Kinder: Ein Schlaganfall wird vielfach übersehen

Astrid Goldmayer

Ein Schlaganfall bei Kindern wird oft sehr spät diagnostiziert

05.05.2014

Der typische Schlaganfall-Patient ist um die 60 Jahre alt, hat viel beruflichen Stress und treibt wenig Sport. Dieses Bild haben viele Menschen in ihren Köpfen, wenn sie an die jährlich rund 280.000 Menschen in Deutschland denken, die einen Schlaganfall erleiden. Aber weit gefehlt. Auch Kinder können an Störungen der Blutversorgung im Gehirn leiden. Etwa 300 Kinder sind jedes Jahr betroffen und das häufig mit schweren Folgen, da selbst Ärzte bei Kindern oft nicht an die Möglichkeit eines Schlaganfalls denken. Die Folge sind späte Diagnosen, die den Behandlungserfolg deutlich reduzieren können.

Viele Kinder erleiden mehrere Schlaganfälle vor Diagnosestellung
Die Online-Ausgabe der „WAZ“ berichtete über den Fall der kleinen Lyn und sprach mit ihrer Mutter. Das siebenjährige Mädchen erlitt im Alter von einem Jahr drei Schlaganfälle. Mittlerweile benötigt das Kind keinen Rollstuhl mehr und trägt am linken Arm und dem linken Bein eine Schiene zur Stabilisierung der gelähmten Körperteile. Das Mädchen musste bereits rund 50 Behandlungen in mehr als 30 Kliniken über sich ergehen lassen. Wie bei vielen Kindern wurde auch bei Lyn erst spät die Schlaganfall-Diagnose gestellt. „Ihre Hand hatte sich damals komisch verkrampft. Im Krankenhaus haben sie uns wieder weggeschickt. Da wäre wohl am Handgelenk das Radiusköpfchen verrenkt, wurde uns gesagt" berichtet ihre Mutter Pea Hollender gegenüber der Zeitung.

Erst als das Mädchen zwei weitere Schlaganfälle erlitten habe, seien die Ärzte zu der Diagnose gekommen. „Medialer Hirninfarkt, ihre rechte Gehirnhälfte war schon komplett vernarbt." Ein großer Schock für die Eltern. „Bis Lyn viereinhalb Jahre alt war, konnte sie nicht laufen, konnte nicht sitzen, die Sprache war ganz weg", erzählt die Mutter. „Gegen die Krampfanfälle braucht Lyn lebenslang Medikamente, die Orthesen müssen regelmäßig angepasst werden. Das linke Bein wächst nicht richtig, letztes Jahr musste ihre Achillesferse operativ verlängert werden." Auch Lyns geistigen Entwicklung ist beeinträchtigt. „Sie lernt nicht so intensiv, ihre Sprache ist tagesformabhängig. Sie sieht schlechter." Aber das Kind ist auf einen sehr guten Weg. „Sie übertrifft momentan alle Prognosen. Mein größter Wunsch ist, dass sie ein selbstständiges Leben führen kann."

Eltern wie Pea Hollender wünschen sich mehr Unterstützung und Aufklärung. „Wir suchen uns alle Infos selbst zusammen", berichtet Lyns Mutter. „Vor Schulbeginn bekamen wir ein Schreiben mit Adressen von drei Sonderschulen. Wieder reines Schubladendenken, aber keine nützlichen Tipps." Hinzu komme, dass die Familie bei Ergo- oder Physiotherapie kräftig zuzahlen müsse, da die Krankenkasse nur Minimum der Behandlungen übernehme, die jedoch nicht ausreichten. „Und wir brauchen Aufklärung, damit Berührungsängste und Vorurteile abgebaut werden" fordert Pea Hollender.

Kinder sind viel seltener von Schlaganfällen betroffen als Erwachsene
In Deutschland erleiden jedes Jahr rund 300 Kinder einen Schlaganfall. Bei einem Drittel tritt die Durchblutungsstörung im Gehirn bereits im Mutterleib oder während der Geburt auf. Der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe zufolge könnte die Dunkelziffer aber höher liegen, denn nicht jeder Schlaganfall bei einem Kind wird auch diagnostiziert. Selbst Ärzten ist häufig nicht bewusst, dass auch Säuglinge und Kleinkinder einen Schlaganfall erleiden können. Denn Ihnen stehen etwa 280.000 Schlaganfälle bei älteren Menschen gegenüber. Dem Thema Schlaganfall beim Kind nimmt sich auch der Tag des Schlaganfalls am 10. Mai an.

„Fatal ist auch, dass sich Schlaganfälle mehrfach ereignen können, die Kleinen aber nicht in der Lage sind zu äußern, was ihnen fehlt", berichtet Experte Ronald Sträter vom Uniklinikum Münster gegenüber der Zeitung. „Das Dilemma ist, dass man den Kindern nach der Geburt den Schlaganfall nicht ansieht, weil sie meist nur unspezifische Symptome zeigen, etwas inaktiv sind, trinkschwach oder schlapper.“ Ungeborene mit einem Loch im Herzen und einer hohen Blutgerinnungsneigung bei Mutter und Kind haben ein erhöhtes Schlaganfall-Risiko. Welche Folgen die Durchblutungsstörung im Gehirn habe, hänge aber unter anderem davon ab, zu welchem Zeitpunkt der Schlaganfall auftrete – vor oder während der Geburt oder erst im Kindesalter, so Sträter.

In vielen Fällen stellten die Eltern in den ersten Lebensmonaten ihres Kindes fest, dass die Bewegungsfähigkeit der einen Körperhälfte besser sei als auf der anderen. Meist helfe dann Krankengymnastik, eine medikamentöse Therapie sei oft nicht erforderlich, berichtet der Experte. Viel schwerere Verläufe könnten jedoch bei Kindern auftreten, die jenseits des Säuglingsalter einen oder mehrere Schlaganfälle erlitten. Er rät Eltern beim geringsten Verdacht ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn es sei eine gründliche neurologische Untersuchung notwendig, um einen Schlaganfall ausschließen zu können. Kinder, die einen Schlaganfall erlitten haben, müssen Blutverdünner einnehmen, um weiteren Durchblutungsstörungen im Gehirn vorzubeugen.

Jugendmediziner Sträter hat eine Datenbank mit Einträgen von 1.000 kleinen Schlaganfall-Patienten angelegt. Er setzt sich für mehr Wissen und eine Optimalbehandlung ein. „Das kindliche Gehirn hat eine hohe Plastizität. Intakte Regionen im Gehirn können daher Funktionen geschädigter Areale zum Teil mit übernehmen", erläutert der Arzt. Deshalb kommt es immer wieder zu verblüffenden Fortschritten bei den kleinen Patienten, die selbst Mediziner überraschen. (ag)

Bild: Annamartha / pixelio.de