Studie: Jedes dritte neue Medikament ohne nachweisbaren Zusatznutzen für Patienten

Alfred Domke
Neue Medikamente: Nur eines von dreien hat für Patienten zusätzlichen Nutzen
Die Ausgaben für Arzneimittel sind in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Auch neue Medikamente, die in der Regel kostenintensiver sind, tragen zum Anstieg der Kosten im Gesundheitswesen bei. Doch ein Großteil der Arzneien, die neu auf dem Markt sind, haben gar keinen zusätzlichen Nutzen für Patienten.

Teure Medikamente ohne Zusatznutzen
Anfang vergangenen Jahres wurde berichtet, dass die Arzneimittelausgaben in Deutschland ein neues Rekordhoch erreicht haben. Kostentreiber sind unter anderem neue, teure Medikamente gegen Krankheiten wie Hepatitis C oder Krebs. Sorgen die Arzneien dafür, dass Krankheiten besser therapiert werden können, sind Preissteigerungen eher nachvollziehbar. Doch viele Medikamente sind ohne Zusatznutzen.

Jedes dritte neu auf den Markt gekommene Medikament hat keinen zusätzlichen Nutzen für Patienten. Das zeigt eine Zwischenbilanz der gesetzlichen Krankenkassen. (Bild: PhotoSG/fotolia.com)

Jedes dritte neue Arzneimittel ohne Vorteil für den Patienten
Wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe berichten, hat jedes dritte neu auf den Markt gekommene Medikament keinen zusätzlichen Nutzen für Patienten. Dies zeige eine Zwischenbilanz der gesetzlichen Krankenkassen. Zuvor seien fünf Jahre lang alle neuen Medikamente verpflichtend auf ihren Nutzen und ihre Kosten hin untersucht worden.

Den Angaben zufolge haben die gesetzlichen Kassen und die Pharmahersteller seit 2012 für 129 Medikamente Preisverhandlungen geführt. Von diesen Präparaten hätten lediglich 44, also etwa ein Drittel, einen klar nachweisbaren zusätzlichen Nutzen für die Patienten.

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Ein weiteres Drittel (41 Arzneien) habe gar keinen Vorteil gegenüber bekannten Therapien, der Rest nur für einen Teil der Patienten.

Reform blieb unter den Erwartungen
Wie es heißt, sei ein Großteil der neuen Medikamente, die in den vergangenen Jahren auf den Markt kamen, für die Behandlung von Krebserkrankungen, Infektionskrankheiten wie Hepatitis oder für Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes gedacht.

Preisverhandlungen und Nutzenbewertung sind Ergebnis einer Arzneimittelmarktreform von 2011, die helfen sollte, die Ausgaben für Medikamente zu begrenzen. Allerdings zeigte die Bilanz der Kassen, dass die Reform unter den Erwartungen blieb.

Zwar konnten in den fünf Jahren insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro eingespart werden, doch ursprünglich sollten jedes Jahr zwei Milliarden Euro zusammenkommen.

Ärzte benötigen Informationen über den Nutzen neuer Medikamente
Die Krankenkassen bewerten die Bilanz dennoch positiv: „Die Nutzenbewertung und die Preisverhandlungen bieten eine Möglichkeit, die Qualität der Arzneimittelversorgung zu steigern“, sagte der Vizechef des Spitzenverbands der Krankenkassen, Johann-Magnus von Stackelberg, gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Das hilft, die Spreu vom Weizen zu trennen.“

Es sei jetzt an der Zeit für eine Weiterentwicklung. „Niedergelassene Ärzte müssen schnell und detailliert Informationen über den Nutzen neuer Medikamente bekommen“, so von Stackelberg.

„Nur wenn sie wissen, welche Arzneimittel wirklich besser sind, können sie ihre Patienten gut versorgen“, meinte der Verbandsmanager.

Dem Einfluss der Pharmaindustrie entgegenwirken
Das Problem besteht schon seit längerem. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Techniker Krankenkasse (TK) in einer Mitteilung darauf hingewiesen, dass Ärzte, Pharmaunternehmen, Patienten und Krankenkassen seit langem fordern, dass das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) und damit die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung in der Arztpraxis ankommen müssen.

„Derzeit erhalten einige Patienten neue Therapien nicht schnell genug, andere bekommen teure Präparate, die keinen Zusatznutzen haben“, sagte Tim Steimle, Leiter Fachbereich Arzneimittel der TK, auf der Pharma 2016 in Frankfurt.

„Wir wünschen uns daher, dass die Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschuss stärker in die Verordnungsentscheidung einbezogen werden“, so der TK-Experte. Die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung in den medizinischen Leitlinien zu berücksichtigen, würde nicht nur die Ärzte bei der Therapiewahl unterstützen, sondern gleichzeitig dem Einfluss der Pharmaindustrie auf die Leitlinien entgegenwirken.

„Der Arzt steht derzeit in einem Konflikt. Er soll die Leitlinien berücksichtigen, die aber häufig eine andere Empfehlung geben als die frühe Nutzenbewertung“, erläuterte Steimle.

Pläne des Gesundheitsministers
„Die Nutzenbewertung von Arzneimitteln und die anschließenden Preisverhandlungen führen zu Kosteneinsparungen im Sinne der Versicherten“, meinte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gegenüber den Funke-Zeitungen.

Seinen Angaben zufolge sollten die neuen Regelungen, die er plane, helfen, dass Patienten „weiter einen schnellen Zugang zu neuen hochwertigen Arzneimitteln haben“ und das Gesundheitswesen „nachhaltig finanzierbar bleibt“. (ad)