Mit Hartz IV Kürzungen gegen Übergewicht vorgehen?

Sebastian

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus fordert "in letzter Instanz" auch Kürzungen beim Kindergeld oder Hartz IV vorzunehmen, falls Beratungen und Aufklärungen nicht fruchten.

(04.06.2010) Empörungen hat der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus bei Hartz-IV Initiativen ausgelöst. Um gegen das Übergewicht von Kinder vorzugehen, schlägt der Lehrer Verbandschef "in letzter Instanz" auch Kürzungen beim Kindergeld und den Hartz IV Regelsätzen vor. So sagte Kraus gegenüber der Bild Online: "Gesundheitliche Vernachlässigung bis hin zur Verwahrlosung ist ein Vergehen. Wenn sich Eltern nicht um gesunde Ernährung und genügend Bewegung ihrer Kinder kümmern, ist das im Extremfall der Einstieg in Kindesmisshandlung." Falls die Eltern auf die Hinweise der Ärzte nichts unternehmen, solle auch das Jugendamt informiert werden. In letzter Instanz sollten auch das Kindergeld und die Hartz-IV Bezüge gekürzt werden, so Kraus. Ferner sollten "regelmäßige Pflichtberatungen mit Gewichtskontrolle" durch Ärzte in Schulen durch geführt werden.

Das "Erwerbslosen Forum Deutschland" kritisierte die Äußerungen des Lehrerverbandschef scharf und fordert gar einen Rücktritt. So sagte Martin Behrsing: "Wir werfen Josef Kraus sogar vor, sich in die Nähe eines gefährlichen Sozialrassismus und schwarzer Pädagogik zu begeben. Er fordert nichts anderes, als dass bei armen Menschen Probleme des Übergewichts durch aushungern bestraft wird." Behrsing fügte hinzu: "Ein Rücktritt von Kraus ist aus unserer Sicht das Mindeste".

Mehr zum Thema:

Auch die Hartz IV kritische Initiative "gegen-hartz.de" sieht in den Äußerungen von Kraus, Diffamierungen gegenüber der Eltern im Hartz-IV Bezug. So sei der zu niedrig angesetzte Regelsatz für Kinder schuld an der Mangelernährung. Gerade einmal 215 Euro pro Monat stehen den Kindern zur Verfügung. "Eine gesunde Ernährung ist heute eng mit dem Wohlstand der Eltern verknüpft. Kinder erhalten nur 60 Prozent des Hartz IV Regelsatzes der Eltern. Das sind gerade einmal 215 Euro im Monat", so Sebastian Bertram von "gegen-hartz.de".

Die Kritik der beiden Initiativen ist nicht ganz unbegründet. Kostengünstige Lebensmittel sind oftmals mit künstlichen Aromen und Zusatzstoffen verarbeitet. Gerade Geringverdiener sind auf die billige Fertigprodukte angewiesen. Durch die ständige Zufuhr von künstlich hergestellten Aromastoffen verliert der Konsument die Kontrolle über sein Ess-Empfinden. Die Folge: Man braucht immer mehr und in stärkeren Konzentrationen, ein natürliches Geschmacksemfinden geht dadurch fast gänzlich verloren. Ohne es bewußt zu bemerken, wird man zum "Aroma-Abhängigen". Die Ernährungswissenschaft erklärt wie folgt diesen Zusammenhang: Die Aromen tricksen quasi den Körper aus. Wenn beispielsweise Aromen künstliche Geschmacksstoffe vom Rind signalisieren, geht der menschliche Organismus davon aus, dass der Konsument auch tatsächlich Rindfleisch isst. Als Folge werden Verdauungsdrüsen aktiviert, die das ganze System darauf einstellen, Rind zu verarbeiten. Doch anstatt Rindfleisch zu essen, nimmt man nur künstliche Aromen zu sich. Der Körper wird dadurch betrogen und verlangt nach noch mehr Essen. Als Konsequenz tritt das paradoxe Zivilisationsphänomen auf, Menschen werden gleichzeitig übergewichtig und sind dennoch mangelernährt. (sb)