Pest-Ausbruch oder eher Panikmache in Amerika?

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Dr. Utz Anhalt
Rollt die Pest-Welle über Amerika oder ist es mehr Panikmache?
2016 starben vier Menschen in den USA an einer Form der Pest; dieses Jahr infizierten sich mehrere US-Bürger mit dem Bazillus. Unter den Seuchen war die Pest eine der schlimmsten. Droht den USA jetzt eine Seuchenwelle oder giert die Yellow Press nach Schlagzeilen?

Präriehunde und Kaninchen
In Coconino County, Arizona, starben Anfang August eine Anzahl von Präriehunden und Kaninchen mutmaßlich an der Pest. Auf den toten Tieren fand sich der Erreger Yersinia pestis.

Nagetiere wie Präriehunde sind Träger des Pestbakteriums. Als sehr soziale Tiere übertragen die Präriehunde die Pest untereinander. (miraculix63/fotolia)

Seuchenschutz?
Seitdem versucht sich die Lokalpresse als Ratgeber in Seuchenschutz: Keine wilden Kaninchen oder fremde Katzen streicheln, nicht mit Präriehunden kuscheln, so lauten einige Tipps, die, für sich genommen, sinnvoll sind.

Nichts neues
„Für sich genommen“ insofern, dass diese Tipps immer richtig sind. Wilde Tiere können Krankheiten auf Menschen übertragen. Im Grand Canyon warnen zum Beispiel die Behörden auf Schildern vor dem „gefährlichsten Tier des Grand Canyons“. Es handelt sich nicht um eine Klapperschlange oder einen Puma, sondern um ein beliebtes Berghörnchen, das Touristen gerne füttern und an A- und B-Hörnchen bei Walt Disney erinnert. Es kann mit seinem Biss aber eine Hirnhautentzündung auslösen.

Die Pest war immer da
Einen Pestfloh ins Ohr setzen die Seuchenwarnungen insofern, dass der Erreger in Amerika niemals verschwunden war. Eine Epidemie gab es zuletzt zwar seit mehr als hundert Jahren nicht mehr, doch im Südwesten, in New Mexico, Arizona, Colorado oder Nevada hielt sich ein Reservoir.

Die Pest kam mit den Einwanderern
Yersina Pestis gelangte nach Nordamerika über ein Handelsschiff während einer Pestepidemie, die ab 1894 in Südostasien grassierte. Der Erreger infizierte amerikanische Nagetiere.

Infektionen an Wildtieren
Menschen, die sich in den USA infizierten, waren Jäger, die mit betroffenen Hörnchen oder Präriehunden hantierten, in den 1980ern erkrankte eine Frau, als sie ein Eichhörnchen mit dem Rasenmäher überfuhr.

Woher stammte die Pest?
Der Ursprung der großen Pest des europäischen Mittelalter lag wahrscheinlich in Afghanistan, Afghanistan, Usbekistan und der Mongolei. Das Pestbakterium existiert dort bei besonders bei Steppenmurmeltieren, und Pestwellen brachen regelmäßig aus, wenn die Nagetiere ihren Bau verließen.

Wie verbreitete sich die Pest?
Die Steppennomaden Zentralasiens lebten nicht in Massen zusammen. Grassierte in einem Lager die Seuche, starben nur wenige Menschen. Die Seidenstraße und vor allem Dschings Khans Weltreich brachten die Pestbakterien nach Westasien und Europa.

Pestflöhe auf der Seidenstraße
Vermutlich übertrugen die wilden Nagetiere die Pest auf Ratten, die mit den Karawanen der Seidenstraße über Afghanistan in den Iran zogen, von dort nach Bagdad und Konstantinopel und von dort wiederum nach Venedig, Genua und dann nach Mittel- und Nordeuropa. Der Zeitverlauf der Pestwellen deckt sich mit den Wegen der Seidenstraßen.

Eine Zoonose
Ursprünglich ist die Pest eine Zoonose von Murmeltieren, Ratten und Hörnchen. Stecken sich Menschen unmittelbar bei wilden Nagern an, sprechen wir von silvatischer Pest – der Waldpest. Streng genommen wäre Steppenpest angebrachter. Da die meisten Menschen aber kaum mit Murmeltieren oder Eichhörnchen in direkten Kontakt kommen, sind solche Infektionen selten.

Auch andere Tiere betroffen
Die Pest kann circa 200 Säugetiere befallen, darunter Hunde und Katzen.

Yestina pestis
Das Bakterium Yersinia pestis löst die Seuche aus. Es handelt sich um eine Mutation von
Yersinia pseudotuberculosis, das für Menschen ungefährlicher ist.

Verbreitung der Zwischenwirte
Wie weit sich die Pest verbreitet, hängt von den Zwischenwirten ab. Leben diese in großer Zahl im Umfeld einer großen Zahl von Menschen, kann es zu einer Pestepidemie kommen.

So schlimm wie ein Atomkrieg
Die Pestwellen des späten Mittelalters schlugen in Europa ein wie ein Atomkrieg und blieben als Trauma im Gedächtnis des Kontinents erhalten. In einer einzigen Pestwelle überlebte in einigen Großstädten nur jeder zehnte Einwohner.

Warum die Pest so vernichtend wirkte?
Im 14. Jahrhunderts begann die „kleine Eiszeit“. Die Wanderratten lebten zuvor in den Stadtgräben. Jetzt zogen sie in die Keller. Die Menschen trugen das ganze Jahr über Pelze, ein Paradies für die Rattenflöhe. Durch die Kälte blieben die Menschen viel mehr als zuvor im Haus.

Der Floh der Wanderratte
Rattus norvegicus trug den Rattenfloh, und der den Erreger Yersinia pestis. Die Bevölkerung hatte sich zudem seit 900 vervierfacht; die Städte waren überfüllt. Für die Pest herrschten also günstige Bedingungen.

Wirkungslose Quarantäne
Seit dem ersten Pestausbruch in Messina galt für einfahrende Schiffe vierzig Tage Quarantäne. Die Ratten hinderte das aber nicht, an Schiffstauen an Land zu laufen, und der Erreger eroberte Europa.

Ist die Pest heute noch eine Gefahr?
Im Unterschied zum Mittelalter, als die Menschen der Seuche hilflos gegenüberstanden, helfen heute Antibiotika, Streptomycin und Chloramphenicol oder Kombinationen aus Tetracyclinen und Sulfonamiden. Schreitet die Pest jedoch fort und dringen die Erreger ins Blut ein, liegt die Sterbequote auch heute noch sehr hoch.

Pestwelle in den USA?
In den USA droht keine Pestwelle. Gefahr besteht erst, wenn sich der Erreger unter Ratten verbreitet und damit direkt in die Nähe der Menschen kommt. (Dr. Utz Anhalt)