Neue Studie: Jedes vierte Kind in Bayern mit psychischen Problemen

Eine neuer Bericht zeigt: Die Zahl der Behandlungen aufgrund psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen ist in Bayern stark angestiegen. (Bild: pololia/fotolia.com)
Nina Reese
Neuer Bericht zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen
Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml hat am Mittwoch in München den ersten Bericht zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen im Freistaat vorgestellt. Demnach ist jeder vierte Heranwachsende in Bayern von psychischen Problemen betroffen, allein bei mehr als 80.000 Kindern wurde im Jahr 2014 ADHS diagnostiziert. Der Anstieg der Behandlungen stehe laut Huml auch im Zusammenhang mit einem veränderten Bewusstsein und ausgeweiteten Behandlungsangeboten.

Umfassende Informationen zur psychischen Gesundheit junger Menschen
In München wurde am Mittwoch die erste Dokumentation zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen vorgestellt, in welcher erstmalig die häufigsten Krankheitsbilder beleuchtet und umfangreiches Datenmaterial aus verschiedenen Quellen gebündelt wurde. Ein laut dem Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege bundesweit bislang einzigartiger Bericht, der auch Informationen zu den lokalen Beratungs- und Betreuungsangeboten für Betroffene enthalte und zudem besonders hilfebedürftige Risikogruppen in den Blick nehme. „Wir haben jetzt eine umfassende Informationsgrundlage zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Bayern“, sagte Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml laut einer Mitteilung des Ministeriums.

Eine neuer Bericht zeigt: Die Zahl der Behandlungen aufgrund psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen ist in Bayern stark angestiegen. (Bild: pololia/fotolia.com)
Eine neuer Bericht zeigt: Die Zahl der Behandlungen aufgrund psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen ist in Bayern stark angestiegen. (Bild: pololia/fotolia.com)

Psychische Erkrankungen dürfen nicht tabuisiert werden
Dies sei auch das Schwerpunktthema der Gesundheitspolitik in diesem Jahr, so die Ministerin weiter. Ziel sei es, zu erreichen, dass Betroffenen frühzeitig geholfen werde, „deshalb dürfen psychische Krankheiten kein Tabu sein“, betonte Melanie Huml anlässlich der Vorstellung des Berichts. Dieser beinhaltet unter anderem Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), wonach im zweiten Halbjahr 2014 für etwa 470.000 Kinder und Jugendliche landesweit die Diagnose einer psychischen Störung vorlag. Dies sind umgerechnet ein Viertel der jungen Menschen unter 18 Jahren in Bayern. Die Daten gelten dabei für die etwa 90 Prozent der Heranwachsenden im Freistaat, die in der Gesetzlichen Krankenversicherung sind, so die Information des Ministeriums.

Diese „Störungen“ seien jedoch nicht immer dramatisch, betonte Huml gegenüber der „dpa“. Denn hierzu würden auch Entwicklungsstörungen wie z.B. Beeinträchtigungen des Sprechens und der Sprache oder Lern- und Leseschwächen gezählt. Oft bräuchten die Betroffenen dementsprechend „einfach nur Unterstützung“, so die Politikerin. Die Debatte darüber, was „normal“ ist und wo eine psychische Störung beginnt, werde in der Öffentlichkeit allerdings oft sehr emotional ausgetragen. Daher solle der Bericht auch zur Versachlichung der Diskussion beitragen, erklärte Huml weiter.

Kleinkinder oft von Entwicklungsstörungen betroffen
Wie der Bericht aufzeigt, stellen Entwicklungsstörungen bei den Klein- und Vorschulkindern die häufigste Diagnose dar. Im Alter zwischen 7 und 14 Jahren würden Verhaltensstörungen und emotionale Störungen immer bedeutsamer, wobei die so genannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gut die Hälfte die Hälfte der Fälle ausmacht. Insgesamt waren 2014 demnach mehr als 80.000 Heranwachsende in Bayern davon betroffen, Jungen dreimal so häufig wie Mädchen. Eine Häufung von Diagnosen und Verordnungen zeigte sich dabei im regionalen Vergleich in Würzburg. Dies könne den Autoren nach „einerseits bedeuten, dass ein bestehender Versorgungsbedarf besser erfüllt wird als in anderen Regionen“. Andererseits könne die Häufung aber auch darauf hinweisen, dass in der Region das Vorliegen einer Störung und deren Behandlung ärztlich anders beurteilt werde.

Im Alter zwischen 15 und einschließlich 17 Jahren kommen auch Depressionen hinzu. Gut 14.000 junge Menschen hatten 2014 diese Diagnose, welche in der Hälfte der Fälle vom Kinderarzt oder Hausarzt gestellt wurde, so das Ergebnis der Studie. Gut 3.000 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren mussten demnach infolge einer Depression stationär behandelt werden. Etwa 10.500 Heranwachsende wurden aufgrund einer Essstörung behandelt, wobei in rund 1000 Fällen auch hier ein stationärer Aufenthalt notwendig wurde. Von diesem Störungsbild seien dem Bericht nach vor allem Mädchen betroffen, von denen sich schon ab einem Alter von 13 Jahren fast die Hälfte etwas oder sogar viel zu dick fühle.

Jugendliche rauchen und trinken weniger
Deutlich zurück gegangen ist in den letzten Jahren hingegen übermäßiger Alkoholkonsum bei Jugendlichen. So hat sich dem Bericht zufolge die Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund einer Alkoholvergiftung reduziert, zudem steigt der Anteil abstinenter Heranwachsnder. Gleichwohl haben demnach allerdings „8,1 % der Neunt- und Zehntklässler einen riskanten Alkoholkonsum, 0,6 % weisen einen Hochkonsum auf.“ Jungen zeigen dabei ein „riskantere Konsummuster“ als Mädchen.

Auch der Tabakkonsum ist rückläufig. So sank beispielsweise der Anteil der 15- und 16-Jährigen, die bereits Erfahrungen mit dem Rauchen gesammelt haben, von 2003 bis 2015 von 77 auf 55 Prozent. Etwa 15 % der Jugendlichen in diesem Alter raucht den Angaben nach täglich, wobei die Raucheranteile mit sinkendem Bildungsniveau immer höher werden. Etwas erhöht hat sich hingegen der Cannabis-Konsum, hier gaben zehn Prozent der zwölf- bis 18 Jährigen an, schon einmal Erfahrungen gemacht zu haben.

Gesellschaftliche Aufmerksamkeit ist gestiegen
Insgesamt zeigt der Bericht zwar, dass die Zahl der Behandlungen aufgrund psychischer Störungen in den vergangenen Jahren stark angestiegen ist – doch dabei spielt vermutlich auch ein verändertes Bewusstsein eine wichtige Rolle. „Das liegt zum Teil sicher daran, dass die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für dieses Thema deutlich gestiegen ist und auch die Behandlungsangebote ausgeweitet werden konnten. Das ist positiv, weil es dabei hilft, psychische Erkrankungen weiter zu entstigmatisieren“, so Huml laut der Mitteilung des Ministeriums. (nr)

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