Mutierte Schmetterlinge in Fukushima

Fabian Peters

Missbildungen bei Schmetterlingen nach der Atomkatastrophe von Fukushima

15.08.2012

Japanische Wissenschaftler der Ryukyu-Universität in Okinawa haben bei Schmetterlingen nach der Atomkatastrophe in Fukushima eine Häufung von Missbildungen festgestellt. Knapp anderthalb Jahre nach der Kernschmelze weisen heute mehr als die Hälfte der Schmetterlinge aus der Region Mutationen wie deformierte Flügel oder Augen auf.

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Die Kernschmelze in Fukushima und die hiermit verbundene Freisetzung von Radioaktivität werden vermutlich noch über Generationen die Bevölkerung vor Ort belasten. Denn radioaktive Strahlung schädigt das Erbgut und entsprechend steigt die Wahrscheinlichkeit von Mutationen.

Japanische Wissenschaftler der Universität von Ryukyu in Okinawa haben nun bei Schmetterlingen aus der Umgebung des Atomkraftwerks in Fukushima eine Häufung von Missbildungen festgestellt – nicht nur in der ersten Generation, sondern auch in der zweiten und dritten. Knapp anderthalb Jahre nach der Atomkatastrophe weisen heute mehr als die Hälfte der Schmetterlinge aus der Region um Fukushima Mutationen wie deformierte Flügel oder Augen auf. Zwar sind die Ergebnisse nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar, doch als Hinweis auf das Risiko von Missbildungen in kommenden Generationen sollten sie durchaus ernst genommen werden.

Missbildungen steigen nach der Atomkatastrophe von Generation zu Generation
Im Rahmen ihrer Studie untersuchten die Forscher, wie häufig bei Schmetterlingen aus der Familie der Bläulinge Missbildungen auftraten, wenn sie im Larven-Stadium der erhöhten Radioaktivität in Fukushima ausgesetzt waren. Von den 144 eingesammelten Schmetterlingen zeigten demnach zwölf Prozent schwere Missbildungen, wie zu kleine Flügel oder deformierte Augen. Anschließend züchteten die Forscher aus den Schmetterlingen im Labor eine zweite und dritte Generation, wobei in der zweiten Generation 18 Prozent der Nachkommen Mutationen zeigten und in der dritten Generation sogar ganze 34 Prozent. Und dies, obwohl die Insekten im Labor – anders als im natürlichen Umfeld von Fukushima – keiner weiteren Strahlenbelastung ausgesetzt waren und zudem jeweils ein Elternteil aus einer anderen Population stammte. Bei 240 Bläulingen, die sechs Monate nach der Atomkatastrophe von Fukushima in der Region gefangen wurden, stellten die Forscher einen Anteil von 52 Prozent der Nachkommen mit Missbildungen fest.

Langfristige Auswirkungen der Kernschmelze von Fukushima
Damit scheinen die langfristigen Auswirkungen der radioaktiven Strahlungen auf die Population der Schmetterlinge weit gravierender, als die kurzfristigen Effekte in der unmittelbar betroffenen Generation. Übertragen auf den Menschen würde dies bedeuten, dass erst die Kinder, Enkel und Urenkel der heutigen Bevölkerung die tatsächlichen Konsequenzen der Atomkatastrophe von Fukushima zu spüren bekommen. Wie Joji Otaki von der University of the Ryukyus in dem Online-Fachmagazin „Scientific Reports“ berichtet, gehen die Forscher davon aus, „dass künstliche Radionuklide aus dem Kernkraftwerk Fukushima die physiologischen und genetischen Schäden“ bei den Schmetterlingen verursacht haben. Daher bestehe ernster Grund zur Besorgnis über die Einflüsse der Strahlung „auf lebende Organismen, die letztlich langfristig zur Zerstörung von Ökosystemen und zur Verbreitung chronischer Krankheiten“ führen könne. Zwar seien die unmittelbaren Folgen extrem hoher Strahlenbelastungen wie in Tschernobyl oder nach den Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki durchaus bekannt (zum Beispiel Zunahme der Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen), doch „die Effekte von niedrig dosierter Strahlenbelastung auf Lebewesen, einschließlich Menschen, ist noch umstritten“; berichten die japanischen Wissenschaftler. Darüber hinaus sei eine ihrer größten Sorgen die mögliche Vererbung der negativen Auswirkungen der Strahlenbelastung.

Weitere Studien erforderlich, um das Ausmaß der Atomkatastrophe zu erfassen
Bezüglich der Schmetterlinge haben die Forscher nun eindeutig belegt, dass von der freigesetzten Radioaktivität in Fukushima eine Schädigung des Erbgutes der Insekten ausging und sich diese in vermehrten Missbildungen bei den kommenden Generationen widerspiegelt. Doch lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf den Menschen oder andere Tierarten übertragen, weshalb dringend weitere Studien erforderlich seien, um dass volle Ausmaß der Atomkatastrophe von Fukushima zu erfassen, erläuterte Joji Otaki. Die nach dem Erdbeben und der hiermit verbundenen Flutwelle (Tsunami) im März 2011 ausgelöste Kernschmelze von drei Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima, war neben Tschernobyl (1986) die bisher schwerste Atomkatastrophe. Erst Tage nach der eigentlichen Kernschmelze erfolgte die Evakuierung, entsprechend viele Personen wurden einer massiven Strahlenbelastung ausgesetzt. Welche Folgen dies künftig für die Gesundheit der Bevölkerung hat, wird vermutlich erst in Jahren beziehungsweise Jahrzehnten erkennbar werden. (fp)