Pest: Ratten waren doch nicht die Überträger

Alexander Stindt

Experten untersuchen, wie sich die Pest im Mittelalter so stark ausbreiten konnte

Im 14. Jahrhundert erreichte die Pest Europa und führte dazu, dass teilweise die Menschen in ganzen Landstriche verstarben. Die Pest ist wohl eine der schlimmsten Pandemien in der Geschichte der Menschheit und forderte Millionen von Menschenleben. Der Auslöser der Krankheit ist inzwischen zwar bekannt, es war allerdings noch unklar, wie sich die Pest so schnell von Mensch zu Mensch übertragen konnte. Forscher fanden jetzt heraus, dass in erster Linie Läuse und Flöhe von Menschen für die rasche Ausbreitung verantwortlich waren und nicht wie bisher angenommen Ratten und ihre Parasiten.

Die Wissenschaftler der University of Oslo stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass die Pest im Mittelalter wahrscheinlich über Läuse und Flöhe von Mensch zu Mensch übertragen wurde. Bisher gab es Annahmen, dass die Krankheit durch Ratten und deren Parasiten verbreitet wurde. Die Experten veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der englischsprachigen Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr schützten sich viele Pestärzte mithilfe von Masken mit langem Schnabel und versiegelten Augenöffnungen. (Bild: Dennis van de Hoef/fotolia.com)

Die Pest und ihre Auswirkungen im Mittelalter

Die Pest ist eine schreckliche Krankheit, welche alleine im Zeitraum zwischen dem Jahr 1346 und 1353 fast ein Drittel der Bevölkerung in Europa dahinraffte. Bei Ausbrüchen, welche etwa 500 Jahre lang immer wieder auftraten, erlagen bis zu 60 Prozent der Bevölkerung dem Bakterium Yersinia pestis. Die Krankheit wird dank ihres berühmtesten Ausbruchs auch als der schwarze Tod bezeichnet, was auf geschwärzte und geschwollene Lymphknoten zurückzuführen ist. Diese traten auf, nachdem Bakterien durch die Haut eingedrungen waren.

Menschenflöhe und Läuse waren der Überträger

Das größte Rätsel bei der Erkrankung ist der physische Mechanismus, der die rasche Ausbreitung der Seuche beschleunigte, sagen die Experten. In einer lange verbreiteten Theorie fungierten Ratten, Mäuse oder andere Nagetiere als Wirte der Bakterien. Lange galten Flöhe, welche erst die infizierten Tiere und danach Menschen bissen als Hauptüberträger. Das rasche Tempo der Übertragung und Ausbreitung lasse sich aber wohl eher durch Menschenflöhe und Läuse erklären, erläutern die Forscher. Solche Parasiten waren im Mittelalter sehr weit verbreitet und quasi allgegenwärtig.

Ratten spielten wohl keine große Rolle bei der Ausbreitung

Nach Ansicht der Forscher übertrug sich das tödliche Bakterium irgendwann vor dem großen Ausbruch der Pest von einem Nagetier auf Menschen und Parasiten. So konnte es sich immer weiter ausbreiten. Die Ratten spielten dabei dann wohl keine große Rolle mehr. Die Pest ist mit Antibiotika behandelbar, wenn sie früh erkannt wird, aber die Symptome können tödlich enden, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden. Allerdings waren im Mittelalter solche Medikamente für die Betroffenen nicht verfügbar. Das bei der Untersuchung verwendete neu entwickelte mathematischen Modell ergab, dass Nagetieren die Schuld an der Verbreitung der Pest wohl zu Unrecht nachgesagt wurde, erklärt Autorin Katharine Dean von der University of Oslo.

Wissenschaftler erstellen Modell zur Ausbreitung der Pest

Die Wissenschaftler erstellten für ihr Modell eine Liste von Merkmalen der Pest, die auf aktuellen Feldbeobachtungen, experimentellen Daten und Schätzungen beruhte. Diese umfassten beispielsweise Fakten, dass die Wahrscheinlichkeit sich von der Seuche zu erholen bei 40 Prozent lag und eine Laus mit Pestbakterien über einen Zeitraum von etwa drei Tagen infektiös blieb. Eine Person in dieser Zeit konnte durchschnittlich etwa sechs Flöhe beherbergen. Sogenannte Mortalitätsaufzeichnungen aus mehreren Jahrhunderten lieferten das kritischste Detail. Beobachter konnten damals den Anstieg und Rückgang der Todesfälle durch die Pest pro Woche dokumentieren, weil die Krankheit so virulent war und die Anzeichen einer Infektion so offensichtlich waren, erklärt Boris Schmid von der University of Oslo.

Es gab bei dem Modell drei verschiedene Szenarien

Durch die Auswertung von drei verschiedenen Szenarien konnten die Wissenschaftler dann feststellen, wie sich die Pest verbreitet hat. In einem verbreiteten Läuse und Flöhe die Pest. In dem zweiten Szenario verbreiteten Nagetiere und ihre Parasiten die Pest. Im dritten Fall verbreiteten hustende Menschen eine Version der Krankheit, die sogenannte Lungenpest.

Was ergab das Modell?

Das Modell mit den Nagetieren entsprach nicht den historischen Sterberaten. Das Ergebnis zeigte einen verzögerten, sehr hohen Anstieg der Todesfälle, den die Mortalitätsdaten allerdings nicht widerspiegeln. Auch das Modell mit der Lungenpest passte nicht zu den Daten der damaligen Todesfälle, sagen die Experten. Menschliche Körperläuse oder Flöhe waren die Hauptübertragungswege in mittelalterlichen Pandemien, mutmaßen die Autoren. Schon früher hatten Forscher einige Zweifel an der Theorie geäußert, dass die Flöhe von Ratten (Xenopsylla cheopis) die Verbreitung der Pest ausgelöst haben.

Auch heutzutage gibt es noch Ausbrüche der Pest

Pestausbrüche finden auch heute immer noch statt. Die Krankheit wurde laut der Weltgesundheitsorganisation WHO in der letzten Zeit in Madagaskar bei 171 Todesfällen als Ursache vermutet oder bestätigt. (as)