Studie: Psychische Krankheiten im Alter häufiger als bislang angenommen

medicine, age, health care and people concept - senior woman patient lying in bed at hospital ward
Fabian Peters
Psychische Gesundheit im Alter bislang falsch eingeschätzt?
Psychische Probleme treten in allen Altersstufen auf, doch galt bislang die Annahme, dass ältere Menschen hier deutlich weniger anfällig sind und daher die Häufigkeit psychischer Erkrankungen im höheren Alter sinkt. Ein internationales Forscherteam unter Koordinierung von Professor Dr. Martin Härter, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), hat nun allerdings herausgefunden, dass deutlich mehr alte Menschen unter psychischen Krankheiten leiden, als bislang angenommen. Angesichts unzureichender Diagnoseverfahren würden diese jedoch oft nicht erkannt.

Erst vor knapp zwei Monaten hatten US-Wissenschaftler eine Studie veröffentlicht, die eine steigende Zufriedenheit und eine verbesserte psychische Gesundheit im Alter konstatierte. Doch die aktuelle Untersuchung kommt hier zu einem anderen Ergebnis. Sie widerspricht der Annahme, dass die Häufigkeit psychischer Erkrankungen im höheren Alter sinkt. Rund ein Drittel der 65 bis 85 Jahre alten Studienteilnehmer habe rückblickend auf ein Jahr unter einer psychischen Erkrankung gelitten und rund ein Viertel der Befragten zeigte eine aktuelle psychische Erkrankung, so die Mitteilung des UKE. Ihre Ergebnisse haben die Forscher in dem Fachmagazin „British Journal of Psychiatry“ veröffentlicht.

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Herkömmliche Diagnoseinstrumente ungeeignet
Die neue, groß angelegte Untersuchung erfasste in sechs europäischen Ländern mit innovativen Diagnoseverfahren die psychische Verfassung älterer Menschen. „Ausgangspunkt war die Annahme, dass die gültigen Diagnoseverfahren für Erwachsene schlechter für die Diagnose von psychischen Krankheiten bei älteren Menschen geeignet sind“, berichtet Studienleiter Prof. Härter in der Pressemitteilung des UKE. So würden ältere Menschen bei den herkömmlichen Diagnoseinstrumenten recht bald die Aufmerksamkeit verlieren und hinzu komme, „dass die Fragen in den bisherigen Diagnoseverfahren oft recht lang und kompliziert waren, was zusätzlich älteren Menschen Probleme bereitete“, berichtet der Experte.

3.100 Seniorinnen und Senioren untersucht
Gemeinsam mit Prof. Dr. Sylke Andreas, Dr. Jana Volkert und Prof. Dr. Holger Schulz vom UKE koordinierte Prof. Härter die aktuelle Studien, für die zunächst ein neues Diagnoseinstrumenten in Form eines computerbasierten Interviews mit vereinfachten Sätzen entwickelt wurde. Anschließend wurden „mit diesem Verfahren 3.100 Menschen im Alter von 65 bis 85 Jahren in Spanien, Großbritannien, Deutschland, Italien, Israel und in der Schweiz untersucht“, so die Mitteilung des UKE. Die Auswertungen ergaben, dass ein erheblicher Anteil der Probanden unter psychischen Erkrankungen litt.

Angsterkrankungen und Depressionen im Alter besonders häufig
„Die Ergebnisse zeigen eine deutlich höhere Häufigkeit von psychischen Erkrankungen bei älteren Menschen als bisher angenommen wurde“, berichtet das UKE: So habe ein Drittel der Befragten eine psychische Erkrankung im vergangenen Jahr erlebt und bei einem Viertel der Befragten sei eine aktuelle psychische Erkrankung festgestellt worden. „Am häufigsten waren es Angsterkrankungen (17 Prozent) und Depressionen (14 Prozent), an denen die befragten Personen im vergangenen Jahr erkrankt waren“, so die Mitteilung des Universitätsklinikums.

Mehr psychotherapeutische Versorgungsangebote für alte Menschen erforderlich
Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die Zahlen insbesondere vor dem Hintergrund der bisher angebotenen Gesundheitsleistungen für ältere Menschen erschreckend ausfallen. Hier seien dringend bessere und verlässlichere Wege erforderlich, um zu festzustellen, ob ältere Mensch an einer psychischen Erkrankung leiden. Damit einher gehe auch die dringliche Notwendigkeit, bis dato beinahe gänzlich fehlende psychotherapeutische Versorgungsangebote für Menschen im höheren Lebensalter zu etablieren. In jedem Fall gilt es, die bisherige Bewertung der psychischen Gesundheit im Alter neu zu überdenken. (fp)

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