Mit Hörgeräten gegen Legasthenie

Fabian Peters

Hörgeräte helfen Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche

04.09.2012

Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche können erheblich von einem Hörgerät profitieren, so das Ergebnis einer Studie des Forscherteams um Jane Hornickel vom Institut für Kommunikationswissenschaft und -störungen der Northwestern University in Evanston (Illinois, USA). Durch die Hörhilfe wurde die Ursache der Legasthenie – nämlich die unpräzise Wahrnehmung bestimmter Laute – behoben, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciencces“ (PNAS).

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Seit längerem ist bekannt, dass Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche im Vergleich zu ihren Altersgenossen „oft eine erhöhte Variabilität in den sensorischen und kognitiven Aspekte des Hörens“ aufweisen, schreiben Hornickel und Kollegen. Diese Schwankungen der auditiven Verarbeitung äußern sich zum Beispiel in Schwierigkeiten bei der Unterscheidung bestimmter Laute. Da die Kinder die Laute nicht eindeutig differenzieren können, fällt es ihnen auch deutlich schwerer diese mit bestimmten Buchstaben zu verbinden. Die US-Forscher kamen daher auf die Idee, die akustische Wahrnehmung der betroffenen Kinder mit Hilfe von Hörgeräten zu verbessern, um so ihre Lese-Rechtschreib-Schwäche zu beheben.

Schwankungen in der auditiven Verarbeitung Ursache der Legasthenie?
Die Variabilität in der auditiven Verarbeitung hat zur Folge, dass Legastheniker ähnlich klingende Konsonanten beziehungsweise Wörter nur schwer unterscheiden können. Darüber hinaus werden Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche in ihrer akustischen Wahrnehmung durch Störgeräusche wie beispielsweise den Lärm im Klassenzimmer verstärkt beeinträchtigt. Die Forscher testeten daher den Einsatz eines speziell für den Klassenunterricht konzipierten Hörgerätes, das die Stimme des mit Mikrofon ausgestatteten Lehrers gezielt verstärkt und so besser wahrnehmbar macht. „Wir wollten wissen, ob speziell für den Schulunterricht konzipierte Hörhilfen legasthenischen Kindern helfen können", erläuterten die US-Forscher. Ein Jahr lang trugen die Kinder, welche allesamt auf private Schulen speziell für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche gehen, die Hörhilfe im Ohr. Die 38 Studienteilnehmer befanden sich im Alter zwischen acht und 14 Jahren. Vor Beginn des Versuchszeitraums hatten die Forscher die Lesefähigkeit der Kinder und die Aktivität im Hörzentrum des Gehirns der Probanden gemessen. Die Kinder zeigten, wie erwartet, eine erhöhte „Variabilität der subkortikalen Antworten“ insbesondere bei der Verarbeitung von Konsonanten, ihre grundsätzliche Hörfähigkeit war jedoch völlig normal, berichten die US-Wissenschaftler im Fachjournal „PNAS“.

Hörgeräte lindern die Lese-Rechtschreib-Schwäche
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Durch das Tragen der Hörhilfe konnten die Schüler die Lehrer trotz ablenkender Störgeräusche laut und deutlich hören, was eine positive Wirkung auf ihre Lese-Rechtschreib-Schwäche hatte", schreiben Hornickel und Kollegen. Auch seien die Schwankungen in der auditiven Verarbeitung zurückgegangen, so die US-Forscher weiter. Das Hörzentrum habe nach dem Tragen des Hörgerätes „wesentlich konsistenter und genauer reagiert als noch ein Jahr zuvor“, schreiben die Wissenschaftler. Die Kontrollgruppe – ebenfalls Schüler der Privatschulen für Legastheniker – zeigte laut Aussage der Forscher keine Ansätze einer vergleichbaren Entwicklung. Das Team um Jane Hornickel kommt zu dem Schluss, dass „Hörhilfen die neuronale Repräsentation von Sprache und die Auswirkungen auf die Lese-Kompetenzen durch die erhöhte akustische Klarheit und Aufmerksamkeit, sowie die Verringerung der Schwankungen in der auditiven Verarbeitung verbessern.“ Ein positiver Nebeneffekt sei zudem, dass die Kinder insgesamt deutlich besser dem Unterricht folgen und lernen konnten. (fp)