Nickerchen gegen Rassismus: Schlaf kann laut Forscher Vorurteile abbauen

Sebastian
Studie: Im Schlaf können sexistische und rassistische Vorurteile durch spezielles Training abgebaut werden

Können Menschen mit rassistischen oder sexistischen Vorurteilen im Schlaf zum „Gutmenschen“ werden? Einer US-amerikanischen Studie zufolge können bestimmte Stereotypen zumindest reduziert werden, wenn man ein spezielles Training absolviert und das Unterbewusstsein im Schlaf gezielt angesprochen wird.

Studienteilnehmer wurden zunächst auf ihre sexistischen und rassistischen Vorteile getestet
Forscher fanden bereits heraus, dass bestimmte Erinnerungen im Schlaf reaktiviert und gestärkt werden können. So wurde unter anderem eine Lerneinheit mit einem Klang oder Geruch verknüpft und dieser Reiz den Probanden während des Schlafs erneut zugeführt. Später konnte das Erlernte besser abgerufen werden. Ähnliche Untersuchungen wurden unter anderem für Fakten und Emotionen durchgeführt.

Im Schlaf gegen rassistische Vorurteile? (Bild: contrastwerkstatt)
Im Schlaf gegen rassistische Vorurteile? (Bild: contrastwerkstatt/fotolia.com)

Xiaoqing Hu von der Northwestern University in Evanston und sein Team wollten herausfinden, ob auf diese Weise auch langjährig bestehende Denkmuster verändert werden können. Dabei konzentrierten sie sich auf rassistische und sexistische Vorurteile. Für ihre Studie wählten die Forscher 40 weiße Frauen und Männer aus, die zunächst einen Test absolvierten, der zeigte, wie sehr die Probanden zu gewissen sexistischen und rassistischen Vorurteilen neigen. Anschließend durchlief jeder Studienteilnehmer ein spezielles Training. Dabei sollte ein Portrait eines Menschen einem Begriff zugeordnet werden, der ihrem Vorurteil entgegenstand. So sollte beispielsweise das Gesicht eines dunkelhäutigen Mannes dem Begriff „Sonnenschein“ oder ein Frauengesicht „Mathematik“ zugeordnet werden. Ordneten die Probanden Bild und Begriff korrekt zu, erklang ein bestimmter Ton abhängig davon, ob es dabei um Rassismus oder Sexismus ging.

„Die gängige Erwartung ist, dass eine kurze, einmalige Intervention nicht stark genug ist, um einen nachhaltigen Einfluss haben“, erläutert Hu gegenüber der britischen „Dailymail“. „Es könnte deshalb besser sein, wiederholte Sitzungen und umfangreiche Trainings durchzuführen. Dennoch zeigen unsere Ergebnisse, wie Lernen – auch diese Art des Lernens – vom Schlaf abhängig ist.“

Im Schlaf wurden sexistischen und rassistischen Vorteile reduziert
Im nächsten Schritt machten die Versuchsteilnehmer einen 90-minütigen Mittagsschlaf. Während der Tiefschlafphase spielten die Forscher den Probanden den Rassismus- oder den Sexismus-Ton vor. Anschließend fragten Hu und sein Team erneute die Vorurteile der Probanden ab. Wie sich herausstellte, waren die Stereotypen deutlich abgemildert, deren zugehöriger Ton während des Schlafs abgespielt wurde. Ofenbar hatten sich die langjährigen Denkmuster durch das Training verändert. Die Veränderung war auch noch eine Woche nach dem Versuch messbar.

„Hu und seine Kollegen zeigen, welches bemerkenswerte Potenzial die gezielte Gedächtnis-Reaktivierung während des Schlafs hat, wenn es um die Veränderung tief verwurzelter Angewohnheiten geht“, zitiert die Nachrichtenagentur „dpa“ den Schlafforscher Jan Born von der Universität Tübingen. Born betont jedoch auch, dass noch viele Unklarheiten hinsichtlich der neurophysiologischen und psychologischen Mechanismen der Reaktivierung bestünden. Zum Beispiel sei noch offen, welchen Einfluss die Lernumgebung habe.

Im Schlaf hat der Mensch kein willentliches Bewusstsein
Dem Schlafforscher zufolge bestehe die Gefahr, dass zuvor verlernte Stereotypen wieder erlangt werden, möglicherweise sogar viel ausgeprägter. „Der Schlaf ist ein Zustand, in dem ein Individuum ohne willentliches Bewusstsein und somit ungeschützt gegenüber Suggestionen ist“, so Born. Es müssten deshalb auch ethische Überlegungen in die weitere Forschung mit einbezogen werden.

Hu und sein Team wollen „die Methode der Reaktivierung im Schlaf weiterentwickeln, so dass zukünftig Menschen mit schlechten Angewohnheiten wie Rauchen, selbstsüchtigem Verhalten oder ungesunden Ernährungsgewohnheiten, möglicherweise ihr Verhalten durch das Training ändern können“. Ihre Studienergebnisse veröffentlichten die Forscher im Fachmagazin „Science“. (ag)