusveranstaltung. Der Öffentlichkeit sollte eine breite Wissensbasis suggeriert werden, die in Wirklichkeit nicht existiert.

Wer begutachtete die Daten in der Schweiz?

Claus Fritzsche: Im Rahmen des Schweizer HTAs herrschte volle Transparenz darüber, wer Daten nach welchen Kriterien ausgewertet hat und warum zu welchen Schlüssen kam. Alles dies ist beim britischen „Gutachten“ unklar und intransparent. Der zweite große Unterschied ist in der Tatsache zu sehen, dass die Schweiz internationale Expertise nutzte, die Briten jedoch nur nationale. Und obwohl selbst die britische Expertise, repräsentiert durch Edzard Ernst, George Lewith und Harald Walach (inzwischen in Frankfurt an der Oder tätig) ausgereicht hätte, wurde das Know-how der zuletzt genannten Experten ohne Angabe von Gründen nicht berücksichtigt.

Gibt es Unterschiede in den Bewertungskriterien?

Claus Fritzsche: Es gibt hier insofern Unterschiede, als sich die Schweiz an internationalen Standards orientierte und die Briten – so sehe ich das – auf die persönliche Einschätzung von Edzard Ernst zurückgriffen.

Was heißt das konkret?

Claus Fritzsche: Bitte erlauben Sie mir eine kleine Vorbemerkung: Wie ich vor einiger Zeit in einem Blogbeitrag mit der Überschrift „Zweifelhafte Meta-Analysen: Wie evident ist die Evidenzbasierte Medizin?“ anhand von drei plastischen Beispielen erläutert habe, lassen sich Forschungsergebnisse relativ leicht in eine vom jeweiligen Forscher gewünschte Richtung hin „formen“. Durch geschickte Wahl der Bewertungskriterien können bei gleicher Datenlage – jeweils im Namen der Wahrheit und Wissenschaft – spielend leicht POSITIVE oder aber NEGATIVE Ergebnisse „geformt“ werden.

Hat das britische „Gutachten“ von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht?

Claus Fritzsche: Genauso ist es. Beim Schweizer HTA wurde das gemacht, was heute international üblich ist. Es wurde der für eine bestimmte Fragestellung geeignete Studientyp gewählt. Will ich wissen, ob eine Therapie unter Alltagsbedingungen wirkt, so sind randomisierte klinische Studien (RCTs) wegen ihrer niedrigen externen Validität als Messinstrument eher ungeeignet. Andere Studientypen wie z. B. Beobachtungsstudien haben eine viel höhere externe Validität und kommen daher in der Versorgungsforschung zum Einsatz, um Aussagen zur Wirkung einer Therapie unter Alltagsbedingungen zu ermöglichen.

Will ich jedoch wissen, was genau in einer Therapie wirkt, so sind RCTs wegen ihrer hohen internen Validität das geeignete Messinstrument und Beobachtungsstudien, gute Fallserien oder longitudinale Kohortenstudien eher ungeeignete Messinstrumente. RCTs sind gut geeignet, um spezifische und unspezifische Effekte zu messen. Auch hier haben sie jedoch neben Stärken auch große Schwächen. RCTs sind mit dem Messen spezifischer Effekte überfordert, wenn es um komplexe Interventionen geht. Umstritten ist auch, in welchem Maße sich RCTs nutzen lassen, um die Effekte einer individuellen Mittelgabe – in der klassischen Homöopathie erhält jeder Patient sein eigenes, personen- und krankheitsspezifisches Arzneimittel – zu messen.

Im Rahmen des Schweizer HTAs hat man, so wie dies international üblich ist, das für die jeweilige Fragestellung geeignete Messinstrument gewählt. Im „Gutachten“ des britischen Unterhauses gibt es hingegen eine einseitige Priorisierung randomisierter klinischer Studien. Diese Überbewertung der Stärken von RCTs und Unterbewertung der Schwächen von RCTs ist international nicht mehr akzeptiert. Sie steht im Widerspruch zur Sichtweise wichtiger Instanzen. Der das deutsche Bundesministerium für Gesundheit beratende Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und auch der Chairman des National Institute of Health, Sir Michael Rawlins, halten die einseitige Priorisierung von RCTs für falsch.

Welchen Effekt hat die einseitige Priorisierung von RCTs?

Claus Fritzsche: Das können Ihnen Experten wie z. B. Klaus Linde vom Deutschen Cochrane Zentrum, Claudia Witt von der Berliner Charité oder Rainer Lüdtke von der Karl und Veronica Carstens-Stiftung besser erklären als ich. Lassen Sie es mich ganz platt ausdrücken: Eine über alle Fragestellungen hinweg betriebene pauschale Bevorzugung randomisierter klinischer Studien und das Ignorieren der bekannten Schwachstellen von RCTs lohnt sich im vorliegenden Fall dann, wenn ich das Ergebnis zulasten der Homöopathie „formen“ will.

Dieser Form der Ergebnis-Manipulation lohnt sich in einem politischen Kontext, wie jenem in Großbritannien, wenn konkurrierende Experten ausgebootet werden und Massenmedien (nicht Experten) die einzige Kontrollinstanz sind. Der typische Feld-Wald-und-Wiesen-Journalist kann die hier erläuterten Zusammenhänge mangels Know-how, Zeit und häufig auch mangels Motivation nicht nachvollziehen. Er ist tendenziell Experten-gläubig und lässt sich leicht von wissenschaftlich klingenden Begriffen einlullen.

Das ist zumindest meine Meinung.

Zu welchem Ergebnis kam der Schweizer HTA-Bericht zur Homöopoathie?

Claus Fritzsche: Das Fazit des Schweizer HTAs lautet:

„Die Wirksamkeit der Homöopathie kann unter Berücksichtigung von internen und externen Validitätskriterien als belegt gelten, die professionelle sachgerechte Anwendung als sicher. “
(Quelle: Forschende Komplementärmedizin 2006;13 (suppl 2):19–29)

Das Schweizer HTA lässt allerdings die Frage offen, warum dies so ist. Diese Frage ist nach wie vor Gegenstand von Forschungsarbeiten wie z. B. den Homeopathic Pathogenetic Trials von Harald Walach et al., die ich in meinem Blogbeitrag „Neues Studiendesign belegt spezifische Effekte“ vorgestellt habe. Die bisherigen Ergebnisse der kontrolliert und verblindet durchgeführten HAMP-Studien sind spektakulär und sprechen für spezifische Effekte der Homöopathie. In der öffentlichen Anhörung des britischen Unterhauses wurden sie in Form eines Memorandums von Walach und Lewith eingereicht … allerdings auch von jenem ominösen Mr. X, dem unbekannten Regieführer des britischen „Gutachtens“, ohne Angabe von Gründen übergangen. Aber wen wundert das schon. So geht Lobby … (lacht)

Herr Fritzsche, vielen Dank für dieses Gespräch. (heilpraxisnet.de, 02.03.2010)

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