Magersucht: Hormon Oxytocin als Mittel der Wahl

Alfred Domke

„Kuschelhormon“ Oxytocin gegen Magersucht

15.03.2014

Britische und koreanische Forscher haben festgestellt, dass die Gabe des Hormons Oxytocin bei Magersucht-Patienten eine ungesunde Fixierung auf Essen und die Figur mildern kann. Der auch als „Kuschelhormon“ bezeichnete Botenstoff könnte künftig eine neue Behandlungsmethode für Magersucht bieten.

Magersucht gehört zu den häufigsten Essstörungen
In zwei Studien haben britische und südkoreanische Forscher festgestellt, dass die Gabe des Hormons Oxytocin bei Patienten mit Magersucht die Wahrnehmung von Essen, Körperform und Gesicht ändert. Die Magersucht (Anorexia nervosa) gehört zu den am häufigsten diagnostizierten Essstörungen. Sie ist zwar unter weiblichen Teenagern seltener als die Bulimie, zeigt aber nicht selten mit schweren körperlichen Komplikationen einen deutlich ungünstigeren Verlauf. Magersucht gehört zu den psychischen Erkrankungen, die auch zum Tode führen können, zum einen durch Komplikationen, die durch die geringe Nahrungsmenge hervorgerufen werden und zum anderen durch Selbstmord. Betroffene haben Probleme mit der Essensaufnahme und Körperform, es kommt zu Untergewicht. Aber auch soziale Schwierigkeiten wie Angstzustände und eine Sensibilität gegenüber negativen Emotionen belasten die Magersüchtigen.

Magersüchtige mit sozialen Problemen
„Patienten mit Anorexie haben eine Reihe von sozialen Problemen, die oft in den frühen Teenager-Jahren auftreten, noch bevor sich die Krankheit manifestiert. Diese sozialen Probleme, die zu Isolation führen, könnten wichtig für das Verständnis über Beginn und Aufrechterhaltung von Anorexie sein. Durch die Gabe von Oxytocin als potenzielle Behandlung für Anorexie konzentrieren wir uns auf einige dieser zugrundeliegenden Probleme“, erklärte die Studienautorin Janet Treasure vom King’s College London. Magersüchtige Menschen, die häufig Probleme haben, andere an sich heranzulassen und intensive Bindungen einzugehen, könnte eventuell mit dem auch als „Kuschelhormon“ bekanntem Botenstoff Oxytocin geholfen werden. Zu diesem Schluss kommen zwei Studien zum Thema, die jüngst im Fachmagazin „PLOS ONE“ und aktuell in „Psychoneuroendocrinology“ erschienen sind. Die Forscher aus London und Seoul verglichen eine Gruppe von 31 Magersucht-Patienten mit 33 Probanden, die unter keiner Essstörung litten. Manche der Probanden bekamen jeweils ein Oxytocin-Nasenspray und andere erhielten ein Placebo.

Bahnbrechende Behandlungsmethode
Das Hormon führte bei magersüchtigen Teilnehmern dazu, dass sie weniger auf Fotos von hochkalorischem Essen und fettleibigen Körpern achteten. Dass auch die Empfindlichkeit gegenüber wütenden oder angewiderten Gesichtern abnahm, stellte sich in einem zweiten Test heraus. Co-Autorin Youl-Ri Kim von der Inje University in Seoul erklärte: „Unsere Untersuchungen zeigen, dass Oxytocin die unbewussten Tendenzen der Patienten reduziert, sich auf Essen, Körperform und negative Emotionen wie Ekel zu konzentrieren. Derzeit gibt es einen Mangel an effektiven pharmakologischen Behandlungen für Anorexia nervosa. Unsere Untersuchungen fügen wichtige Hinweise zur wachsenden Literatur über Oxytocin-Behandlungen für psychische Krankheiten hinzu, und deuten den Beginn einer neuen, bahnbrechenden Behandlungsmethode für Magersucht-Patienten an.“

Forschung noch in einem frühen Stadium
Die Forscherin Janet Treasure sagte: „Unsere Forschung ist noch in einem frühen Stadium mit wenigen Probanden.“ Es sei dennoch „überaus aufregend“, sich das Potenzial der Magersucht-Behandlung mit Oxytocin auszumalen. Das Hormon wird natürlicherweise beispielsweise beim Stillen oder beim Sex ausgeschüttet. In früheren Studien erwies sich der Bindungs-Botenstoff bereits als Verstärker des Placebo-Effekts in der Schmerztherapie, der Treue bei Männern und des Abnehmerfolgs bei Nicht-Magersüchtigen. Oxytocin wird zudem als potentielles Therapeutikum anderer psychischer Leiden erforscht. Schätzungsweise betrifft Magersucht knapp ein Prozent der Mädchen aber auch immer mehr Jungen und Männer sind betroffen. Am häufigsten beginnt die Erkrankung im Teenager-Alter. (ad)

Bild: Claudia Hautumm / pixelio.de