Jodtabletten in Deutschland unangebracht

Sebastian

Jodtabletten in Deutschland unangebracht und gefährlich

18.03.2011

Aufgrund der havarierenden Kernkraftwerke im japanischen Fukushima erachten es viele Deutsche und Europäer als wichtig, sich vorbeugend mit Jod-Arzneimittel zu versorgen. Viele Menschen glauben, so ein mögliches Schilddrüsenkrebs-Risiko zu minimieren. Ärzte warnen eindringlich davor, die jodierten Mittel eigenmächtig einzunehmen. Eine unzweckmäßige Einnahme von Jodtabletten kann dem Körper einen gesundheitlichen Schaden zufügen. Es droht zum Beispiel eine Schilddrüsenüberfunktion.

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In einer aktuellen Verlautbarung warnt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit vor der prophylaktischen Einnahme von Jodtabletten. Die Arzneimittel sollten nur dann eingenommen werden, wenn eine behördliche Anordnung erfolgte. Eine Gefahr aufgrund radioaktiver Strahlen droht derzeit im europäischen Raum nicht.

Jobmedikamente schützen prophylaktisch vor radioaktivem Jod 131
In Japan wird in der Schutzzone um das radioaktiv verseuchte Atomkraftwerk von Fukushima den Menschen hochdosiertes Kaliumjodid verabreicht. Das Mittel soll erreichen, dass die Schilddrüse mit nicht-versuchtem Jod überschwemmt wird. Nimmt der Organismus radioaktives Jod auf, so wird das überschüssige Jod vom Körper ausgeschieden. Somit kann eine Kontaminierung des Körpers gemindert werden. Die Einnahme der Präparate wirkt allerdings nur, wenn zuvor noch kein kontaminiertes Jod durch die Atemluft oder Nahrung aufgenommen wurde. Zudem schützt die Einnahme auch nur vor der Speicherung des radioaktiven Jod 131. Der Organismus speichert das Jod der Tabletten und ignoriert im Anschluss das radioaktive Jod. Vor einer direkten Strahleneinwirkung in Form von Cäsium-137, Plutonium oder anderer Spaltprodukte wie Krypton oder Strontium können Jobmedikamente nichts ausrichten. Es wird lediglich die Gefahr eines Ausbruchs von Schilddrüsenkrebs gemindert, da sich die Partikel von Jod 131 direkt in der Schilddrüse festsetzen könnten. Zudem wird die Dosis je nach Alter, Gewicht und individueller Beschaffenheit verabreicht und wirkt lediglich ein paar Tage. Eine Einnahme in Eigenregie sei deshalb nicht nur gesundheitsgefährdend, sondern zu mindestens in Deutschland auch unnütz.

Einnahme in Eigenregie birgt gesundheitliche Risiken
Der Vorsitzende des Zentrums für Sozialpolitik an der Universität Bremen und Leiter der Arzneimittelbewertungen der „Stiftung Warentest“, Prof. Dr. Gerd Glaeske, warnte: "Vorbeugend wirkt das Arzneimittel nur wenige Stunden vor bis wenige Stunden nach einer Belastung mit radioaktiven Jod und zudem kann es schwere Erkrankungen der Schilddrüse verursachen." Haben Patienten das 45. Lebensjahr überschritten oder leiden an einer Jod-Allergie und Schilddrüsenüberfunktion, birgt die Einnahme eine besonders hohe Gesundheitsgefahr, so der Experte. Die vorbeugende Einnahme ist derzeit im Krisengebiet vor allem für Kinder bis zum 18. Lebensjahr wichtig, da bei Kindern der Jod-Stoffwechsel am höchsten ist.

Radioaktive Verseuchung in Deutschland derzeit ausgeschlossen
Das Bundesumweltministerium warnt daher eindringlich, auf die eigenmächtige Einnahme von Jod-Mitteln zu verzichten. Nach vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen droht in Deutschland keine atomare Strahlengefahr. Zum einen ist die Entfernung zu Japan (rund 8000 Kilometer) viel zu groß und zum anderen werden nach Angaben der Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ilse Eigner (CSU), eingeführte Lebensmittel aus Japan verstärkt auf Radioaktivität getestet. Zudem ist der Import durch die Umweltkatastrophe in Japan momentan stark begrenzt bzw. fast völlig zum Erliegen gekommen. Falls es dennoch erforderlich sein sollte, Jod-Mittel an die deutsche Bevölkerung zu verteilen, so habe man entsprechende Arzneimittel vorrätig, wie ein Sprecher des Bundesumweltministerium betonte.

Jodtabletten aus der Apotheke erbringen keinen Schutz
Die handelsüblichen Jobmedikamente in Apotheken reichen bei weitem nicht aus, um einen tatsächlichen Schutz zu gewährleisten. Ein Erwachsener müsste insgesamt 1300 Tabletten mit je 100 Mikrogramm verzehren, um einen Schutz vor Jod-131 zu gewährleisten. Hochdosierte und speziell konzipierte Jodtabletten werden demnach nur durch die Behörden verordnet und verteilt. Auf derzeit kurierende unseriöse Angebote im Internet sollten Verbraucher daher verzichten. Die Angebote spielen mit den Ängsten der Menschen und erbringen keinerlei gesundheitlichen Schutz. (sb)