Studien: Motiviert Bestrafung mehr als Belohnung?

Fabian Peters
Bestrafung und Belohnung bestimmen maßgeblich unser Verhalten
Lernprozesse sind wesentlich durch Effekte der Belohnung und Bestrafung geprägt, doch bleibt bis heute unklar, ob negatives Feedback oder positives Feedback eine größere Wirkung entfaltet. Wissenschaftler der Washington University haben nun in dem Fachmagazin „Cognition“ eine Studie veröffentlicht, die einen direkteren Effekt bei Bestrafung feststellt., jedoch zugleich zu dem Schluss kommt, dass der Effekt nicht mit der Höhe der Strafe zusammenhänge.

Eines der bekanntesten Videos zum Thema Belohnung und Bestrafung, wurde vom „TED Blog“ veröffentlicht und zeigt zwei Kapuzineraffen, die nebeneinander in ihren Käfigen sitzen. In dem Versuch des niederländischen Primatologen Frans de Waal werden die Äffchen dazu animiert, Steine durch Löcher in der durchsichtigen Frontscheibe nach außen zu reichen. Hierfür erhalten sie von der Forscherin Dr. Sarah Brosnan eine Belohnung.

Belohnung ist nicht gleich Belohnung
In dem Versuch bekommt der erste Kapuzineraffe eine Scheibe Gurke, nachdem er erfolgreich die Aufgabenstellung gemeistert hat – und er zeigt sich darüber hoch erfreut. Der zweite Affe löst die Aufgabe ebenso schnell, doch greift die Forscherin in ein anderes Glas und reicht ihm eine Traube, was von dem ersten Äffchen aufmerksam beobachtet wird. Schnell bereitet er sich auf die erneute Aufgabenlösung vor und reicht den Stein durch das Loch, in der Hoffnung auf die süßen Weintrauben. Die Forscherin greift jedoch wieder in das Gurkenglas und reicht dem Äffchen eine Scheibe, woraufhin dieser die Gurke nach Dr. Brosnan wirft und sich wütend, an dem Käfig schüttelnd, über die Ungerechtigkeit beschwert. Hier wird deutlich, das Belohnung nicht gleich Belohnung ist. Dem Äffchen kommt die ursprünglich freudig angenommene Belohnung in anderem Kontext offensichtlich wie eine Bestrafung vor.

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Verhaltensfaktoren untersucht
Die Wissenschaftler um Jan Kubanek von der Washington University sind in ihrer aktuellen Studie nun der Frage nachgegangen, „ob die Belohnung und Bestrafung als entgegengesetzte Komponenten eines Verhaltensfaktors wirken oder ob diese beiden Arten von Ergebnissen grundsätzlich unterschiedliche Rollen in Bezug auf das Verhalten spielen.“ Sie ließen Probanden auf einem Rechner eine Vielzahl schnell aufblitzender Lichter beobachten und abschätzen, auf welcher Seite des Monitors mehr Lichter auftauchten, berichtet die „Berliner Morgenpost“ von den Studien der US-Forscher. Jede richtige Schätzung sei mit einem zufällig gewählten Betrag zwischen fünf und 25 Cent belohnt worden und bei jeder falschen Schätzung wurde den Teilnehmenden ein zufällig gewählter Betrag zwischen fünf und 25 Cent wieder abgezogen.

Bestrafung führt direkt zur Verhaltensänderung
Eine richtige Schätzung habe zur Folge gehabt, dass die Betroffenen vermehrt ihre bisherige Wahl wiederholten, wobei die Wahrscheinlichkeit mit der Höhe der Belohnung skalierte, schreiben die Forscher in dem Fachmagazin „Cognition“. Bei einer Bestrafung hätten die Betroffenen jedoch umgehend ihre Strategie geändert, unabhängig davon, wie hoch der Verlust ausfiel. Im Rahmen der Studie sei der Einfluss, den ein Geldverlust auf das Verhalten hatte, verglichen mit dem des Geldgewinns, bis zu dreimal größer ausgefallen, so die „Berliner Morgenpost“. Studienleiter Jan Kubanek wird von der Zeitung mit der Aussage zitiert, dass „negatives Feedback also effektiver als positives Feedback (ist), wenn es darum geht, Verhalten zu ändern.“ Da die Höhe der Belohnungen offensichtlich stark mit dem Verhalten korrelierte, die Höhe der Bestrafung jedoch keinen weiteren Einfluss hatte, kommen die Wissenschaftler des Weiteren zu dem Schluss, dass Belohnungen und Bestrafung zwei grundsätzlich unterschiedliche Verhaltensfaktoren bilden und nicht einen Faktor in unterschiedlicher Gewichtung.

