Sprechstörung: Stotternde leiden oft doppelt

Heilpraxisnet

Welttag des Stotterns: Wissensdefizite über die Sprechstörung

22.10.2014

In Deutschland leben rund 800.000 Menschen, die dauerhaft stottern. Meist haben sie nicht nur unter ihrer Sprechstörung, sondern auch an den Reaktionen ihrer Mitmenschen zu leiden. Deren Wissensdefizite führen oft zu Peinlichkeiten und Kränkungen. Der Welttag des Stotterns am 22. Oktober soll dazu beitragen, die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren.

Peinlichkeiten und Kränkungen
Etwa 800.000 der in Deutschland lebenden Menschen stottern dauerhaft. Die meisten von ihnen haben nicht nur an ihrer Sprechstörung zu leiden, sondern auch mit Peinlichkeiten und Kränkungen unsensibler Mitmenschen zu kämpfen. So wenden manche den Blick verlegen ab und bei der ersten Gelegenheit sucht der Gesprächspartner das Weite. Im täglichen Miteinander stoßen stotternde Menschen oft auf dieselben Reaktionen. „Einige behandeln Stotterer, als wären sie minderbemittelt, manche reagieren sogar mit Gelächter oder Aggressionen“, sagte Alexander Wolff von Gudenberg, Leiter des Sprechtherapie-Instituts Parlo in Calden bei Kassel gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Am 22. Oktober soll der Welttag des Stotterns für das Thema sensibilisieren.

Auch Prominenten fällt es schwer sich zu outen
Auch wenn der Erfolg des Kinofilms „The King`s Speech“ über den stotternden König George VI. die Störung für eine gewisse Zeit ins Rampenlicht gebracht habe, meint der Psychologe und Buchautor Johannes von Tiling: „Nach wie vor gibt es in Deutschland ein großes Defizit an Wissen über das Stottern.“ Der Vorsitzende der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS), Martin Sommer erklärte, dass eine Ursache dafür sei, dass Stotternde selten wortreich für ihre Belange eintreten. Betroffene würden sich eher zurückziehen und ihre sozialen Kontakte minimieren. Auch Prominente, die stottern, fällt es oft schwer, sich zu outen. So dürften eher wenige wissen, dass Marylin Monroe stotterte und Bruce Willis als Kind ebenfalls. Der bekannteste Betroffen in Deutschland ist wohl „Der Graf“, Sänger der Band „Unheilig“.

Störung in drei Kernsymptome unterteilt
Bei Stotterern werden die Unterbrechungen in drei Kernsymptome unterteilt: Wiederholungen, Dehnungen von Lauten und Blockierungen. Kinder stottern am häufigsten, wie Sommer erklärte. Nach neueren Daten seien es bis zu elf Prozent. Allerdings verschwindet das Stottern bei ihnen bis zur Pubertätoft von selbst oder bei einer Therapie. Von den Erwachsenen stottern den Angaben zufolge nur noch etwa ein Prozent, rund 80 Prozent davon sind männlich. Meist bleibt die Störung bei ihnen lebenslang bestehen. Dass es zu Spontanheilungen nach der Pubertät kommt, ist extrem selten. Selbst mit Therapien lässt sich die Störung dann meist nur lindern und nicht vollständig aufheben.

Neue Therapieformen kamen hinzu
Bei den Therapien gibt es zwei große Richtungen. Zum einen das Fluency Shaping, bei dem Betroffene ein weiches gebundenes Sprechen für eine bessere Sprechkontrolle üben. Und zum anderen die Stottermodifikation, bei der der normale Redefluss beibehalten und nur an Hänge-Stellen versucht wird, die Blockade mit speziellen Techniken kontrolliert aufzulösen. In den vergangen Jahrzehnten kamen aber auch gänzlich neue Therapieformen hinzu. So bietet sich die Online-Therapie gegen das Stottern für Menschen an, die „sonst keine Therapie machen wollen oder können“, wie von Gudenberg erklärte. Von manchen Anbietern werden jedoch auch immer wieder unangemessene Heilsversprechen bezüglicher neuer Wundermittel gemacht. Davor warnen Experten. „Es gibt noch keine Wunderpille, die Stottern heilen kann“, so Sommer. „Aber das Leiden am Stottern, das ist heilbar.“

Gründe für Stottern nicht ausreichend erforscht
Die Gründe für das Stottern sind bislang nicht ausreichend erforscht. Nach Ansicht von Experten entsteht es durch Fehler bei der Zusammenarbeit von linker und rechter Gehirnhälfte. Zudem haben Studien ergeben, dass das Stottern in 70 Prozent der Fälle genetisch bedingt sei und stotternde Menschen dreimal häufiger Verwandte hätten, die ebenfalls stottern. Es wird vermutet, dass nur eine Veranlagung vererbt wird, also müssten die Nachkommen nicht zwangsläufig stottern. Wie es heißt, ist der Bereich im Gehirn, der die Zunge ansteuert, bei Menschen ohne Sprachstörung aktiver. (ad)

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de