Mit eigener Gesundheitskompetenz chronischen Schmerzen begegnen

Volker Blasek

Studie zeigt die Einflüsse von Selbstmanagement auf chronische Schmerzen

Schon Goethe erkannte: „Unter Gesundheit verstehe ich nicht Freisein von Beeinträchtigungen, sondern die Kraft, mit ihnen zu leben“. Laut einer im Herbst 2017 veröffentlichten Studie der Medizinischen Universität Wien leiden 25 Prozent aller Menschen in Österreich unter chronischen Schmerzen. Auch der Arztreport 2016 der Barmer Krankenkasse hat auf einen kontinuierlichen Anstieg der Patienten mit chronischen Schmerzen in Deutschland hingewiesen. Eine neue Studie aus Wien zeigt, wie sich die eigene Gesundheitskompetenz positiv auf die empfundene Schmerzintensität auswirken kann.

Das Forscherteam um Thomas Dorner vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien hat untersucht, inwieweit sich ein ganzheitliches Selbstmanagement des Patienten auf die chronischen Schmerzen auswirkt. Die Ergebnisse waren eindeutig: Ein höheres Maß an Gesundheitskompetenz steht demnach mit einem positiveren Verlauf der chronischen Schmerzen in Zusammenhang. Als Gesundheitskompetenz wird die Fähigkeit einer Person bezeichnet, sowohl im persönlichen Bereich, als auch mit medizinischer Unterstützung gesundheitsbezogene Informationen und Angebote zu finden, zu verarbeiten und zu nutzen. Die Ergebnisse der Studie wurden in der „Wiener klinischen Wochenschrift“ veröffentlicht.

Ein gutes Selbstmanagement bei chronischen Schmerzen kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. (Bild: Prostock-studio/fotolia.com)

Selbst ist der Mensch mit chronischem Schmerz

Laut Dorner ist ein höheres Maß an eigener Gesundheitskompetenz bei Patienten mit chronischen Schmerzen mit einer geringeren Behinderung durch die Schmerzen verbunden. „Die Erhöhung der Gesundheitskompetenz in der Gesamtbevölkerung ist ein starkes Instrument, das in der Lage ist, chronischen Schmerzen vorzubeugen,“ erläutert Dorner in einer Pressenachricht der Universität zu den Studienergebnissen. Die Schmerzintensität und die Einschränkungen der Lebensqualität können reduziert und unnötige medizinische Maßnahmen aufgrund von Schmerzen vermieden werden. Dazu zähle auch, soziale Kontakte zu pflegen, um nicht in der Isolation zu landen. Die Erschließung von psychischen Bewältigungsressourcen sei ebenfalls förderlich zur Schmerzbewältigung.

Chronischer Schmerz ist komplex

Die Behandlung von chronischen Schmerzen ist nicht nur auf den Schmerz beschränkt. Laut den Medizinern ist chronischer Schmerz komplex und umfasst biologische, psychologische und soziale Aspekte. Depressionen, Schlafstörungen, Beeinträchtigungen im Sexualleben und andere Konsequenzen im Privat- und Arbeitsleben sind häufige Begleiterscheinungen chronischer Schmerzen.

Die nach unten drehende Spirale des Schmerzes

„Viele Menschen mit chronischen Schmerzen suchen keine professionelle Hilfe und verfügen auch nicht über nötige Kompetenzen im Selbstmanagement“, erklärt Dorner. Damit beginne eine sich nach unten drehende, dramatische Spirale. Der Betroffene gehe ohne Therapie mit Schmerzen in die Arbeit, mache Fehler und könne nicht mehr richtig arbeiten. Als Konsequenz verliere er den Job, die zumeist damit verbundenen sozialen Kontakte und sein Selbstwertgefühl. Es folge die totale Isolation. All diese Probleme würden die chronischen Schmerzen noch zusätzlich verstärken.

Mehr Management als Heilung

Dorner betont, dass viele der zusätzlichen Einschränkungen, die chronische Schmerzen mit sich bringen, mehr „gemanagt“ als geheilt werden müssen. „Chronische Schmerzen erfordern daher oft eine patientenzentrierte, personalisierte, integrierte Versorgung mit multiprofessionellen Teams, in denen der Patient und nicht die Krankheit im Fokus der Behandlung steht“, fasst Dorner zusammen. Auch der Patient selbst könne mit Hilfe eines perfektem Selbstmanagements ein gleichwertiger Teil dieses Teams sein. (vb)