Lernprozesse funktionieren mit Strafen und Belohnungen
Dass die Bestrafung unmittelbar eine Verhaltensänderung zur Folge hatte, unabhängig von ihrer Höhe, lässt sich nach Ansicht der Forscher möglicherweise damit erklären, dass die Bestrafungen evolutionär gesehen oft mit schwerwiegenden, teils lebensbedrohlichen Konsequenzen verbunden war, berichtet die „Berliner Morgenpost“. Zudem sei vor zwei Jahren bereits ein anderes US-Forscherteam zu der Vermutung gekommen, dass die reine Verlustangst hier eine wesentliche Rolle spiele. So habe in einer anderen Untersuchung der erwartete Verlust von Geld stärker dazu motiviert, komplizierte Anagramme zu lösen, als die Erwartung auf einen Gewinn nach Abschluss der Aufgabe. Grundsätzliche seien jedoch sowohl Belohnung, als auch Bestrafung zur Motivation geeignet. Dies habe die Studie des US-Psychologen Burrhus Frederic Skinner bereits 1930 gezeigt. Dieser hatte hungrige Tauben in eine Kiste gesetzt und beobachtete wie langen sie brauchten, um zu lernen, dass sie mit der Betätigung eines Hebels an Futter gelangen konnten. Durch die zufällige Betätigung des Hebels beim Picken wurde Futter freigegeben, wodurch sie animiert wurden sich erneut die Belohnung zu verdienen. Mit der Zeit hatten sie den Effekt begriffen und konnten sich gezielt mit Futter versorgen. Drehten der Forscher den Effekt jedoch um und verweigerten den Vögeln nach Betätigung des Hebels für längere Zeit das Futter, so unterließen die Tauben schon bald wieder die Betätigung der Hebel.

Gegenteilige Wirkung möglich
Seither ist klar, dass Lernprozesse durch Belohnung und Bestrafung maßgeblich beeinflusst werden, doch bleibt offen, wann eher Belohnungen und wann Strafen angebracht sind. Zudem herrscht Unsicherheit über die richtige Höhe von Bestrafungen und Belohnungen. Viele Untersuchungen hätten mittlerweile bestätigt, dass unter bestimmten Voraussetzungen mitunter genau das Gegenteil von dem bewirkt werde, was eigentlich erreicht werden sollte, berichtet die „Berliner Morgenpost“. So seien Forscher in Israel zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Geldstrafe für Eltern, die ihre Kinder nicht pünktlich aus der Kita abholen, nur vermehrte Unpünktlichkeit bewirke. Die Eltern hätten sich durch die Zahlung der Strafe von der sozialen Norm zur Pünktlichkeit befreit gefühlt und seien noch später als zuvor erschienen.

Belohnungen können die Eigenmotivation beeinträchtigen
Bei Belohnungen lässt sich mitunter ebenfalls ein negative Wirkung feststellen, insbesondere wenn Verhalten belohnt wird, das aus intrinsischer Motivation – also aus eigenem Antrieb – ohnehin an den Tag gelegt wird, so die „Berliner Morgenpost“. Studien an Kindern hätten zum Beispiel gezeigt, dass sie die Lust am Puzzeln verlieren, wenn man sie mit Süßigkeiten dafür belohnt. Durch die Belohnung gehe die Eigenmotivation verloren. Belohnungen seien hier nur sinnvoll, wenn nicht das Puzzeln an sich, sondern die Leistung – wie beispielsweise die Geschwindigkeit beim Puzzeln oder die Anzahl fertiggestellter Puzzle – belohnt werde.

Milde Strafen mit positivem Effekt auf die intrinsischen Motivation
Belohnung und Bestrafung bilden von sich aus eine extrinsische Motivation, wobei allerdings mit ihrer Hilfe durchaus auch eine intrinsische Motivation erzielt werden kann. Dies verdeutlicht eine weitere US-Studie, in der Probanden zunächst ein langweiliges Experiment absolvierten, das sie anschließend dem nächsten Probanden als aufregend verkaufen sollten, so die „Berliner Morgenpost“. Hierfür erhielten sie entweder einen oder 20 US-Dollar Belohnung. Nach Erhalt der Belohnung wurden die Teilnehmenden erneut befragt, wie sie das Experiment bewerten. Jene, die viel Geld für ihre Lüge bekommen hatten, erklärten vermehrt, dass das Experiment tatsächlich äußerst langweilig gewesen sei, während die Teilnehmer mit geringem Lohn, ihre Meinung häufig änderten und das Experiment als weniger langweilig bewerteten, berichtet die „Berliner Morgenpost“. Da sie eine derart geringe Belohnung für ihre Lüge erhielten, habe der Lohn nicht zur Rechtfertigung für die Teilnahme gedient und sie passten nachträglich ihre Einstellung dem eigenen Verhalten an.

Weiterhin bleibt bezüglich des Effektes von Belohnungen und Bestrafungen auf das Verhalten auch nach der aktuellen Studie aus Washington das meiste unklar, doch insbesondere der fehlende Zusammenhang zwischen der Höhe einer Strafe und der Verhaltensänderung bietet viele Ansatzpunkte für weitere Forschungen. Klar ist lediglich, dass zahlreiche Faktoren hier eine maßgebliche Rolle spielen und dabei auch die Relation zu den Belohnungen beziehungsweise Strafen anderer von wesentlicher Bedeutung ist. (fp)

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