Schriftdolmetscher übersetzen für Gehörlose

Alfred Domke

Schriftdolmetscher übersetzen für Gehörlose über Computer

29.09.2013

Tauben Studenten wird durch Unterstützung eines Schriftdolmetschers das Folgen von Vorlesungen an der Uni erleichtert. Auf einer Steno-Tastatur tippt der Übersetzer die Vorträge in den Computer und macht somit Sprache sichtbar. Am heutigen Sonntag, den 29. September, ist der Tag der Gehörlosen.

Spezielle Stenografie-Tastatur
Die Schriftdolmetscherin Sandra Kanschat sitzt regelmäßig in norddeutschen Hochschulen und lauscht wissenschaftlichen Vorträgen in Biologie, Kunst oder Mathematik. Dabei tippt sie die Vorträge simultan mit Hilfe einer speziellen Stenografie-Tastatur in den Laptop. Die Short-Cut-Eingaben werden von einer Software in lesbare Langschrift umgewandelt und beinahe in Echtzeit auf dem Monitor sichtbar. Dadurch könne auch ein tauber Student im Hörsaal die Vorlesung direkt verfolgen, erklärt die Computerstenografin.

Gehörlose haben Recht auf Dolmetscher
Dem Gehörlosen-Bund zufolge leben in Deutschland rund 80.000 taube Menschen. Als schwerhörig gelten 16 Millionen Bundesbürger. Seit Anerkennung der Gebärdensprache im Sozialgesetzbuch 2001 haben Gehörlose das Recht, für öffentliche Belange bei Ausbildung, Studium und Arbeit, beim Arzt, Arbeitsamt, im Gericht oder in Behörden Dolmetscher zu beauftragen. Krankenkassen, Arbeitgeber, Ämter oder Rentenversicherer übernähmen die Kosten.

Nur wenige Gebärdensprachdolmetscher
Bundesweit arbeiten nach Angaben des Gehörlosen-Bundes etwa 500 Gebärdensprachdolmetscher und somit müssten Betroffene oft wochenlang auf eine Kommunikationshilfe warten. Die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation, Sandra Kanschat, fand in ganz Mecklenburg-Vorpommern keinen Gebärdensprachkurs. Also absolvierte sie eine zweijährige Ausbildung zur Schriftdolmetscherin.

400 Silben in der Minute
Die Computer-Stenografie werde in Deutschland erst seit etwa zehn Jahren angeboten und sei aus dem Amerikanischen übernommen worden. Mittlerweile würden vielleicht ein Dutzend deutsche Stenografen als Simultanübersetzer für Gehörlose arbeiten. Zu ihnen gehört die 34-jährige Kanschat, die vor fünf Jahren in Groß Trebbow bei Schwerin ihren Dolmetscherservice „Mitschrift“ gründete. Die zweifache Mutter schaffe mit dem Steno-System bis zu 400 Silben in der Minute. Sie erklärt, dass sei das Drei- bis Vierfache dessen, was mit einer normalen Tastatur getippt werden könne.

Viele Betroffene beherrschen keine Gebärdensprache
Der Vorteil einer solchen Simultan-Mitschrift liege klar auf der Hand: Anders als bei der Gebärdensprache, könnten komplizierte Sachverhalte oder Vorträge wortwörtlich übertragen und sofort mitgelesen sowie für späteres Nachlesen, Überarbeiten und Lernen gespeichert und ausgedruckt werden. Kanschat erklärte außerdem, dass viele Betroffene, die erst als Erwachsene infolge eines Unfalls oder einer Krankheit ihr Gehör verloren, oft gar keine Gebärdensprache beherrschten.

Sich einfach und verständlich ausdrückende Politiker
Das junge Unternehmen Kanschats ist längst nicht mehr nur allein an Hochschulen tätig, sondern auch auf politischen und kulturellen Veranstaltungen, Betriebsversammlungen großer Unternehmen, bei Gerichtsverhandlungen, Arztbesuchen und Behördengängen. Laut Kanschat trage nicht nur allein das Können des Schriftdolmetschers zum Erfassen des Gesagten für Gehörlose bei, sondern der Vortragende selbst entscheide mit seiner Sprache darüber, ob er auch von Tauben erhört wird. „Vorbildliche Redner sind Joachim Gauck und Angela Merkel“, meint Kanschat. „Beide sprechen in perfekter Schreibgeschwindigkeit und korrektem Satzbau, sie verstehen es, sich einfach und verständlich auszudrücken.“

Tag der Gehörlosen
Der Tag der Gehörlosen, der 1951 vom Weltverband der Gehörlosen „World Federation of the Deaf“ (WFD) ins Leben gerufen wurde, wird seit Mitte der 1970er Jahre auch in Deutschland, jeweils am letzten Sonntag im September, begangen. Regionale Verbände machen mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen auf die besondere Situation tauber Menschen aufmerksam und werben für die Gebärdensprache. (ad)

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