Rätsel Polio-ähnlicher Kinderkrankheit aufgedeckt

Fabian Peters

Virusinfektion Ursache bedrohlicher Lähmungserscheinungen bei Kindern

In den vergangen Jahren wurde bei Kindern in Asien, Europa, Kanada und den USA vermehrt eine rätselhaft Erkrankung festgestellt, die in ihrer Symptomatik der Kinderlähmung (Polio) ähnelt. Die Ursache der Kinderkrankheit blieb bislang unklar. Nun wurden spezielle Viren als Auslöser bestimmt. Rätsel

Australische Wissenschaftler der University of New South Wales (UNSW) in Sydney haben gemeinsam mit amerikanischen Kollegen der Arizona State University in Tempe das Enterovirus D68 (EV-D68) als Ursache der rätselhaften polio-ähnlichen Kinderkrankheit identifiziert. Anhand der sogenannten Bradford Hill Kriterien konnten die Forscher nachweisen, dass die Viren Ursache der Lähmungserscheinungen bei den Kindern in den USA, Kanada sowie einigen asiatischen und europäischen Staaten waren. Veröffentlicht wurde die Studie in dem Fachmagazin „Eurosurveillance Journal“.

Enteroviren sind offenbar die Ursache für eine rätshalfte Kinderkrankheit mit Lähmungserscheinungen, die seit einigen Jahren vermehrt auftritt. (Bild: Andrey Popov/fotolia.com)

Seit dem Jahr 2014 vermehrte Erkrankungen

Die Wissenschaftler der University of New South Wales haben gemeinsam mit ihren amerikanischen Kollegen überzeugende Belege dafür gefunden, dass das „Enterovirus D68“ (EV-D68) für die rätselhafte Polio-ähnliche Krankheit verantwortlich ist, berichtet das Institut Ranke-Heinemann als Australisch-Neuseeländischer Hochschulverbund von den Studienergebnissen. „2014 wurde die rätselhafte Krankheit, die als akute schlaffe Rückenmarksentzündung bekannt ist, bei den ersten Kindern in Amerika diagnostiziert“, erläutert Studienleiterin Prof. Raina MacIntyre, Direktorin am australischen NHMRC Centre for Research Excellence in Epidemic Response. Bis dato seien über 120 Kinder von der Erkrankung betroffen, doch die Ursache blieb bislang unklar.

Virusinfektionen ebenfalls deutlich gestiegen

Parallel zu den merkwürdigen Erkrankungen der Kinder war laut Aussage der Forscher eine überdurchschnittlich hohe Ausbruchsrate der Infektionen mit EV-D68 festzustellen, einem Virus, das seit den frühen 60er Jahren bekannt ist und zu Erkältungssymptomen, Muskelschmerzen, Fieber und Atemstörungen führt. In den Vereinigten Staaten, Kanada sowie einigen asiatischen und europäischen Ländern erkrankten rund 2.280 Menschen, darunter viele Kinder, bei denen die Symptome noch schlimmer ausfielen, berichten die Forscher.

Nachweis der medizinischen Kausalität

Da in den Regionen mit viele EV-D68 ebenfalls viele lähmende Erkrankungen bei Kindern auftraten, lag der Verdacht nahe, „dass es eine Verbindung zwischen EV-D68 und der akuten schlaffen Rückenmarksentzündung geben muss“, so Prof. MacIntyre. Bislang sei es jedoch nicht bekannt gewesen, dass das Virus auch Lähmungen hervorrufen kann. Die Wissenschaftler nahmen daher eine Literaturanalyse auf Basis des Bradford Hill Kriteriums hinsichtlich der akuten schlaffen Rückenmarksentzündung vor. Die Methode dient dem Nachweis medizinischer Kausalitäten und wurde unter anderem dazu genutzt, den Zusammenhang zwischen dem Rauchen und Krebs zu belegen.

EV-D68 höchstwahrscheinlich die Ursache

„Wir sind die Ersten, die diesen Ansatz benutzen, um einen Zusammenhang zwischen EV-D68 und der akuten schlaffen Rückenmarksentzündung nachzuweisen“, betont Prof. MacIntyre. Die aktuellen Ergebnisse bestätigen, „dass EV-D68 mit hoher Wahrscheinlichkeit die Ursache für die rätselhafte Krankheit und die Lähmung der Kinder ist“, so die Expertin weiter. Dieser Zusammenhang müsse nun anerkannt werden, sodass neue Präventionsmaßnahmen in die Wege geleitet werden können.

Ausbreitung verhindern

Insgesamt steigt das Auftreten von EV-D68 weltweit rapide an, warnen die Experten. Derzeit gebe es zudem noch keine medizinische Behandlungsmöglichkeit und keinen Impfstoff für die Polio-ähnliche Erkrankung, die durch EV-D68 hervorgerufen wird. Daher sei es umso wichtiger, die weitere Ausbreitung zu unterbinden. Durch angemessene Hygienemaßnahmen wie das Händewaschen mit Seife für 20 Sekunden könne die Verbreitung bereits verhindert werden. (fp)